Brugg
Erinnerungen an einen Jugendfestabend in Brugg

Im letzten Jahr erschien Urs Augstburgers Roman «Als der Regen kam». Jetzt kamen der Autor und Monika Schärer ins Kulturhaus Odeon nach Brugg und lasen daraus. Die Lesung glich freilich weit mehr einer Performance.

Tabea Baumgartner
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Urs Augstburger und Monika Schärer im «Odeon». Tabea Baumgartner

Urs Augstburger und Monika Schärer im «Odeon». Tabea Baumgartner

Tabea Baumgartner

Die Leinwand ist in ein dunkles Bild getaucht. Es fliesst, das Bild, spiegelt das orange-gelbe Licht der Strassen und Häuser. Es kräuselt; es ist die Strömung der Aare, wie einer sie beobachtet, wenn er an einem später Sommerabend am Ufer weilt. «Es ist ruhig hier unten am dunklen Wasser», liest eine Stimme. «Alle warten aufs grosse Finale.»

Die Worte stammen aus Urs Augstburgers letztjährigem Roman «Als der Regen kam», den er im Kulturhaus Odeon als «Seh- und Hörspiel» zur Aufführung brachte. Die Szene spielt an einem Jugendfestabend in der Stadt Brugg.

Augstburger ist hier aufgewachsen; sein Roman greift die Erinnerungen an dieses Fest auf, um eine Geschichte zu erzählen, in der Menschen sich begegnen, sich verlieben, verlieren und wiederfinden.

Die Worte von Augstburger liessen Szenen vor dem inneren Auge erwachen, die jeder Brugger im Publikum in sich trägt: Der Milchmann in der Altstadtgasse, der VW-Bus in der Hauptstrasse, der Rutenzug mit Kadetten und hübschen Mädchen.

So flammte auch die Erinnerung an eine jugendliche Liebe auf, entsprungen aus den unvoreingenommenen Begegnungen, die den Menschen draussen in der Welt abhanden gekommen sind. Die Filmaufnahmen aus den Fünfzigern, verflochten mit Bildern von heute, zeigten das Paradox zwischen Erinnerung und Erlebtem auf. Die sehnsuchtsgetränkten Melodien der Live-Band mit Hendrix Ackle (Gesang, Piano), Robbie Caruso (Gitarre) und HP Stamm (Trompete) verliehen den Erinnerungsfetzen eine emotionale Komponente.

Während der Monologe der demenzkranken Mutter Helen kreierten die Toneffekte eine Klanghalle, welche das Unvorstellbare greifbarer machte. «Ich habe mich in der Zeit verirrt», las Monika Schärer. Ihr träumender Blick, mit einem Leuchten ausgestattet, liess das Wunderbare im Tanze erwachen.

Eine Lesung war Augstburgers Darbietung nicht; die Worte des Romans bildeten nur die Grundlage zu einer Performance. Sie erreichte eine Komplexität, die den Zuschauer forderte, ja überforderte, wollte er alle Eindrücke aufnehmen. Im Odeonsaal entstand eine Atmosphäre der geteilten Erinnerungen. Augstburger hat es geschafft, nicht nur die Geschichte seines Romans zu erzählen, sondern der Geschichte jedes Einzelnen neues Leben einzuhauchen.

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