Windisch

Es begann mit dem Fyrobig-Bier: Wie Leon sich in die Sucht trank

Wieder alleine zu wohnen, wird für Leon die grösste Herausforderung. Er möchte sich ein Hobby suchen, um weniger einsam zu sein.

Wieder alleine zu wohnen, wird für Leon die grösste Herausforderung. Er möchte sich ein Hobby suchen, um weniger einsam zu sein.

Teil 2 unserer Sucht-Serie: Leon* (31) trinkt Einsamkeit und Selbstzweifel weg – bis er merkt, wie es um ihn steht.

Was als Fyrobig-Bier beginnt, endet für Leon in der Alkoholsucht. Dabei kann der heute 31-Jährige bis nach seinem 18. Geburtstag mit Alkohol so gar nichts anfangen. Einer der Gründe: Seine Eltern waren Alkoholiker, konnten nicht für ihn sorgen. Den Grossteil seiner Kindheit verbrachte Leon im Heim.

In der Lehre gibt es dann hin und wieder ein Fyrobig-Bier. Der schüchterne Leon lernt die Vorzüge des Alkohols kennen: Er wird offener und dem jungen Musiker fällt es leichter, auf der Bühne zu stehen. Mit der Zeit konsumiert Leon acht bis zehn Büchsen Bier am Abend. «Gearbeitet habe ich aber immer nüchtern», stellt Leon klar. Das Bier trinkt er meistens abends, wenn er alleine ist. «Ich wollte meine Selbstzweifel, meine Traurigkeit und meine Einsamkeit wegtrinken», sagt er. Zwar sei er sich bewusst gewesen, was er machte, «aber ich nahm es easy, dachte nicht an die Konsequenzen». Und: «Ich konnte morgens ja problemlos aufstehen, konnte die Sucht kontrollieren.»

Leon ist später für zweieinhalb Monate arbeitslos. In dieser Zeit ist seine Sucht besonders schlimm, «da begann ich schon am Mittag mit dem Trinken», sagt Leon. «Da spürte ich auch, dass ich zu zittern begann, wenn ich nichts trank.»

Leon hat kein grosses Umfeld, nur wenige Freunde. Aber eine Freundin merkt, dass mit Leon etwas nicht stimmt, spricht ihn auf seinen Alkoholkonsum an. Da erst sei ihm richtig bewusst geworden, dass er ein Problem hat. Er schaut sich nach Möglichkeiten um. Im Alter von 27 geht er in die Suchtberatung – allerdings mit Unterbrüchen. «Bei einem 100-Prozent-Job war es schwierig mit den Terminen», sagt Leon.

Der junge Mann versucht, auf eigene Faust seine Sucht loszuwerden. Eineinhalb Monate und dreieinhalb Monate am Stück schafft er es, auch dank Unterstützung einer Mitbewohnerin, die sich vor ihm vom Alkohol lossagen kann. Doch Leon beginnt, am Wochenende wieder zu trinken. In den Momenten, in denen er Alkohol konsumiert, hat er weniger Zweifel, weniger Frust.

Der Entscheid fällt im Spital

An seinem 30. Geburtstag erwacht er mit starken Schmerzen. Notfallaufnahme. Die Diagnose: Nierensteine. Zwei Tage muss Leon im Spital bleiben und merkt dort: Eine solche Institution ist gar nicht so schlimm. Er entschliesst sich, einen Entzug zu machen. Etwas, das seiner Meinung nach ausschlaggebend war für den Erfolg der Therapie: Dass er den Entzug selber wollte.

Am 5. Dezember 2017 tritt er in die Entzugsklinik ein. Seither hat Leon keinen Rückfall. «Ich war überrascht, wie einfach es mir fiel», sagt er. Dazu kam, dass sich Leon mit all den anderen Menschen wohlfühlte. «Es war fast wie früher im Heim», sagt er. «Für andere ist es der Horror, mit so vielen Menschen zusammenzuleben. Für mich fühlte es sich aber vertraut an.»

Die Zweifel sind da

Von der Entzugsklinik wechselt Leon in eine sechsmonatige Langzeittherapie und anschliessend in das Betreute Wohnen in Windisch, wo er drei Monate verbringt. Anschliessend will er zurück in seine eigene Wohnung, möchte aber weiterhin betreut werden. Wieder alleine wohnen wird für Leon die grösste Herausforderung.

Er weiss, dass er sich eine gute Beschäftigung oder ein Hobby suchen sollte. Immerhin: Einen Job hat Leon bereits wieder gefunden. Weiterhin wird er Sitzungen bei einem Psychologen wahrnehmen. Er sei stolz auf das Erreichte, sagt Leon. Aber hin und wieder plagen ihn auch Zweifel. «Es fällt mir schwer mir vorzustellen, nie wieder zu trinken», sagt er. «Eine Seite in mir meint, dass es irgendwann wieder möglich ist, dass ich ein, zwei Bier trinke, auf der anderen Seite kenne ich die Statistik über die Rückfallgefahr, wenn man wieder trinkt.» Trotz den Zweifeln: Leon hat wieder mehr Freude am Leben und ist zuversichtlich, dass er auch die nächste Aufgabe meistert.

*Name der Redaktion bekannt. Der Text ist so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf die Person gemacht werden können.

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