«In diesem Haus da bin ich aufgewachsen», sagt Armin Käser und zeigt aus seinem Wohnzimmerfenster quer über den Vorplatz auf ein altes Bauernhaus. «Meine Familie hat schon im Jahr 1800 darin gelebt, so lange ist es zumindest dokumentarisch belegt.» Dort im Oberflachser Oberdorf hat der heute 76-Jährige seine Jugend verbracht und wollte in die Fussstapfen seiner Vorfahren treten: Er absolvierte eine Bauernlehre. Damals interessierten ihn die alten Kisten, Truhen und Schränke nicht. «Für mich war das einfach alter Krempel, der da oben vor sich hin staubte», sagt Käser.

Aber im Haus gab es alte Werkzeuge, die ein Brandzeichen mit den Initialen AK – wie seine eigenen – hatten. Das weckte das Interesse des jungen Armin Käser. Er fragte seinen Vater und dieser erklärte, dass diese Werkzeuge einem Abraham Käser gehört hatten. Dieser Abraham Käser war Metzger und der Ururgrossvater von Armin Käser. Abraham steht am Beginn und taucht immer wieder auf in den Forschungen, Recherchen, Artikeln und Vorträgen zur Geschichte von Oberflachs, die Armin Käser seit Jahrzehnten beschäftigt.

Armin Käser hielt 2017 im Zehntenstock in Oberflachs einen heimatkundlich-geschichtlichen Vortrag zu Bränden im Schenkenbergertal.

Eine historische Reise zu den grossen Bränden im Schenkenbergertal

Armin Käser hielt 2017 im Zehntenstock in Oberflachs einen heimatkundlich-geschichtlichen Vortrag zu Bränden im Schenkenbergertal. 

Vom Bauern zum Lehrer

«Ich habe aufgehört zu bauern und wurde über den zweiten Bildungsweg Lehrer», erzählt Käser. In seiner Zeit als Lehrer in Uerkheim begann er sich vermehrt mit Kultur auseinanderzusetzen: Er wurde Mitglied und Präsident der Museums- und Kulturkommission. Zu einem Museum kam es nie, aber sein Interesse war geweckt. Nach zwölf Jahren als Berufswahllehrer in Unterkulm erhielt Käser die Möglichkeit, einen Semesterkurs zu absolvieren, in dessen Rahmen er eine schriftliche Arbeit verfassen musste: «Ich wollte Namensforschung machen und da kamen mir die alten Dokumente, die auf dem Dachboden lagen, wieder in den Sinn. Besonders eines», sagt er.

Das Dokument, mit dem sich Käser während des Wintersemesters 1980/81 beschäftigte, war die Erbteilung und Abtretung seines Urahnen Abraham Käser von 1870. «Zu seinen Lebzeiten gab er seinen Besitz – vor allem Land – an die nächste Generation weiter» sagt Käser. Damals gab es kein Katasteramt und deshalb beschrieb Abraham Käser die Landstücke mit Flurnamen und den Besitzern der angrenzenden Grundstücke. Armin Käser zieht das fast 150-jährige Dokument aus einem Mäppchen hervor und zeigt, wie jedes Stücklein Land seines Urahnen mit gestochen scharfer Handschrift aufgelistet ist. «Meine Begeisterung für die Geschichte von Oberflachs war damit geweckt, aber ich musste sie auf kleiner Flamme halten. Ich arbeitete 100 Prozent als Lehrer», erklärt der 76-Jährige.

Nach der Pensionierung ging seine Beschäftigung mit der Oberflachser Geschichte richtig los: Käser schreibt jedes Jahr einen historischen Artikel in der «Nachlese» – der jährlichen Dorfchronik der Gemeinde Schinznach – und hält in Zusammenarbeit mit dem Verein «Pro Oberflachs» historisch-heimatkundliche Vorträge. «Einen grossen Teil des Interesses finde ich in den Dokumenten selbst, aber ich finde auch immer wieder Themen durch Gespräche mit interessierten Menschen», erklärt er. Neben den Flur- und Dorfnamen beschäftigte sich Käser etwa mit dem Dorfbrand von 1817, den Dorfbrunnen oder dieses Jahr mit der Dorfschule.

Auch der Vortrag über die Schule hat sich aus seinen Dokumenten heraus ergeben: Einer seiner Grossväter war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Oberlehrer in Oberflachs. «Ich habe festgestellt, dass der Fächerkatalog, den mein Vorfahre unterrichtete, fast derselbe war, den ich in meiner Schulzeit erlebte», stellt Käser fest. Aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts sah die Schule noch anders aus: «Die Kinder, die um 1800 zur Schule gingen, lernten kaum mehr als schreiben und lesen und dies mit geisttötenden Methoden», erzählt Käser aus seinem letzten Projekt.

Neben den Zeugnissen und Lehrplänen hat Käser auch viele Aufsätze gefunden. Darin beschreiben junge Menschen aus drei Generationen, wie sie lebten. «Sie erzählen von Sachen, die heute niemand mehr kennt», sagt Käser. Wenn seine Dokumentensammlung verloren geht, geht damit auch viel Wissen unwiederbringlich verloren: «Ich habe bereits eine gewisse Triage vornehmen müssen. Aber für mich ist es wünschenswert, dass zumindest ein Teil der alten Dokumente in einem Museum oder Archiv erhalten bleibt», sagt Käser. Noch hat er aber keinen Aufbewahrungsort gefunden.

Ein neues Projekt wartet

Als nächstes Projekt könnte sich der 76-Jährige vorstellen, der Wertentwicklung des Geldes zwischen 1850 und 1950 in Oberflachs und damit auch der Armut nachzugehen. Viele seiner Vorfahren – etwa der Dorflehrer, der Tagelöhner beschäftigte – haben neben Erbteilungen und Testamenten auch Buchhaltungen verfasst, mit denen Käser den Wert der Güter und die Kaufkraft des Geldes aufzeigen will.

Durch die jahrzehntelange Beschäftigung mit der lokalen Geschichte ist der ehemalige Lehrer zu einer Überzeugung gelangt: «Man darf unsere Vorfahren nur aus dem Verständnis ihrer Probleme und ihrer Situation beurteilen. Von unserer heutigen Wohlstandsperspektive aus fällt es leicht, sie zu verurteilen. Aber von uns Wohlstandsmenschen darf man ruhig mehr erwarten.»