Villnachern

Es ist Zeit für ein Abenteuer: Warum es diese Aargauerin nach Sambia zieht

Die 26-jährige Villnacher Lehrerin Lea Eichenberger arbeitet in den nächsten drei Jahren in der sambischen Hauptstadt Lusaka. Sie unterstützt Lehrpersonen vor Ort – will aber auch von ihnen lernen.

Lusaka. Hochhäuser wechseln sich ab mit heruntergekommenen Gebäuden. Auf den staubigen Strassen hupen Autos, am Strassenrand lassen sich Händler nieder, verkaufen Kleider oder Esswaren. Der Markt ist ein kunterbuntes Wirrwarr von Ständen. Musik wird überall gespielt. Zwei Millionen Menschen leben in der Hauptstadt von Sambia. Hierhin zieht es die 26-jährige Lea Eichenberger aus Villnachern. Ausgerechnet sie, die naturverbunden ist, die mit Städten nichts anzufangen vermag, die lieber in den Bergen ist als im Mittelland. Sie, die sich nach der Ausbildung zur Primarlehrerin in der ganzen Schweiz beworben hat, um in den Bergen wohnen zu können.

Am Ende landete sie im Glarnerland. In Elm wohnte sie vier Jahre lang, unterrichtet hat sie im Nachbardorf Engi. Landschaftlich habe es ihr sehr gut gefallen, und das Unterrichten der Chlytaler Kinder habe ihr Freude bereitet. Zudem sei dort die Elternarbeit noch unkompliziert, sagt Lea Eichenberger. Dafür seien die Menschen eher zurückhaltend gewesen, gleichaltrige Freunde zu finden, sei schwierig gewesen.

Schule im Armenviertel

Jetzt ist die Zeit für ein Abenteuer gekommen. Die Zeit, sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen. Am 5. August reist sie als Fachperson mit der Organisation Comundo nach Sambia. Dort wird sie für drei Jahre einen Einsatz in der sogenannten Personellen Entwicklungszusammenarbeit (Peza) leisten. In einem Armenviertel von Lusaka wird sie tätig sein an einer Community School. «Meine Hauptaufgabe wird darin bestehen, mit den Lehrpersonen vor Ort zusammenzuarbeiten und sie bei der pädagogischen und didaktischen Unterrichtsentwicklung zu unterstützen», erklärt Lea Eichenberger bei einem Kaffee im «Stadtklatsch» in Brugg.

Den Wunsch, für längere Zeit im Ausland tätig zu sein, hegte sie schon lange. Spätestens nach ihrem Austauschjahr an der Kantonsschule, als sie ein Jahr in Kanada verbrachte. Den Ärmel reingezogen hat es ihr dann aber bei einem Sozialeinsatz in Indonesien, wo sie einen Monat lang tätig war.

Ursprünglich wollte sie nach der Matura Internationale Beziehungen in Genf studieren, um später Fuss zu fassen in der Entwicklungshilfe. «Als ich dann aber herausfand, dass man nach diesem Studium häufig irgendwo im Büro landet, habe ich mich umorientiert», sagt sie. Sie entschied sich für das Pädagogikstudium. Denn das Arbeiten mit Menschen liegt ihr besonders am Herzen.

Ein Bänderriss vor gut einem Jahr führte dann dazu, dass sie viel freie Zeit hatte. Diese investierte sie, um sich über Auslandeinsätze zu informieren. Im Internet stiess sie dabei auf die Organisation Comundo. «Nachhaltige Entwicklungsarbeit, in der der Mensch im Fokus ist, ist der Kern der Arbeit dieser Organisation», sagt Lea Eichenberger. «Das entspricht mir.» Sie bewarb sich blind, absolvierte ein dreitägiges Assessment. Als ausgebildete Primarlehrerin gab man ihr zu verstehen, dass sie gute Chancen hat, bald einen geeigneten Job zu finden. Dann kam der Vorschlag für Sambia. Ein Glück für Lea Eichenberger. «Ich war schon in Südafrika, Botswana und Namibia und war begeistert», sagt sie. Umso mehr freut sie sich, nun bald in einem afrikanischen Land tätig zu sein.

Ihr ist bewusst, dass es ihrerseits ein grosses Mass an Flexibilität brauchen wird. «Dazu gehören Offenheit und ein grosses Vertrauen in mich selber und in die Menschen in meinem Umfeld.» Mit ihrem Einsatz wolle sie einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder vor Ort einen besseren Zugang zu einer nachhaltigen Bildung haben und so die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben erhalten.

Lea Eichenberger geht es nicht darum, den Menschen vor Ort beweisen zu wollen, dass die europäische Art und Weise die richtige ist. «Im Gegenteil: Es geht darum, voneinander zu lernen», betont sie. «Ich freue mich darauf, mein Wissen weiterzugeben und gleichzeitig von den Menschen vor Ort lernen zu dürfen.» Ihr sei der Austausch auf Augenhöhe wichtig.

Die junge Frau mit den stahlblauen Augen und dem Kurzhaarschnitt weiss, worauf sie sich einlässt. «Viele Familien können sich die Schulbildung ihrer Kinder nicht leisten», erklärt sie die Situation vor Ort. Das Problem: Zwar herrscht in Sambia Schulpflicht, doch sind die staatlichen Schulen nicht unentgeltlich. «Die Eltern müssen Schuluniformen und -material selber bezahlen, was für viele nicht möglich ist», sagt sie.

Auf den dreijährigen Aufenthalt hat sich die Lehrerin mit Lesen vorbereitet. Bücher über die afrikanische Geschichte und Politik gehörten dazu. Zudem hat sie viele Gespräche geführt und einen Vorbereitungskurs der Organisation besucht. «Dennoch werde ich wohl in so manches Fettnäpfchen treten», sagt sie und lacht. Zudem wisse sie noch nicht, wie sie mit gewissen Situationen umgehen wird, und schildert gleich ein Beispiel: «In Sambia gilt es als unhöflich, ältere Menschen zu kritisieren oder ihre Meinung zu hinterfragen. Wenn die Kinder in der Schule der Lehrerin eine Frage stellen, gilt das als unhöflich. Wie der Unterricht unter solchen Umständen funktionieren soll, ist mir noch ein Rätsel.»

Bedenken hat sie übrigens weniger wegen allfälliger Kriminalität, sondern vielmehr wegen der vorherrschenden Korruption. Bei all dem Arbeiten und Leben in der Stadt wird Lea Eichenberger froh sein, dass sie pro Jahr fünf Wochen Ferien zugute hat. Dann wird es sie, die Naturliebhaberin, rausziehen aus der Stadt. Sie will die Gelegenheit nutzen, andere Teile von Sambia kennen zu lernen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1