Es rattert und knattert in der Werkstatt von Kurt Keller. Einzig das Schild mit der Aufschrift «Seilerei Keller» an der Aussenwand lässt vermuten, dass in diesem unscheinbaren Schopf beinahe unzerreissbare Seile hergestellt werden. Inmitten der vielen Spulen, Holzräder und Seile steht Kurt Keller, der letzte Seiler im Kanton Aargau. Er lächelt übers ganze Gesicht, hier fühlt er sich wohl. Schon als kleiner Knabe hat er das Seilerhandwerk erlernt und beherrscht seinen Job wie kein anderer weit und breit. Dabei ist er ursprünglich eigentlich gar nicht Seiler von Beruf. Der gelernte Landwirt hatte über 20 Jahre lang Kühe, arbeitet bis heute täglich in den Reben und war für viele Jahre im Gemeinderat von Villigen. «Als mein Vater 1976 starb, übernahm ich wegen der grossen Nachfrage die Seilerei», sagt er. Das war vor 39 Jahren, heute kann er nur noch an vereinzelte Betriebe in der Region seine Seile liefern.

Tierschutzgesetz mit Folgen

Dass sein Nebenberuf nun nur noch ein Hobby ist, scheint ihn nicht zu kümmern. «Ich stehe immer noch jeden Tag in meiner Werkstatt und habe Freude, wenn die Seile entstehen. Da spielt es keine Rolle, dass sie in der heutigen Zeit nicht mehr gleich gebraucht werden wie früher», begründet er sein zufriedenes Gemüt.

Ursachen für das Aussterben der Seilereien gibt es viele. Zwei Gründe nennt Kurt Keller: «Mit dem Inkrafttreten des neuen Tierschutzgesetzes durfte man das Vieh nicht mehr anbinden. Dadurch sank die Nachfrage nach Stricken spürbar. Als dann das Spannset für schwere Arbeiten oder für das Abschleppen von Fahrzeugen auf den Markt kam, wurden auch die dicken Seile mehrheitlich überflüssig.»

Aus früheren Zeiten: Zusammen mit Frau Waltraut zeigt Kurt Keller seine Arbeit. ZVG

Aus früheren Zeiten: Zusammen mit Frau Waltraut zeigt Kurt Keller seine Arbeit. ZVG

Auch Material hat sich geändert

Die Nostalgie ist förmlich spürbar, als die Litzenmaschine aus dem Jahr 1955 anfängt, die Fäden ineinander zu drehen. Über die Transmission an der tiefen Holzdecke sind die verschiedenen Maschinen miteinander verbunden. Diese Geräte sind Industriedenkmäler. Während früher noch Naturfasern wie Hanf und Flachs verarbeitet wurden, werden heute vor allem Kunstfasern verwendet. Gerade für Seile zum Bergsteigen braucht es künstliche Fasern, da diese stärker sind.

In Kurt Kellers Sortiment finden sich neben Springseilen und Kinderschaukeln auch Abschleppseile und Aufzugsseile.

Wie seine Seile ist auch Kurt Keller kein zartbesaiteter Mann. Schon früh hatte er gelernt, im Betrieb des Vaters mit anzupacken und täglich hart zu arbeiten. Daher erstaunt es nicht, dass der 78-Jährige bis heute immer etwas am Werken ist. «Besonders streng waren die Zeiten während des Krieges», erinnert er sich. «Obwohl ich damals noch ein kleiner Bub war, habe ich mitbekommen, dass die Seilerei plötzlich kein Rohmaterial mehr geliefert bekam. So mussten der Hanf und der Flachs selbst angebaut und zu Fäden verarbeitet werden. Der Aufwand war enorm.»

Kurt Kellers Urgrossvater, Johann Keller, gründete die Seilerei vor rund 160 Jahren. Als gelernter Seiler gab er das Handwerk an seinen Sohn und Kurt Kellers Grossvater, Albert Keller, weiter. Von ihm kam der Betrieb dann in die Hände von Vater Albert Keller, bevor ihn Kurt Keller – mittlerweile der vierte in der Generation – übernahm. Auch die Kinder und Enkel von Kurt Keller können die Litzenmaschine bedienen, obwohl sie andere Berufe ausüben. So geht das Wissen wohl nie ganz verloren und durchläuft noch weitere Generationen der Familie Keller.

Lehre als Seiler gibts nicht mehr

In der Lokalpresse ist Kurt Keller schon fast berühmt. Zusammen mit seiner verstorbenen Frau Waltraut Keller präsentierte er sein Handwerk an Ausstellungen und Messen. Die alten Zeitungsartikel und Fotos stapeln sich sauber sortiert in seiner Werkstatt. «Es ist schön, dass sich die Leute noch immer für das alte Handwerk interessieren. Es sollte nie in Vergessenheit geraten.» 

Eine Berufsausbildung als Seiler gibt es in der Schweiz nicht mehr. Allerdings kann die Lehre als Textiltechnologe mit Schwerpunkt auf Seil- und Hebetechnik absolviert werden. In dieser Fachrichtung stellen Textiltechnologen Natur- und Chemiefaserseile sowie Drahtseile her. Die maschinelle Herstellung in den Grossfabriken unterscheidet sich zwar von der ursprünglichen Seilerei, die Faszination für die vielen Seilarten kann so aber trotzdem ein Stück ausgelebt werden.

Naturliebhaber und Rebbauer

Wie lange Kurt Keller noch täglich in der Seilerei arbeiten wird, weiss er nicht. «Irgendwann werde ich aufhören, sei es aus gesundheitlichen Gründen oder weil ich keine Lust mehr habe. Aber wann das sein wird, lasse ich offen.» Auf die Frage, von wo er seine Kraft nimmt, kommt prompt die Antwort: «Als Landwirt schätzt man die Natur und schöpft aus ihr die Energie. In den Reben und im Wald fühle ich mich wohl.» Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, dass es Zeit für das Mittagessen ist. «Das muss schon sein, bevor es in die Reben geht», sagt er lachend und stellt die Seilmaschine mit einem geübten Handgriff ab.