Schinznach-Bad
Ende Mai ist Schluss: Kein Anschluss mehr für diese Kabine

Das öffentliche Telefon bei der ehemaligen Poststelle in Schinznach-Bad wird – wie viele andere auch – kaum mehr genutzt. Ende Mai wird die Swisscom den Betrieb deshalb einstellen. In Absprache mit der Gemeinde.

Michael Hunziker
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Die Nachfrage nach mobiler Telefonie steigt, die Telefonkabinen – wie diese an der Bahnhofstrasse in Schinznach-Bad – verschwinden.

Die Nachfrage nach mobiler Telefonie steigt, die Telefonkabinen – wie diese an der Bahnhofstrasse in Schinznach-Bad – verschwinden.

Michael Hunziker

Alle, die nicht mehr ganz jung sind aber sich noch nicht alt fühlen, erinnern sich an die Zeiten, als nicht jedermann ein Telefon im Hosensack bei sich hatte; als sie unterwegs zu den neuen Bekannten die Rosenstrasse einfach nicht finden wollten und – um sich nach dem Weg zu erkundigen – die Telefonkabine aufsuchen mussten; als sie sich am Bahnhof einen Hörer schnappten, um sich bei der Verabredung zu melden und für die Verspätung zu entschuldigen; als sie vor dem öffentlichen Telefon im hintersten Dorf im Entlebuch anstanden, weil alle Soldaten gleichzeitig die Stimme ihrer Liebsten hören wollten.

Telefoniert wird zwar nach wie vor – aber nicht mehr so oft an einem öffentlichen Apparat. Eine Telefonkabine nach der anderen ist verschwunden. Betroffen ist jetzt auch diejenige bei der ehemaligen Poststelle an der Bahnhofstrasse in Schinznach-Bad: Sie wird Ende Mai aufgehoben.

Volkswirtschaftlich nicht sinnvoll

Für die Betreiberin, die Swisscom AG, ist der Fall klar: «Wir betreiben Telefonkabinen, wenn diese in der Grundversorgung vorgesehen sind oder sie entsprechend genutzt werden», sagt Mediensprecher Olaf Schulze und ergänzt: «Die öffentlichen Telefonkabinen sind ein Nischengeschäft.» Dies bedeute, räumt Schulze ein, dass in Fällen, wo gar keine Nachfrage mehr bestehe, auch Kabinen geschlossen würden, denn: «Es ist weder betriebs- noch volkswirtschaftlich sinnvoll, ungenutzte Infrastrukturen künstlich am Leben zu erhalten.» Trotzdem: «Swisscom führt einen Dialog mit den Gemeinden, um ihre Bedürfnisse abzuklären», versichert Schulze. Selbstverständlich werde respektiert, wenn eine Gemeinde der Schliessung einer Telefonkabine nicht zustimmen möchte. Öffentliche Telefone, die der Grundversorgung angehören, würden nur dann geschlossen, wenn die Gemeinden ihr Einverständnis geben.

Der Entscheid über die Aufhebung des öffentlichen Telefons in Schinznach-Bad hätten Gemeinderat und Swisscom zusammen gefällt, bestätigt Gemeindeschreiberin Nicole Seiler. Das Gerät befinde sich auf privatem Grund. Die Post, fährt Nicole Seiler fort, ist seit März im Volg einquartiert. Die Suche nach einem neuen Standort für das Telefon hätte nur dann Sinn gemacht, wenn es auch rege genutzt würde. Reaktionen aus der Bevölkerung sind auf den Entscheid laut der Gemeindeschreiberin bislang übrigens keine eingegangen.

Rückgang um 60 Prozent

Trotz zunehmender Verbreitung der Mobiltelefone: Swisscom wird gemäss Mediensprecher Schulze auch in den kommenden Jahren an den Telefonkabinen festhalten. Denn 3307 der schweizweit noch total 4850 Telefonkabinen seien Bestandteil der Grundversorgung. Und diese sehe bis mindestens 2017 weiterhin öffentliche Sprechstellen vor.

Schulze weist gleichzeitig darauf hin, dass bei den Telefonkabinen der Grundversorgung die Anzahl Gespräche zwischen 2004 und 2013 um 60 Prozent zurückgingen. «Es gibt mehr als 1000 Telefonkabinen, die über mehrere Tage hinweg unbenutzt bleiben», so der Swisscom-Mediensprecher.

Am besten genutzt würden die Kabinen in einer Kernzone, zum Beispiel in einem Stadtzentrum, am Bahnhof oder bei der Post. Nach seinen Informationen, so Schulze, sind primär noch drei relevante Kundengruppen auszumachen: Erstens seien dies preisbewusste Menschen, die ins Ausland telefonieren wollten; zweitens Touristen, die unter anderem die Festnetz-Qualität und die günstigen Tarife schätzten; sowie drittens sogenannte «Notfall-Nutzer», deren Handy-Akku leer oder deren Handy-Guthaben aufgebraucht sei.

Jede hat eigene Kostenstruktur

Über erforderliche Zahlen, damit eine Kabine rentiert, kann laut Schulze keine generelle Aussage gemacht werden. «Auf den Umsatz und die Rentabilität einer Kabine haben mehrere Faktoren einen wesentlichen Einfluss: Standort, Kabinentyp, Gerätemodell, Reinigungsfrequenz.» Anders gesagt: «Grundsätzlich ist es so, dass jede Telefonkabine eine eigene Kostenstruktur hat.» Nebenbei: Die Wartung der Telefonkabinen wird stets durch die Swisscom sichergestellt, die Reinigung wird von Dritten durchgeführt. Ein Problem stellt der – tendenziell steigende – Vandalismus dar. Zu verzeichnen seien vermehrt Sprayereien oder «Total-Zerstörungen», gerade nach Demonstrationen in grösseren Städten.

Bei solchen Beschädigungen können ausgediente Kabinen – sofern des neusten Typs – wieder zum Einsatz kommen. Auch dienen die ausgemusterten Apparate als Ersatzteillieferant. «Alle anderen Kabinen werden umweltgerecht entsorgt», sagt Schulze. Einige Telefonkabinen seien auch verkauft worden. «Über deren Nutzung haben wir jedoch keine Kenntnis.»

Noch 18 Geräte im Bezirk

Waren in den Neunzigerjahren in der Schweiz zeitweise über 13 000 Telefonkabinen in Betrieb, sind es 2013 noch 4850. Im Bezirk Brugg können derzeit 18 öffentliche Telefone gezählt werden. Gleich mehrere befinden sich in der Stadt Brugg – rund um den Bahnhof und den Neumarkt.

2007 wurde die Grundversorgungskonzession an die Swisscom vergeben. Gemäss Gesetz muss das Unternehmen «eine ausreichende Anzahl öffentlicher Sprechstellen rund um die Uhr bereithalten». Bei der Festlegung der Anzahl der obligatorischen Standorte pro Gemeinde trägt die Eidgenössische Kommunikationskommission (ComCom) «der Einwohnerzahl, der Fläche und den spezifischen Besonderheiten der politischen Gemeinden Rechnung». Bevor der Entscheid fällt, eine öffentliche Sprechstelle ausser Betrieb zu nehmen, prüft die ComCom – gestützt auf die Angaben der Gemeindebehörde – ob eine solche Aufhebung zweckmässig ist.