Brugg
Er versucht jeden Tag, ein Zipfelchen der Welt zu erhaschen, in der sie lebt

Robert Spiess pflegt seit Jahren seine an Alzheimer leidende Ehefrau Erika zu Hause in Brugg: «Sie lebt in einer anderen Welt», sagt er. Die Reportage gibt einen Einblick in den Alltag von Demenzkranken.

Elisabeth Feller
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«Du bist der beste Mann», hat die an Alzheimer erkrankte Erika Spiess soeben ihrem Mann Robert gesagt.

«Du bist der beste Mann», hat die an Alzheimer erkrankte Erika Spiess soeben ihrem Mann Robert gesagt.

Schweiz am Sonntag

Wir sind eingeladen. Bei Erika und Robert Spiess in Brugg. Es ist 14 Uhr, als wir vor dem Mehrfamilienhaus in dem ruhigen Quartier mit seinen adretten Gärten stehen. Wir drücken auf den Knopf – die Glocke schrillt. Doch es rührt sich nichts. Also noch einmal. Wieder nichts. Sind wir etwa vergessen worden?

Nein. Jetzt wird die Türe geöffnet. Erika Spiess empfängt uns. Sie trägt Jeans, eine zum silbernen Kurzhaarschnitt passende, lockere Bluse. Sie lächelt uns an. Besuch? Nein, davon wisse sie nichts. Und Robert, ihr Mann, der sei gar nicht da. Das Dröhnen des Staubsaugers ist jedoch unüberhörbar. Erika Spiess lächelt noch immer – wir schliessen die Tür und steigen hoch. Dorthin, wo das Ehepaar Spiess lebt.

Alzheimer – immer mehr Menschen sind betroffen

Die Krankheit Alzheimer - die häufigste Demenzerkrankung - ist nach ihrem Entdecker Alois Alzheimer benannt. Sie wird durch einen fortschreitenden Verlust von Zellen im Gehirn ausgelöst. Der Abbau geschieht in Hirnregionen, die geistige Funktionen wie Gedächtnis, Sprache, Planen, Handeln und räumliche Orientierung steuern.

Von Alzheimer oder anderen Demenzkrankheiten betroffen sind etwa 8 Prozent der über 65-Jährigen. Jährlich erkranken in der Schweiz rund 25 800 Menschen neu an einer Demenz: Die Zahl der Demenzkranken wird sich bis 2050 verdreifachen.

Im Aargau leben derzeit rund 7000 Menschen mit Demenz. Obwohl die Krankheit vor allem ältere und sehr alte Menschen betrifft, leben nur 40 Prozent von ihnen in Heimen: Mithilfe von Angehörigen können die meisten Demenzkranken jahrelang zu Hause bleiben.

«Lieber Schatz - Du bist der beste Mann»

«Da seid ihr ja», sagt Robert Spiess, stellt den Staubsauger ab und bittet uns mit einem fröhlichen Lachen herein. Hündin Cora bellt – sie will die Gäste beschnuppern undkennen lernen. Dann verzieht sie sich in ihre Ecke. «Du lieber Schatz. Du bist der beste Mann», sagt Erika zu Robert Spiess. «Danke», antwortet er, fragt in die kleine Runde: «Wer möchte Kaffee oder Tee?» Er setzt Wasser auf – wir nehmen Platz am Tisch.

Erika Spiess hat dunkle, aufmerksame Augen. Sie lächelt erneut. «Wenn die dann . . . Das ist einfach schön. Die können sagen . . . dann ist das doch einfach schön.» Ja, nicken wir – und haben nicht die leiseste Ahnung, was Erika Spiess meint.

«Sie lebt in einer anderen Welt», sagt ihr Mann und stellt die Tassen hin. Robert Spiess versucht jeden Tag, ein Zipfelchen jener Welt zu erhaschen, in die seine Frau abgetaucht ist. Erika Spiess hat Alzheimer.

Wann sind die ersten Krankheitssymptome aufgetaucht? «Vor etwa zehn Jahren.» Damals sei ihm aufgefallen, wie oft seine Frau nach etwas gesucht habe. Nach Abklärungen und Tests stand schliesslich die Diagnose fest: Erika Spiess leidet an einer Krankheit, die – bei einer stetig älter werdenden Bevölkerung – weltweit zunimmt. «Gäll, Erika, wir beide haben es im Griff», ermuntert der Mann seine Frau. «Du lieber Schatz. Du bist der beste Mann.» «Danke.»

Alzheimervereinigung

Die Geschäfts- und Beratungsstelle der Schweizerischen Alzheimervereinigung, Sektion Aargau, befindet sich im Medizinischen Zentrum Brugg, Fröhlichstrasse 7.

Sie ist geöffnet von Montag bis Freitag, 9-12 Uhr.

Telefon 056 406 50 70,

E-Mail: info.ag@alz.ch.

Weitere Informationen sind zu finden unter: www.alz.ch/ag. (SaS)

Vertraut und zugleich fremd

Die beiden blicken sich an – einander vertraut und zugleich fremd. Denn Erika Spiess ist nicht mehr dieselbe, die Robert Spiess gekannt hat. «Sie geht je länger, je mehr in die Kindheit zurück; sie ist seit ein paar Monaten sehr anhänglich.» Erika Spiess schaut ihn an: «Du bist der beste Mann.» «Danke.» Dann senkt sie die Augen. Er: «Das gab es früher weniger, aber jetzt ist sie manchmal sehr traurig.» Robert Spiess sagt es so, dass dem Satz nicht die geringste Spur von Wehleidigkeit anhaftet. Es ist eine Feststellung.

Anteilnahme? Selbstverständlich ist sie da, doch Robert Spiess weiss, dass er sich von den Umständen weder vereinnahmen noch bodigen lassen darf. Aus Selbstschutz. Will er seine Frau weiter zu Hause pflegen, muss er physisch und psychisch gesund sein. Eine herkulische Aufgabe, denn Erika Spiess ist keine Patientin, die sich zu ihren Gedanken oder über ihre Befindlichkeit äussern kann.

Spazieren mit GPS-Gerät: Das geht auch nicht mehr

Es falle ihr schwer, ruhig zu sitzen, erzählt ihr Mann. Spazieren, laufen; ja, das habe sie früher oft und gern getan. Eine gewisse Zeit auch mit einem kleinen GPS-Gerät, das sie um den Hals trug. Hund Cora begleitete sie jeweilen –
Robert Spiess konnte am Computer den Weg seiner Frau verfolgen.

Dann ging auch das nicht mehr. Genauso wenig wie die Reisen in den Schwarzwald und die dortigen Spaziergänge. Dabei liebt Erika Spiess Autofahrten. Kürzere unternimmt sie mit ihrem Mann nach wie vor – und zwar stets dann, wenn er seinen auswärtigen Hauswartaufgaben nachkommt. «Das geht ganz gut», sagt er dazu.

«Erika, möchtest Du mit mir einen kleinen Spaziergang machen? Mit Cora?», fragt Annemarie Rothenbühler von der Geschäfts- und Beratungsstelle der Alzheimervereinigung Aargau in Brugg. Sie begleitet und unterstützt das Ehepaar Spiess; sie kennt die ans Herz greifenden, irritierenden, verstörenden und Partner und Freunde so oft verletzenden Reaktionen ihrer Schützlinge aus langjähriger Erfahrung.

«Ich will nicht», sagt Erika Spiess fast ein bisschen trotzig. Aber ihr Mann Robert hält ihr die Jacke hin, Cora wedelt – dann sind sie, der Hund und Begleiterin Annemarie Rothenbühler für ein Weilchen weg. Für Robert Spiess gibts eine kurze Verschnaufpause. Er ist schon viele Stunden auf den Beinen. Zwischen 5 und 6 Uhr steht er auf; geht mit Cora hinaus, bereitet das Frühstück zu, hält die Wohnung in Ordnung, macht das Mittagessen – er kocht sehr gern – und versucht, mit seiner Frau nachmittags etwas zu unternehmen. Er macht die Wäsche, bügelt sie; kocht das Abendessen. «Und dann ist der Tag zu Ende und morgen kommt ein neuer.»

«Meine Frau wird nie mehr gesund»

Woher nimmt Robert Spiess die Energie, den Optimismus, um den schwierigen, ja extrem schwierigen Alltag mit seiner an Alzheimer erkrankten Ehefrau zu bewältigen? Er fährt Velo. Immer dann, wenn die Tochter kommt, um die Mutter für einige Stunden zu hüten. Und: Er hat seit einiger Zeit den Mittwoch und Donnerstag für sich. Erika Spiess ist dann im Reusspark, dem Zentrum für Pflege und Betreuung in Niederwil – Robert Spiess bleibt zu Hause in Brugg, um Kräfte zu tanken für einen Menschen, von dem er weiss: «Meine Frau wird nie mehr gesund. Ihre Krankheit verschlimmert sich immer mehr.»

Leicht falle ihm die Fahrt in den Reusspark jeweilen nicht, sagt er. Denn seine Frau spüre stets, wohin die Reise gehe. Das trifft und schmerzt ihn. An Weihnachten habe er es nicht übers Herz gebracht, sie für längere Zeit wegzugeben. Sie blieb – und er hängte für sie weisse Schokolademäuse an den Weihnachtsbaum.

Jetzt wird die Tür geöffnet. Erika Spiess kommt herein; der Spaziergang hat ihr gutgetan, wie die roten Backen und das Lächeln zeigen. «Du lieber Schatz. Du bist der beste Mann», sagt sie. «Danke», sagt Robert Spiess und umarmt seine Frau.