Brugg
Erstmals werden Urnenwände geräumt: Was passiert mit Grabinhalt?

Nach 25 Jahren läuft in Brugg jeweils die Grabruhe ab. Insgesamt sind nun wieder 224 Gräber auf dem Friedhof betroffen. Bei 168 handelt es sich erstmals um Platten an der Urnen-Wand. Doch was passiert dann mit den Gräbern und deren Schmuck?

Janine Müller
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Die Blumen verblühen, die Erinnerung bleibt: «Es ist die Gemeinschaft, die stärkt», ist Bernhard Lindner überzeugt.JAM

Die Blumen verblühen, die Erinnerung bleibt: «Es ist die Gemeinschaft, die stärkt», ist Bernhard Lindner überzeugt.JAM

Janine Müller

Drei Schmetterlinge tanzen leicht wie Federn über die Gräber. Die Blumen leuchten an diesem Nachmittag in all ihrer Farbenpracht, als würden sie sich ein letztes Mal aufbäumen, bevor der Sommer endgültig zu Ende geht. In der Ferne steht eine Gruppe um ein offenes Grab. Alle schwarz gekleidet. Sie halten sich in den Armen, trösten sich über den Schmerz des Verlustes hinweg.

So brutal es klingen mag: In 25 Jahren werden die Angehörigen dieser verstorbenen Person darüber diskutieren müssen, was mit dem Grabstein und dem Schmuck passiert. Denn die Friedhofsverordnung in Brugg sieht vor, dass nach 25 Jahren die Gräber jeweils geräumt werden.

Nach 2011 ist die Zeit nun in diesem September wieder gekommen. Bis Ende August hatten die Angehörigen Zeit, ihre Wünsche, was mit Grabstein und -schmuck passieren soll, anzumelden. Insgesamt sind es 224 Gräber, die auf dem Friedhof Brugg betroffen sind. Bei 168 handelt es sich um Platten an der Urnen-Wand. Meldet sich niemand bei der Friedhofsgärtnerei Brugg, der Reding Gärten AG, werden die Grabsteine aus dem Boden gehievt und dann als Bauschutt abgeführt.

Zurück zum Steinmetz gehen die alten Grabsteine kaum noch. Mit einer geeigneten Maschine werden sie dann zu Kies zerkleinert. «Eher selten kommt es vor, dass Angehörige den Stein zu sich nehmen», sagt Friedhofsgärtnerin Hilda Reding. «Noch eher wird der Grabschmuck nach Hause genommen.» In diesem Jahr wollte lediglich eine Person den Grabstein behalten.

Hilda Reding, Friedhofsgärtnerin: «Eher selten kommt es vor, dass Angehörige den Stein zu sich nehmen.»

Hilda Reding, Friedhofsgärtnerin: «Eher selten kommt es vor, dass Angehörige den Stein zu sich nehmen.»

AZ

Der Grabinhalt wird im Übrigen nicht entfernt. Die Graboberfläche hingegen wird umgegraben, flach gemacht und dann wird frisch angesät. Gibt es keine Angehörigen der verstorbenen Person mehr oder die Angehörigen beanspruchen nichts mehr, entsorgen die Gärtner von der Reding Gärten AG sämtlichen Grabschmuck, Stein und Blumen. «Wir merken, dass viele nicht wissen, wie sie bei der Grabräumung vorgehen müssen», sagt Hilda Reding. «Bei Fragen können sich die Leute aber einfach bei uns melden. Dann kann alles abgesprochen werden.»

Ein Novum ist für die Friedhofsgärtnerin das Räumen der Urnenwände. Diese wurden vor rund 25 Jahren erstmals erstellt. Auch hier können die Angehörigen die Platten nach Hause nehmen. Der Grabinhalt, also die Urne, wird in diesem Fall allerdings entfernt. Etwas kompliziert wird es, wenn es bei den Urnenwänden eine Zweitbestattung gab. Beispielsweise, wenn eine Frau wünschte, nach ihrem Tod bei der Urne des Ehemanns bestattet zu werden. In diesem Fall ist die Grabruhe eigentlich noch nicht abgelaufen. Weil es aber auf die Erstbestattung ankommt, muss auch das zweite Grab entfernt werden.

Je nach Abmachung können beide Urnen dann an einem anderen Ort erneut beigesetzt werden. Damit fallen allerdings Kosten an, die die Angehörigen übernehmen müssen. In diesem Jahr werden auf dem Friedhof Brugg deshalb drei Gräber und eine Urne umgebettet. Eine Möglichkeit, die Grabruhe von Einzelgräbern zu verlängern, gäbe es aber nicht, sagt Hilda Reding. Dann packt sie ihren grossen Wagen, der mit Kübeln und Gartenwerkzeugen bepackt ist. Sie kniet vor einem Grab hin und beginnt zu jäten. Mit den Grabräumungen wird die Friedhofsgärtnerei dann etwa Ende September starten.