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«Es ist nicht optimal, wenn Oberflächenanlagen über dem Grundwasser liegen»

Walter Wildi sagt, was die Nagra besser machen könnte

Walter Wildi sagt, was die Nagra besser machen könnte

Walter Wildi, Geologieprofesor an der Universität Genf, erläuterte gestern vor viel Publikum im Kino Monti in Frick seine Kritik am Vorgehen der Nagra bei der Suche nach den Tiefenlager-Standorten.

«Der ist ja gar nicht gegen den Bau eines Tiefenlagers», sagte ein älterer Herr aus Hausen nach dem Referat von Walter Wildi. Das Kino Monti in Frick war am Sonntagmorgen gut besucht. «Das wird kein lustiger Morgen», warnte der kritische Geologieprofessor der Universität Genf die Gäste. Wildi beschäftigt sich seit 40 Jahren mit Standortfragen für radioaktiven Abfall und ist mit der Geologie am Bözberg bestens vertraut.

Für die Lagerung von radioaktivem Abfall habe man auf internationaler Ebene schon einige Szenarien diskutiert und verworfen: Weltraum oder Meeresboden. Bisher sei man sich einig, dass Oberflächenlagen wegen Erdbeben und Flugzeugabstürzen zu riskant sind, so Wildi.

Risiken sollen analysiert werden

Heute gebe es weltweit Pläne für das Multibarrierenkonzept, berichtete Wildi. Der radioaktive Abfall wird je nach Art verglast oder in Metallbehältern verpackt und später in einer geologisch stabilen Schicht eingelagert. «Aus heutiger Sicht besteht das grösste Risiko, wenn der Stollen offen ist. Also während 200 Jahren», sagte der gebürtige Aargauer. Beim Transport zur Eingangspforte sowie bei der Umlagerung der Brennstäbe kann Radioaktivität entweichen.

«Es ist deshalb nicht optimal, wenn Oberflächenanlagen über dem Grundwasser liegen», so Wildi. Die von der Nagra vorgeschlagenen 20 Oberflächenstandorte liegen alle über dem Grundwasser. «Dafür gibt es im Moment keinen Grund.»

Weiter kritisierte Wildi das Vorgehen der Nagra. Es mache keinen Sinn, Oberflächenstandorte auszuwählen, bevor entschieden ist, wo das Tiefenlager gebaut werden kann. Die Suche von aussen nach innen laufe verkehrt. Es müsste umgekehrt sein. Sonst werde man dann ein «Bähnli« bauen vom Oberflächenstandort zum Tiefenlager. Mehrere Kilometer lange Zufahrtsrampen stellten aber erneut unnötige Risiken dar. Mit einem Schacht wäre der Weg zum Lager gemäss Wildi nicht nur kürzer, sondern auch sicherer. «Dieser Aspekt wird von der Nagra aber im Moment nicht seriös bearbeitet.» Eigentlich bräuchte es an der Oberfläche nur eine Fläche von 200 auf 500 Meter, um ins Lager einzusteigen. Möglich wäre das nach Wildi vom Bözberg aus. «In diesem Prozess muss man noch viel lernen, damit das Resultat am Schluss stimmt», sagte Wildi zum Abschluss, denn «kein offenes Problem darf in einem Tiefenlager begraben werden.»

Seit seinem Rücktritt aus dem Beirat Entsorgung am 10. August hatte Wildi die Nagra mit Zeitungsschlagzeilen wiederholt provoziert. Dass sie nun Stellung genommen hat freut den Geologen. Er hofft, dass endlich eine Debatte in Gang kommt: «Ich will nicht recht haben. Ich will einfach ein sicheres Tiefenlager.»

Endlagerbau in Finnland

In Finnland wird aktuell das erste Endlager gebaut. Es soll den radioaktiven Abfall, der im Land anfällt, für mindestens 100 000 Jahre sicher im Untergrund lagern. Der Dokumentarfilm «Into Eternity» (Bis in alle Ewigkeit) von Michael Madson, der im Anschluss an das Referat von Wildi gezeigt wurde, stellt viele Fragen. Wie kann man die kommenden Generationen warnen, dass im Untergrund etwas gefährliches liegt, das nicht ausgegraben werden darf? Die Aussagen der Zuständigen machen gegen Schluss des Films klar, dass niemand weiss wo dieser Prozess hinführt.

«Das ist ja wahnsinnig, diese Arbeit, um den Abfall zu lagern», entfuhr es einer Frau während der Projektion. «Der Film war gut. Es hat sich gelohnt, dass wir noch geblieben sind», sagte der Mann bevor er nach Hausen zurückkehrte.

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