Hausen

Erst wurde es fast abgerissen – jetzt erstrahlt das Dahlihaus in neuem Glanz

Das vor dem Abriss gerettete vierhundertjährige Hochstudhaus in Hausen wurde renoviert – ein Augenschein mit Bauherr Robert Kühnis.

Von der Holzgasse im Dorfzentrum Hausens aus sind die herausgeputzte Fassade und das mächtige Walmdach des Dahlihauses sichtbar. Aus dem ehemals einsturzgefährdeten Hochstudhaus ist ein anschauliches Denkmal geworden. Seit Sommer 2018 sind im Dahlihaus Renovationsarbeiten im vollen Gange. Der erfahrene Restaurator Robert Kühnis zeigt auf einer Führung durch die renovierten Wohnungen, was er und seine Handwerker innerhalb der vergangenen eineinhalb Jahre aus dem ältesten Haus Hausens gemacht haben. In diesen Tagen wird die vierte Wohnung fertiggestellt, die Arbeiten wenden sich anschliessend der letzten Wohnung zu.

Das Besondere am Dahlihaus seien die drei Erweiterungen des Kernhauses in drei Jahrhunderten, sagt Kühnis. «Die Mieter können in vier verschiedenen Jahrhunderten wohnen, je nach Wohnung, die sie wählen.» Kühnis hat das Haus in fünf Wohnungen unterteilt. Eine davon befindet sich an dem Ort, wo früher Hans Dahli, Namensgeber des Hauses und Tagelöhner, wohnte. Diese Wohnung, die Eigentümer sind die Tochter und der Schwiegersohn des Ehepaars Kühnis, ist bereits ausgeschrieben. Zwei weitere befinden sich in den Anbauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Und die Vierte und die Fünfte im und über dem ehemaligen Stall und Scheune.

Heugabeln, Schaufeln und Räder prägen das Treppengeländer

Historisch mit dem ältesten Teil des Hauses, der Dahli-Hans-Wohnung, beginnt die Führung durch das Haus. Im Erdgeschoss betreten die Bewohner die – für ein altes Bauernhaus – helle Küche. Auf einem Gemälde beim Eingang rollt eine vollbusige Bauernfrau Teig aus. Kühnis erzählt begeistert von den Renovationsarbeiten, von der bemerkenswerten Geschichte des Dahlihauses und wie er und die Handwerker den alten Ofen im angrenzenden Wohnzimmer vor der Renovation in alle Einzelteile zerlegten und am gleichen Ort wieder aufbauten.

In den oberen Stöcken liegen die Schlaf- und Wohnräume, kleine aber einladende Zimmer. Die Fenster in den ehemaligen Kammern wurden vergrössert, um mehr Licht ins Haus zu lassen. Nach wie vor sind an der Decke und in den Wänden die alten Balken sichtbar. Das Treppengeländer im obersten Stock wurde mit ins Geländer eingebauten Gegenständen wie Heugabeln, Rädern von Leiterwagen und Schaufeln verziert. Objekte, die sich bereits vor der Renovation im Haus befanden. Abgeschlossen wird die Wohnung gegen oben von einem hohen, voluminösen Raum, der beinahe die Ausmasse eines kleinen Saals einnimmt. Als prägendes Merkmal des Hauses wurde der Dachstock in den Wohnraum integriert. Früher wurde dieser Raum als Estrich genutzt. «Der Blick sollte in jeder Wohnung bis zum Dachfirst hinaufwandern können», sagt Kühnis. Dies war eines der Grundprinzipien der Renovation.

Hinter dem Scheunentor liegt versteckt die Atelierwohnung

Die Tour geht weiter zu den Anbauten aus dem 18. und 20. Jahrhundert. An der Südseite des Hauses tauchen die Bewohner ein in eine Zeit, in der sich allmählich die Lebensweise und der Baustil von deren des 16. Jahrhunderts zu unterscheiden beginnen. Während die Wohnung aus dem 18. Jahrhundert in diesen Tagen fertiggestellt wird, ist diejenige aus dem frühen 20. Jahrhundert fertig renoviert. Im grosszügigen und hellen Eingangsbereich steht ein antikes Grammofon auf einem Tischchen. Eine alte Louis-Armstrong-Platte liegt darauf. Robert Kühnis spielt, von der Musik sichtlich angetan, «La vie en rose» ab. Der Klang lässt hundert Jahre zurückreisen. Kühnis erzählt, wie er auch so die Geschichte des Gebäudes aufnimmt. Er berichtet vom Boden, den er aus einer, mittlerweile abgerissenen, Vorstadtvilla an der Brugger Baslerstrasse aus dem frühen 20.Jahrhundert übernahmen. Er zeigt die ebenfalls aus diesem Jahrhundert stammenden Täferungen und die Jugendstil-Türe der Stube. Robert Kühnis spricht begeistert und ausführlich vom Werk seiner Handwerker. Er reist in Gedanken in vergangene Zeiten zurück und versucht nachzuvollziehen, wie die Menschen dazumal dachten, als sie das Haus bauten. Er spricht vom Geist des Hauses, den er aufspüren möchte. Damit meint er nicht ein metaphysisches Wesen, sondern die lebendig gebliebene Geschichte des Gebäudes.

Im, auch hier ausladenden, Dachstock mit zwei Hochstuden zeigt er den hohen Dachraum, der mit zirkulierender Warmluft von Konvektoren geheizt wird. Er erklärt, dass die sanitären Anlagen und die Isolation auf modernstem Standard sind, in allen Wohnungen. Auf dem restaurierten ursprünglichen Dach liegt ein völlig neuer Dachstuhl. Dieser ist um 40 Zentimeter angehoben worden, um eine bessere Wärmeabdichtung zu realisieren.

Unauffällig ist zuerst die Wohnung in der ehemaligen Schür, aber nur bis Robert Kühnis das Scheunentor öffnet und die dahinter liegende Fensterfront zum Vorschein kommt. Viel Licht fliesst so in die Wohnung hinein. Diese Wohnung könnte von späteren Bewohnern als Atelierwohnung genutzt werden, dafür eignet sich besonders der Raum im Erdgeschoss der ehemaligen Schür und dem Stall. Ein nachgebildetes Tomi-Ungerer-Gemälde, gemalt von Melanie Tauscher, ziert hier die Ostwand.

Hohe Qualität, aber erschwingliche Wohnungen

Die Instandstellung der alten Hochstude als zentrales Traggerüst bildete eine fundamentale Herausforderung. Erstaunlich ist, dass alle Hochstuden und somit die ganze Altdachkonstruktion trotz jahrhundertelanger Belastung einwandfrei weiterverwendet werden konnten und das für weitere Jahrhunderte. Im Renovationsprozess gab es viele knifflige Probleme zu lösen, dennoch ist das Resultat gelungen.

Die Nettomieten werden zwischen 1600 und 2000 Franken liegen. Der, verglichen mit der aufwendigen Renovation, tiefe Preis bildet einen der baulichen Leitsätze von Kühnis. Knapp, aber bündig erklärt er seine Grundsätze: «Eine von uns renovierte Wohnung muss trotz hoher Qualität für mittlere Einkommen erschwinglich sein. Zusätzlich sollte sie, auch als Altbaute, hochgradig isoliert, ästhetisch den Baujahren entsprechend renoviert und entschieden modern im Betrieb sein.»

Die Arbeiten gehen nun dem Ende zu – im Februar werden die Wohnungen zur Vermietung ausgeschrieben. Wer ein Auge für facettenreiche Renovation hat, kann hier etwas Ausserordentliches zu seiner Wohnwelt machen.

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