Es ist die Nacht auf den 30. Juli 1444. Vor der Dämmerung klopft der junge Freiherr Thomas von Falkenstein an das Turmtor auf der linken Seite des Aareufers. Henman Tügin, der Wächter, erkennt die Stimme des Mannes. Thomas von Falkenstein, ein vermeintlicher Bernfreund, gibt vor, eine eilige Friedensbotschaft an die Eidgenossen vor Zürich überbringen zu müssen. Der Wächter öffnet das Tor. Ein Fehler.

«Sogleich drängte sich die wohl einige 100 Mann umfassende Truppe über die Brücke und in die Stadt. Die List war gelungen. Die meisten Chronisten berichten, Tügin habe in seiner Not den Schultheissen rufen wollen, doch habe ihm Falkenstein den Kopf abgeschlagen oder ihn erstochen und die Leiche in die Aare geworfen. Dieser Darstellung widersprach Falkenstein später entschieden», heisst es im Buch «Brugg erleben – Schlaglichter auf die Brugger Geschichte» von Max Baumann und Andreas Steigmeier.

Um den Überfall auf das Städtchen Brugg im Sommer 1444 zu verstehen, muss man noch weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Zu dieser Zeit herrschten nämlich ungeklärte politische Verhältnisse. Seit dem 13. Jahrhundert war Brugg eigentlich ein habsburgisch-österreichisches Landstädtchen. 1415 wurde es aber durch Truppen von Bern und Solothurn kampflos erobert. Die Berner Regierung gewährte den Bruggern Sonderrechte, die sie vom Reich oder von den Habsburgern erhalten hatten. Brugg befand sich folglich in einer ungewohnten Grenzlage. Die Aare war die Grenze zwischen Berner und Habsburger Gebiet. Bern besetzte das Eigenamt inklusive der Klosteranlage Königsfelden, das linke Aareufer aber nicht. Als habsburgisch-österreichisch galt das Gebiet von Villnachern bis Lauffohr-Villigen inklusive Schenkenbergertal und Bözberg. Es gehörte zur Herrschaft Schenkenberg.

Habsburger kämpften mit Geldnöten

Weil die Habsburger mit Geldnöten zu kämpfen hatten, verpfändeten sie die Herrschaft Schenkenberg an treue Gefolgsleute. Im Jahr 1442 herrschte Freiherr Thüring von Aarburg wie ein kleiner Fürst.

Für Brugg war die Situation schwierig, lag doch die Vorstadt auf dem linken Aareufer, genauso wie die Waldungen auf dem Bruggerberg, die sich in der Herrschaft Schenkenberg befanden. Entsprechend mussten sich die Brugger mit den jeweiligen Herren von Schenkenberg gut stellen. So nahmen sie beispielsweise Freiherrn Thüring von Aarburg im Jahr 1432 für zwölf Jahre ins Bürgerrecht auf, was einem Bündnis entsprach. Trotz allem: Brugg durfte als Österreichfreundlich bezeichnet werden.

Als der österreichische Herzog Friedrich im Jahr 1440 römisch-deutscher König wurde (ab 1452 war er als Friedrich III. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs) und ankündigte, dass er sich die Herausgabe des Aargaus wünscht, keimte auch in Brugg die Hoffnung auf, bald wieder zum habsburgisch-österreichischen Reich zu gehören.

Im Mai 1443 brach aber der «Alte Zürichkrieg» aus. Österreich und Zürich kämpften gegen die übrigen Eidgenossen. Allerdings erhielt Zürich keine Unterstützung – weder des Königs noch von den österreichischen Truppen. In der Folge heuerte Zürich süddeutsche Adlige als Berufskrieger an. Unter ihnen befand sich Hans von Rechberg, der als taktisch und strategisch besonders begabt galt und bekannt war als «geschäftstüchtiger Militärunternehmer, der sich durch Plündern bereicherte und keine Skrupel vor Totschlag, Brandstiftung und Zerstörung hatte», wie es im Buch «Brugg erleben» heisst. Lief ein Vertrag aus, konnte der Berufskrieger bedenkenlos die Seite wechseln.

Horden aus Frankreich kommen zu Hilfe

Nach einem Waffenstillstand setzten im Sommer 1444 die Feindseligkeiten zwischen Zürich und den Eidgenossen wieder ein. Ab dem 26. Juni wurde die Limmatstadt von etwa 20 000 Eidgenossen belagert. Hans von Rechberg wurde in der Folge von den Zürchern zum Oberkommandierenden ernannt.

Obwohl Zürich gut ausgerüstet und auf eine längere Belagerung vorbereitet war, brauchte die Stadt dennoch Hilfe von aussen. Österreich bot erneut keine Hilfe, Frankreich aber sagte zu. Der französische König schickte die Armagnaken. Sie werden als undisziplinierte Horden bezeichnet, die nach Abschluss eines Kriegs gegen England die eigenen Gebiete verwüsteten und beim französischen Volk als Landplage galten. Der französische König war also froh, eine Aufgabe für die Armagnaken gefunden zu haben. Die Söldner sollten via Basel und durch das Fricktal nach Zürich gelangen. In Zürich keimte Hoffnung auf.

Um die Vorbereitungen zu tätigen, schlich sich der Oberkommandierende Hans von Rechberg durch den Belagerungsring und machte sich auf ins österreichische Laufenburg. Von hier aus sollten den Armagnaken das Vorrücken erleichtert und die eidgenössischen Truppen von der Limmatstadt abgezogen werden. Der Fokus richtete sich auf Brugg. Offiziell sollte der einfache Flussübergang für die französischen Söldner gesichert werden. Das eigentliche Motiv der süddeutschen Adligen, die Laufenburg damals sicherten, war die Aussicht auf eine Plünderung, die reiche Beute bringen sollte. Dabei diente der Bruggerberg als Schutz, die Stadt konnte so leicht angeschlichen werden. «Die Besetzung Bruggs galt aus österreichischer Sicht ohnehin als Rückeroberung althabsburgischen Reichtums, das sich Bern angeblich widerrechtlich angeeignet hatte», führen die Autoren aus.

Und so kam es, dass sich der junge Freiherr Thomas von Falkenstein mit einer Truppe nach Brugg aufmachte. Denn er kannte die Gegend und war in Brugg persönlich bekannt – und wurde darum auch vom Wächter beim Turmtor in besagter Nacht des Überfalls eingelassen.

Ein zeitgenössischer Bericht über den Überfall existiert nicht. Lediglich ein kurzer Brief des Landvogts von Baden ist vorhanden. Darin steht, dass «heute früh ein Volk gen Brugg» kam, das Städtchen einnahm, die reichsten Bürger verhaftete und mit Leib und Gut wegführte, die ärmeren Bewohner wurden dazu gedrängt, ihnen zu schwören. «Wie das zugegangen ist, kann ich Euch eigentlich nicht schreiben», heisst es. Alle übrigen Schilderungen seien viel später abgefasst und mit mehr oder weniger reichen Ausschmückungen versehen, schreiben die Autoren in «Brugg erleben». Sie haben aus all den Quellen versucht, den Hergang herauszuschälen.

«Nicht zu bezweifeln ist, dass Brugg im Handstreich genommen wurde», schreiben sie. Niemand habe mit einem Überfall gerechnet. Falkenstein habe offenbar seiner Bürgerstadt Bern kurz zuvor «brauchsgemäss» mit einem Absagebrief seine Treue aufgekündigt und die Fehde kundgetan. Fest steht, dass Brugg nicht gewarnt war.

Unbeobachtet gelang es dem Trupp von Laufenburg, nach Remigen vorzudringen und sich über den Bruggerberg anzuschleichen. Die Bewohner der noch unbefestigten Vorstadt bemerkten den Einzug nicht. Die Krieger standen bereits vor dem linksufrigen Tor, als Falkenstein anklopfte.

Die Krieger drangen in der Folge, noch im Dunkeln, in die Häuser ein, überraschten die Bruggerinnen und Brugger. Die Truppen wurden offenbar von einem Ortskundigen geführt, einem verbannten Mitbürger. Schultheissen, Räte und weitere reiche Männer wurden gefangen genommen, zuerst in die Festung des Effingerhofs gesperrt und später nach Laufenburg gebracht. Die Kinder, wahrscheinlich auch die Frauen, wurden auf das Eisi gejagt. Anschliessend wurde die Stadt geplündert. «Was die vom Adel nicht nahmen, das trugen die hinweg, die den Edlen als Mithelfer zugelaufen waren», heisst es. Zur Beute, die auf Schiffe geladen und aare- und rheinabwärts nach Laufenburg gebracht wurde, gehörten die symbolträchtige Stadtfahne sowie das Silber der Stadt und der Stubengesellschaft.

Das Stadtarchiv brannte komplett ab

Etlichen Bruggern gelang die Flucht. Die Nachricht vom Überfall verbreitete sich rasch. Die Kirchenglocken läuteten, Gegentruppen sammelten sich, marschierten gegen Brugg. Rechberg und seine Leute wollten Beute und keine Schlacht, er blies zum Abzug. Vorher liess er aber die Häuser anzünden. Brugg brannte. Aus heutiger Sicht lasse sich nichts über das Ausmass des Stadtbrands sagen, schreiben die Autoren. Allerdings weiss man, dass das Stadtarchiv niederbrannte. «Die wertvollen Dokumente, darunter der ursprüngliche Freiheitsbrief und die Habsburger Urkunden, gingen verloren, soweit sie sich nicht aufgrund von österreichischen Doppeln rekonstruieren liessen. Dadurch fehlten der Stadt bis zum Ende der Berner Herrschaft wichtige Beweismittel im Kampf um ihre Privilegien», halten die Autoren fest.

Unklar ist die Zahl der Toten. Einige Quellen berichten von keinen Toten, andere wiederum von bis zu 13. Klar ist: Es dürften nur wenige gewesen sein.

Chronisten schmücken Ausführungen masslos aus

Die parteiischen Chroniken schmückten die Ausführungen zum Überfall masslos aus. Die Wut richtete sich gegen Thomas von Falkenstein. Ihm wurde die Rolle eines Verräters, eines Scheusals, eines charakterlosen Schurken zugewiesen. Dabei war eigentlich Hans von Rechberg Drahtzieher des Überfalls. So wurde auch berichtet, Falkenstein habe auf dem Weg nach Brugg Mönthal, Remigen und Riniken anzünden lassen. Die Autoren des Buchs meinen aber, dass das nicht stimmen konnte, weil sich das ganze Unternehmen sonst nicht hätte geheim halten lassen.

Um die Geschichte zu Ende zu erzählen: Letztlich kamen die Armagnaken nicht bis nach Zürich. Am 26. August 1444 kam es zur Schlacht bei St. Jakob an der Birs, die mit einer Niederlage der Eidgenossen endete. Die Belagerung Zürichs wurde aufgehoben. Zwischen den Eidgenossen und Frankreich kam es zum Waffenstillstand und am 21. Oktober zum Friedensvertrag. Das Städtchen aber war in der Folge in seiner Entwicklung gehemmt, die Zahl der steuerpflichtigen Herdstellen ging sehr rasch und nachhaltig zurück und die Bürger mussten die ihnen verbliebenen Mittel für ihre privaten Gebäude verwenden. Viele konnten aber die Häuser nur notdürftig reparieren.

Der Überfall auf Brugg ist rückblickend also vor allem eines: militärstrategisch sinnlos.