Scherz
Er war 28 Jahre lang im Gemeinderat: «Wichtig ist, dass man den Mut nicht verliert, sich einzubringen»

Daniel Vogt hat sein ganzes bisheriges Leben in Scherz verbracht und gehörte 28 Jahre lang dem Gemeinderat an – vor 111 Tagen hat sein Dorf mit Lupfig fusioniert.

Claudia Meier
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Daniel Vogt bewirtschaftet mehrere Felder zwischen seinem Dorf Scherz und der Gemeinde Habsburg.

Daniel Vogt bewirtschaftet mehrere Felder zwischen seinem Dorf Scherz und der Gemeinde Habsburg.

Chris Iseli

Eigentlich wollte Daniel Vogt mit seiner Familie – wie so viele andere auch – während der Frühlingsferien für ein paar Tage verreisen. Doch daraus wurde nichts. Für den Landwirt aus Scherz steht bei diesem schönen Wetter schlicht zu viel Arbeit an. Das Ferienregime gilt deshalb nur für die drei Kinder im Teenageralter.

Sie sind an diesem Morgen nicht zu Hause. Bestens gelaunt steht der 53-Jährige bei sonnigem Wetter in seinem Rapsfeld und kontrolliert die noch jungen Pflanzen auf Schädlinge. Im Hintergrund weht die Schweizer Fahne auf dem Schloss Habsburg und vor sich hat der Landwirt eine gute Aussicht auf sein geliebtes Dorf Scherz sowie in der Ferne auf die verschneiten Alpen.

Daniel Vogt hat sein ganzes Leben in Scherz verbracht. Über die Hälfte davon – während ganzen 28 Jahren – gehörte er dem Gemeinderat an. Bei den Gesamterneuerungswahlen im vergangenen Herbst kandidierte er nicht mehr. Seit gut 100 Tagen ist das Dorf Scherz mit seinen rund 660 Einwohnern ein Ortsteil der jüngsten Aargauer Fusionsgemeinde Lupfig. «Jetzt sind wir eine politische Gemeinde mit knapp 3100 Einwohnern.

Das ist eine gute Grösse», sagt er beim Gespräch am Tisch im grossen Wohnzimmer. Eigentlich wollte sich Vogt schon vor vier Jahren aus dem Gemeinderat zurückziehen. Doch als es mit der Fusion ernst wurde, entschied er sich, noch einmal zu kandidieren und diesen Prozess mit seinem umfangreichen Wissen zu begleiten.

«Wir waren ein sackstarkes Team im Gemeinderat», betont der ehemalige Vizeammann. «Mit Hans Vogel an der Spitze funktionierte alles bestens. Es ging immer um die Sache. Ortsparteien hatten wir Gott sei Dank keine.» Egal wie intensiv an der Sitzung diskutiert wurde, danach kehrte der Gemeinderat immer im Gasthof zum Ochsen in Lupfig ein, weil der «Leue» in Scherz am Montag Ruhetag hat.

Heutiger Birrer Ammann fragte an

Und was hat sich für die Scherzer seit der Fusion geändert? «Nicht viel», sagt Vogt, ohne lange zu überlegen. Die Gemeindeverwaltung wurde zwar zwei Kilometer weiter im Ortsteil Lupfig zusammengelegt. Doch dort treffen die Scherzer auf einige bekannte Gesichter, unter ihnen die junge Verwaltungsleiterin Michèle Bächli. «Es hätte für uns nichts Besseres passieren können.»

Im vergangenen Jahr sorgte Scherz mit einem grossen Dorffest und dem von Hans Vogel geschriebenen Musical für einen fulminanten Abschluss als politische Gemeinde. Bei Daniel Vogt wurde während dieser Zeit im ehemaligen Stall und in der Scheune eine Festbeiz betrieben. «Ich bin zwar nicht glücklich, dass es die politische Gemeinde Scherz nicht mehr gibt, aber ich war immer ein Befürworter des Zusammenschlusses. Sicher trauern auch einige Bewohner der alten Gemeinde nach», stellt der 53-Jährige klar.

In Sachen Dorfpolitik war Daniel Vogt nicht erblich vorbelastet. Sein Vater war Förster von Scherz und Landwirt. In der Politik war er nicht engagiert. Damals gab es noch über 20 Landwirtschaftsbetriebe im Dorf, heute sind es noch fünf. Es war der heutige Gemeindeammann von Birr, René Grütter, der 1990 in Scherz wohnte, und Daniel Vogt für die Mitarbeit im Gemeinderat anfragte.

«Der einzige Landwirt im Gremium wollte aufhören und man war der Meinung, dass es gut wäre, wenn wieder ein Landwirt im Gemeinderat mitmacht», erinnert sich Vogt. Am Wahlwochenende selbst war er dann auf der Musikreise und musste zuerst heimtelefonieren, um zu erfahren, ob er gewählt worden war. Mobiltelefone gab es noch nicht.

«Da sind auch Emotionen im Spiel»

Der Ur-Scherzer hat den Einstieg in die Lokalpolitik nie bereut. Er war zuständig für die Wasserversorgung, die Entsorgung und später, nachdem der Vater nicht mehr Förster war, auch für den Wald sowie die Flurwege.

Schnell lernte er, dass die Mühlen in der Politik langsamer mahlen als in der Privatwirtschaft und die Verfahren oft sehr lange dauern. Spannend waren nicht nur die Aufgaben, sondern auch die vielen Leute, die Vogt in all den Jahren kennenlernte.

Während 16 Jahren war er Vizeammann. Wollte er nie Ammann werden? «Nein», sagt er entschieden. Dies hätte einen erheblichen Mehraufwand bedeutet. Zudem fand er es sinnvoller, dass jemand wie Hans Vogel als Ammann wirkte, der nicht in Scherz aufgewachsen war. «Ich kenne zu jeder Familie eine Geschichte. Da sind auch mal Emotionen im Spiel, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht», erklärt Daniel Vogt. Ein paar ältere Scherzer sehen in ihm noch immer den kleinen blonden «Däneli» von früher.

Zusammen mit seiner Ehefrau Sonja hatte Daniel Vogt das Elternhaus an der Unterdorfstrasse übernommen, sich 2005 von den Kühen getrennt und den Landwirtschaftsbetrieb ganz auf Ackerbau (vor allem Bohnen, Erbsen, Spinat, Dinkel, Raps und Zuckermais) umgestellt.

Insgesamt sind 17 Prozent des von ihm bewirtschafteten Lands ökologische Ausgleichsflächen. Das Zuhause und ein paar weitere Wohnliegenschaften sowie den Volg, den Kindergarten und die ehemalige Gemeindeverwaltung werden mit einer 300 Kilowatt Holzschnitzelheizung gewärmt, die Daniel Vogt gehört.

Hier wird Holz vom Ortsbürger- und vom eigenen Wald verbrennt. Als Logistiker versorgt er zudem den Schweizerischen Bauernverband in Brugg und die Wohnsiedlung Fehlmannmatte in Windisch mit Holzschnitzeln aus dem Ortsbürgerwald Brugg. Sein stimmungsvoller Weihnachtsbaumverkauf im Dezember hat sich in Scherz zu einem gesellschaftlichen Anlass etabliert. «Seit drei Jahren stammen alle Nordmanntannen aus der eigenen Kultur», erzählt der Landwirt stolz.

Dorfverein kümmert sich um Scherz

Auch wenn der ehemalige Vizeammann nicht mehr im Gemeinderat tätig ist, hat er noch immer einen Draht zur neuen Behörde. Bis auf weiteres ist Vogt Vizepräsident des Gemeindeverbands Regionale Wasserversorgung Birrfeld (Rewa).

Zudem kümmert er sich noch um zwei Strassensanierungsprojekte in Scherz, die er im Rat in der Planungsphase intensiv begleitet hatte. Dafür hat er entsprechende Mandate vom Gemeinderat Lupfig. Einerseits geht es um die Totalsanierung der Unterdorfstrasse in Scherz für rund 2 Mio. Franken. Dieses Projekt geht demnächst in die öffentliche Auflage. Andererseits soll auch die Habsburgstrasse noch saniert werden.

Dass er als Mitglied an den Anlässen des neu gegründeten Dorfvereins Scherz teilnimmt, ist für Daniel Vogt selbstverständlich. «Ob es den Dorfverein künftig bei Vakanzen auch für die Suche von Scherzer Kandidaten für die Lupfiger Behörden braucht, kann man noch nicht sagen. Wichtig ist, dass man sich im Dorf engagiert und den Mut nicht verliert, sich einzubringen», ist Vogt überzeugt. Wie das gehen könnte, hat er selber schon mehrfach gezeigt.