MÜLLIGEN/SCHNEISINGEN
Erlaubt das Bundesgericht einen Spaziergang für den «Uzi-Killer»?

Der Doppelmörder, der in Mülligen und Schneisingen 1993 und 1994 zwei Menschen getötet hatte, möchte seinen begleiteten Ausgang bewilligt haben. Das Verwaltungsgericht stimmt ihm zu – doch die Aargauer Oberstaatsanwaltschaft zieht das Urteil weiter.

Mario Fuchs
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Bekommt der «Uzi-Killer» seinen begleiteten Freigang? (Symbolbild)

Bekommt der «Uzi-Killer» seinen begleiteten Freigang? (Symbolbild)

Zur Verfügung gestellt

Diese Geschichte beginnt mit einem Spaziergang – und einer grauenvollen Entdeckung. Am Morgen des 13. Juli 1993 findet ein Spaziergänger am Reussufer bei Mülligen Blutlachen, Knochensplitter und Patronenhülsen.

Daneben: eine Brille und Fischerutensilien – aber keine Person. Soeben hat der Mann mehrere Schüsse gehört und gesehen, wie zwei Männer in den Wald laufen. Sofort alarmiert er die Polizei.

Später finden Taucher in der Reuss die Leiche eines 58-jährigen mazedonischen Familienvaters aus Windisch. Er starb beim Fischen – durch acht Schüsse auf Kopf und Körper. Er sei «regelrecht exekutiert» worden, schreibt der damalige Aargauer Kripo-Chef Urs Winzenried 1994 im Fachmagazin «Kriminalistik Schweiz».

Von den Tätern fehlt jede Spur. Sämtliche verfügbaren Polizeipatrouillen suchen die Region ab. Befragt werden alle, die etwas gesehen haben könnten: Förster, Jäger, Fischpächter – Postauto-Chauffeure, Familienmitglieder, Kollegen aus dem jugoslawischen Sportfischerverein.

Fahndungsblätter werden verteilt und aufgehängt. Doch alles nützt nichts. Auch eine Dienstreise nach Mazedonien bringt die Ermittler nicht weiter. Als letzte Hoffnung bleibt die Tatwaffe: eine Maschinenpistole der Marke Uzi.

Beim Schweizer Importeur werden Erhebungen durchgeführt, zudem sollen alle bekannten Besitzer dieses Waffentyps überprüft werden, «wobei sich niemand der Illusion hingab, dass tatsächlich alle Uzi-Besitzer jemals würden ermittelt werden können», wie Winzenried schreibt. Die Hoffnung, den Mord aufklären zu können, schwindet.

Doch dann, am 22. Januar 1994, folgt eine zweite grauenvolle Entdeckung. Im Volg in Schneisingen wundern sich die Lieferanten, warum die 50-jährige Filialleiterin nicht wie üblich die Waren auf der Rampe entgegennimmt.

Eine Verkäuferin und der Verwalter sehen nach. Und finden im Kühlraum die Filialleiterin, getötet durch 22 Schüsse. Ein Zeitungsverträger beobachtete zuvor zwei Männer beim Volg.

Die Parallelen zu Mülligen sind offensichtlich: gleiche Waffe, gleiche Munition, gleicher «Exekutionscharakter», wieder zwei Männer. Nach einer Pressekonferenz geht der entscheidende Hinweis ein, kurz darauf werden die Täter verhaftet.

Seit dem 28. Juli 1994 sitzt der Haupttäter, ein inzwischen 48-jähriger Schweizer, hinter Gittern – lebenlängliche Zuchthausstrafe mit begleitender Psychotherapie. Der zweite Täter, er war zum Tatzeitpunkt 20-jährig, nimmt sich 1995 das Leben.

2010 – nach 16 Jahren in Haft – stellt der «Uzi-Killer» erstmals ein Gesuch für begleitete Ausgänge. Die Akten, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegen, zeigen: Der Mann möchte an einem See spazieren gehen, mit einer guten Bekannten, die ihn bis heute regelmässig im Gefängnis besucht. Sie würden dabei doppelt begleitet: von einem Sozialarbeiter und einem zivil gekleideten Sicherheitsbeamten.

2003 wird der Häftling von Lenzburg in die interkantonale Strafanstalt Bostadel ZG verlegt. Diese empfiehlt 2010, vier fünfstündige «humanitäre Ausgänge» zu gewähren. Doch weil die Taten derart schwerwiegend waren, muss eine Fachkommission ihr Einverständnis geben.

Das tut sie. Nur: Das Amt für Justizvollzug verweigert danach die Durchführung. Der Häftling erhebt Beschwerde. Dann kommt der Fall vor das Aargauer Verwaltungsgericht. Seither geht die Frage zwischen den Instanzen hin und her, die unterlegene Partei ficht das Urteil jeweils an.

Es folgen Gutheissungen, Beschwerden, Gutachten. So geht es seit fünf Jahren. Involviert sind die Strafanstalt Bostadel, die Fachkommission, das Amt für Justizvollzug, der Regierungsrat, das Verwaltungsgericht, die Oberstaatsanwaltschaft und das Bundesgericht.

Im Mai 2015 entscheidet das Verwaltungsgericht wieder zugunsten des Täters: Das Amt für Justizvollzug wird angewiesen, einen maximal fünfstündigen doppelt begleiteten Ausgang zu bewilligen.

Doch auch dieses Urteil ist nicht endgültig, die Oberstaatsanwaltschaft geht vor Bundesgericht, wo das Verfahren jetzt hängig ist. Sandra Zuber, Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft, erklärt: «Das Amt für Justizvollzug schätzt den Beschwerdegegner weiterhin als gemeingefährlich ein und erachtet deshalb das Flucht- und Rückfallrisiko als erheblich. Wir teilen diese Auffassung.»

Letztlich geht es um die Frage, wie gross die Fortschritte sind, die der einst heroinabhängige Mann mit «narzisstischer Persönlichkeitsproblematik» bis jetzt erzielt hat. Gutachter betonen, es wäre nach 20 Jahren in Haft wichtig, das Erreichte «im Rahmen von Lockerungen zu erproben».

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft bestehen jedoch «objektive Zweifel an den geltend gemachten therapeutischen Fortschritten». Zuber: «Es wäre daher unverantwortlich, begleitete Haftausgänge zu gewähren.»

Wann das Bundesgericht sein Urteil fällen wird, kann niemand abschätzen. Laut Strafrechtsprofessor Martin Killias wird ein Hafturlaub «heute tendenziell lieber einmal zu wenig bewilligt als einmal zu viel».

Aus der fünfjährigen Verhandlung könne man schliessen, dass bei den Behörden grosse Unsicherheit bestehe – doch diese sei «unvermeidlich». Niemand könne die Zukunft voraussehen.

«Und wenn es schief herauskommt, wären die Folgen gerade in diesem Fall mutmasslich besonders schlimm.» Ob die Geschichte also auch mit einem Spaziergang enden wird, bleibt offen.