Kennen gelernt hatten sich die beiden vor gut eineinhalb Jahren über Arbeitskollegen. Nun sind sie sich – zum ersten Mal seit dem umstrittenen Vorfall nach einem Geburtstagsfest – am Bezirksgericht Brugg wieder begegnet: Marc, kräftiger Körperbau, Turnschuhe, türkisfarbener Kapuzenpulli, schwarze Jeans, und Sophie (beide Namen geändert), schlank, helle Bluse und Blazer, enge Jeans, Stiefel. Der 36-Jährige hatte sich wegen sexueller Nötigung, einfacher Körperverletzung und Tätlichkeiten vor Gericht zu verantworten.

«Am Anfang hatten wir auch sexuelle Kontakte», sagte Sophie, als sie Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven das einst kollegiale Verhältnis zum Beschuldigten schilderte. In den wenigen Monaten, in denen sie Marc kannte, habe sie bedingt durch den späten Feierabend und die schlechten öV-Verbindungen ab und zu bei ihm in der kleinen Gemeinde übernachtet. Zum Eklat zwischen Marc und Sophie kam es dann nach einem Geburtstagsfest in einem Restaurant. Marc war alkoholisiert und machte sexistische Witze. Gegenüber anderen Gästen soll er angedeutet haben, dass er an diesem Abend noch Sex mit Sophie haben werde. Um etwa 23 Uhr verliessen die beiden das Fest und gingen zu Fuss zu Marcs Wohnung.

«Er wollte mich am Hals küssen»

Sophie setzte sich aufs Sofa im Wohnzimmer, hörte Musik und zeichnete. Marc passte das nicht. Nach einem WC-Besuch kam er mit offener Hose zurück, ging auf Sophie zu und meinte, man könne gemeinsam «etwas Besseres» machen. Nachdem sie signalisiert hatte, dass sie keine Lust auf Geschlechtsverkehr habe, kam es zum Gerangel. Laut Anklageschrift stiess Marc sie zu Boden, sodass sie Ellbogen und Steissbein aufschlug. Dann packte er sie und zerriss T-Shirt und Halskette. Er setzte sich auf sie und erklärte, er würde sie nun vergewaltigen. Beim Versuch, sie zu küssen, wehrte sich Sophie mit Wegstossen und Beissen. «Er wollte mich am Hals küssen. Ich hatte grosse Angst vor der Gewalt und den sexuellen Handlungen», sagte Sophie mit verschränkten Armen und sehr leiser Stimme.

Das Gerangel ging weiter, bis sich Sophie befreien, ihre persönlichen Sachen zusammenpacken und zur Nachbarin flüchten konnte. Diese rief die Polizei. Die Staatsanwaltschaft beantragte für Marc eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten sowie eine Busse von 300 Franken.

Der Beschuldigte erklärte vor Gericht, dass er manchmal so tun könne, als ob er aggressiv wäre und es aber gar nicht sei. Er konnte sich hingegen nicht mehr daran erinnern, ob er Sophie im Gerangel auf den Boden geworfen hatte. «Da steckte auf jeden Fall keine böse Absicht dahinter», beteuerte er. Zudem habe er ihr nach dem Zwischenfall Geld geben wollen, damit sie mit dem Taxi heimfahren konnte. Auf dieses Angebot sei die 26-Jährige allerdings nicht eingegangen.

«Ich habe falsch reagiert»

Marc, der als Jugendlicher in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt war und seither unter anderem an feinmotorischen Störungen leidet, entschuldigte sich beim Opfer für alles, was passiert war: «Ich habe falsch reagiert. Es tut mir leid.» Für Sophie war der Fall damit nicht erledigt. Sie betonte gegenüber Gabriele Kerkhoven, dass sie für Marc eine Verurteilung fordert. Auch die Reparatur der zerstörten Halskette sollte er bezahlen, fuhr Sophie fort. Denn sie habe nicht genug Geld, um den Verschluss dieser Goldkette reparieren zu lassen.

Marcs Verteidiger forderte, den 36-Jährigen vom Vorwurf der sexuellen Nötigung frei und ihn wegen einfacher Körperverletzung schuldig zu sprechen. Als angemessen erachtete der Verteidiger eine bedingte Freiheitsstrafe von maximal sechs Monaten. Auf eine Busse sei zu verzichten. Der Klient sei hingegen bereit, die Schmuckreparatur mit einem Betrag von 200 Franken zu übernehmen. Weiterhin unklar sei aber die Frage, warum die Geschädigte das Geld fürs Taxi nicht annahm und die Wohnung nicht verliess. Plötzlich kam die Idee auf, auch den Tatbestand der versuchten Vergewaltigung zu prüfen.

Da am Schluss der Verhandlung fast mehr Fragen als Antworten blieben, entschied die Gerichtspräsidentin, das Urteil schriftlich zu eröffnen. Nach über einem Monat wurde jetzt bekannt, dass Marc vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen und wegen Nötigung sowie einfacher Körperverletzung zu sieben Monaten bedingter Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Die Probezeit beträgt drei Jahre. Auf eine Busse wird verzichtet.