Eine Schwangerschaft bereitet nicht immer Freude. Wenn eine Frau unverhofft schwanger wird und die Beziehung zum Partner schwierig ist, tauchen unzählige Fragen auf: Kind behalten oder Schwangerschaft abbrechen? Wie sieht es arbeitsrechtlich aus? Lässt sich die Situation finanziell meistern? In solchen Fällen klingelt oft bei der Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität in Brugg das Telefon.

Co-Stellenleiter und Sozialarbeiter Thomas Hüni bietet der hilfesuchenden Frau ruhig und unkompliziert einen Gesprächstermin für den nächsten oder übernächsten Tag an. «Das muss einfach gehen», sagt der 61-Jährige am ovalen Tisch im Beratungszimmer. Er könne den schwangeren Frauen in psychosozialen Schwierigkeiten nicht zumuten, länger zu warten. Die Beratungen sind ergebnisoffen. Ein Patentrezept kennt Hüni auch nach 35 Jahren Berufserfahrung nicht.

Auf der Beratungsstelle habe man in der Regel mehr Zeit als beispielsweise in einem Spital, um den Zwiespalt zwischen moralischen Fragen und schwieriger sozialer Situation zu lösen, sagt Hüni. Manchmal braucht es dafür auch zwei oder drei Beratungsgespräche.

Ein Schwangerschaftsabbruch erfolgt bis zur 7. Woche medikamentös und bis zur 12. Woche über einen chirurgischen Eingriff. «Damit man sich richtig entscheiden kann, muss man sich beide Optionen möglichst konkret vor Augen führen und das braucht Zeit», betont der Sozialarbeiter. Keine einfache Sache: Die Entscheidung hat Auswirkungen auf das weitere Leben, kann nicht rückgängig gemacht werden und muss von der Frau alleine getroffen werden. Im Aargau finden pro Jahr rund 450 Schwangerschaftsabbrüche und etwa 50 bis 60 Beratungen zu diesem Thema statt.

Die beiden Beratungsstellen in Brugg und Aarau werden von einem neutralen, gemeinnützigen Verein getragen. Finanziert wird er durch Beiträge des Kantons, der beiden Landeskirchen, von Mitgliedern, Honoraren und Spenden. Die Aufgaben sind in einem Leistungsvertrag zwischen Verein und Kanton festgehalten und stützen sich auf gesetzliche Grundlagen. Dazu gehören auch Beratungen rund um die pränatale Diagnostik. Diese betreffen vor allem ältere Schwangere oder Fälle von schwerwiegenden Erbkrankheiten in der Familie. Etwa 10- bis 15-mal pro Jahr kann es im Aargau aufgrund der Diagnostik-Ergebnisse zu einer späten Abtreibung – nach der 12. Woche – kommen, bei der immer der Arzt das Einverständnis geben muss.

Schüler, Eltern und Lehrpersonen

Beratungsgespräche – dazu gehören auch Verhütungs- und Unterbindungsfragen sowie ein neuer Lebensentwurf bei Kinderlosigkeit – stellen nur einen Teil von Hünis Berufsalltag dar. Einen fast so grossen Bereich umfasst die Pädagogik. «Diese Schiene wurde im Laufe der Zeit aufgebaut, weil wir nicht nur ‹Pflästerli-Politik› betreiben wollten», sagt Hüni. Auf Anfrage von Lehrpersonen besuchen die Sexualpädagogen 50 bis 70 Schulklassen pro Jahr. Im Einsatz steht dann immer ein Mann-Frau-Team, sodass die brennenden Fragen rund um Liebe, Sexualität, Verhütung und Pornografie geschlechtergetrennt mit den Oberstufenschülern besprochen werden können.

«Momentan gibt es eine grosse Nachfrage von 6. Klassen, weil die Lehrpersonen noch wenig Erfahrung mit pubertierenden Schülern haben», so Hüni weiter. Zielpublikum sind also nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrpersonen und Eltern. «In der Pubertät gibt es sehr schnelle Entwicklungsschritte. Wir wollen den Eltern zeigen, wie sie die Jugendlichen in dieser Zeit sinnvoll begleiten können», sagt Hüni. Braucht es diese Form von Aufklärung im Zeitalter von Internet eigentlich noch? Der Sexualpädagoge bejaht: «Die Jugendlichen sehen in den Medien viel Sexualität. Im Kopf entstehen dann Bilder. Doch auf der emotionalen Ebene haben sie oft keine Ahnung.»

Zwischen Bildern und Erleben

Die Neugier der Jugendlichen habe sich nicht verändert. «Wir haben früher bei der Papiersammlung die Sexheftli rausgesucht. Heute bekommt man ohne grosse Anstrengung alles zu sehen», räumt Hüni ein. Die Diskrepanz zwischen Bildern und eigenem Erleben habe mit der Verbreitung der Smartphones in den letzten 5 bis 10 Jahren zugenommen. Hüni findet aber auch, dass die meisten Jugendlichen diese Herausforderung ganz gut meistern: «Früher gab es mehr Teenager-Schwangerschaften. Auf unserer Beratungsstelle werden wir nur noch alle 2 bis 3 Jahre damit konfrontiert.»