Sie fährt aus dem Tunnel direkt ins Grau. Sie sieht graue Steine, kleine, grosse, darunter auch riesige Felsblöcke – das Dorf Bondo ist noch immer ein Trümmerfeld. Die Szenerie wirkt trostlos, ohne Hoffnung.

Susanne Käppeli aber will sich selber ein Bild machen vom Unglücksort, von dem Ort, wo am 23. August 2017 ein Murgang niederging, ausgelöst durch einen Bergsturz am Piz Cengalo.

Die Naturkatastrophe beschäftigte die Altstadt-Coiffeuse. So sehr, dass sie damals, als sie selber im Spitalbett lag, den Entschluss fasste, zu helfen. Nachdem es ihr gesundheitlich wieder besser ging, begann sie, einen Teil ihres Inventars aus dem Coiffeursalon – Shampoos und Ähnliches – für einen guten Zweck zu verkaufen.

Den Erlös – 1280 Franken waren es letztlich – überwies sie auf das Spendenkonto von Bondo. Das war Ende Dezember. Damit war das Thema aber noch nicht abgeschlossen. Susanne Käppeli setzte sich zum Ziel, das zerstörte Dorf zu besuchen.

Die Eindrücke zuerst verdauen

Am Sonntag machte sie sich auf die Reise und weilte bis Dienstag in Spino, dem Dorf auf der anderen Uferseite von Bondo. «Es war eindrücklich, ein solches Naturereignis zu sehen», sagt Käppeli einen Tag nach ihrem Besuch. «Welche Gewalt die Natur hat, ist erschreckend.» Es falle ihr nicht leicht, die vielen Eindrücke zu verarbeiten.

Giulia Giovanoli, Leiterin Finanzen in der Gemeinde Bregaglia, zu der Bondo gehört, nahm sich eine Stunde lang Zeit, um Susanne Käppeli über den Bergsturz und dessen Folgen zu informieren.

Eine Geschichte ist Susanne Käppeli besonders geblieben: «Eine 100-jährige Frau musste aus Bondo flüchten. Nun hat sie sich entschlossen, ins Altersheim zu gehen statt wieder zurück.»

Was Käppeli besonders beeindruckt hat, ist die Art und Weise, wie die Menschen vor Ort mit ihrem Schicksal umgehen. «Sie machen einen Schritt nach dem anderen, motivieren sich gegenseitig», sagt Käppeli. «Es ist schön zu sehen, wie sich die Gemeinschaft hilft, wie gross die Solidarität ist.» Es seien die Menschen, die Farbe in die zurzeit trostlose Gegend bringen.

«Es braucht viel, um die Motivation aufzubringen, an einem solchen Ort weiterzumachen.» Die Leute liessen sich aber nicht unterkriegen, seien in ihr Dorf zurückgekehrt. «Weil es ihre Heimat ist», sagt Käppeli. «Dennoch müssen sie immer wieder mit dem Schlimmsten rechnen.»

Demütig gegenüber der Natur

Susanne Käppeli unternahm auch einen Spaziergang durch das Dorf. Sie besichtigte die Turnhalle, in der ein riesiger Felsblock lag, sah eine Schreinerei, die total zerstört ist, ging vorbei an Häusern, die bald abgerissen werden, weil sie in der sogenannten roten Zone stehen.

Auch sei man dabei, eine neue Brücke zu bauen, die das Dorf innerhalb verbinden wird. Es soll eine Hängebrücke werden.

Die Reise in die Bergsturz-Gemeinde Bondo hat Susanne Käppeli erschüttert und auch demütig gegenüber der Natur gemacht. «Die Natur ist stärker als wir, das sollten wir endlich einsehen und respektieren», sagt sie. Und sie meint auch: «Die Reise hat mir gezeigt, wie gut wir es hier in Brugg haben.