Einiges habe er schon weggeräumt, sagt Daniel Moser (59) und schaut sich in seinem Büro um im ersten Stock im Brugger Stadthaus. Einiges aber bleibe noch zu tun, fügt er mit Blick auf die Aktenstapel an, die sich angesammelt haben in seinen acht Jahren als Stadtammann. Das Flugzeug-Modell auf seinem Schreibtisch werde er sicher wieder mitnehmen, auch das gelb-goldene, grossformatige Bild «Moonwalker» von Claudia Piani. Das Werk erinnert ihn an seine Zeit als Linienpilot, an die nächtlichen Flüge über die Hudson Bay mit dem eindrücklichen Mondaufgang. Der FDP-Politiker nimmt Platz am dunklen Holztisch und steht fast zwei Stunden lang Red und Antwort – wohlüberlegt, sympathisch und unaufgeregt.

Daniel Moser, die Stadtammann-Wahl in Brugg ist vorbei, Barbara Horlacher von den Grünen hat sich gegen Titus Meier von der FDP durchgesetzt und wird nächstes Jahr Ihre Nachfolge antreten. Kommt mit diesem Wahlausgang der frische Wind, wie von vielen gesagt wird?

Daniel Moser: Realistisch betrachtet wird sich nicht so viel ändern, denn sämtliche Entscheide werden von einem Fünfergremium, dem Stadtrat, gefällt. Die Aufgabe des Stadtammanns ist es, den Stadtrat zu moderieren, eine gute Gesprächskultur zu fördern. Der Wahlausgang kam für mich etwas unerwartet. Aber ich hatte schon bei der Bekanntgabe der Kandidaturen ein gutes Gefühl, denn beide Kandidaten haben aus meiner Optik das nötige Rüstzeug.

Die Erwartungen an den neuen Stadtammann sind hoch. Welche Herausforderungen kommen auf Ihre Nachfolgerin zu?

Wir haben laufende, wichtige Geschäfte. Beispielsweise fand eben der Kick-off statt für die Aufwertung von Bahnhofplatz und Neumarkt. Das ist ein Schlüsselprojekt für unsere Stadt und für die Entwicklung extrem wichtig . . .

. . . und es kommt mit einer massiven Verzögerung.

Vor drei Jahren lag der Masterplan auf. Durch die Wechsel an der Spitze der Abteilung Planung und Bau kam es allerdings zum Stillstand. Auch wenn die Verzögerungen wehtaten, war für mich stets klar: Ein so komplexes Geschäft muss vom Leiter der Abteilung Planung und Bau begleitet werden. Von den beteiligten Partnern wurden wir immer wieder gefragt, wann es weitergeht. Der grösste Druck kam von Postauto, denn da besteht eine schwierige Situation mit dem heutigen Busterminal Zentrum. Vor einem Jahr haben wir im Stadtrat den Masterplan verabschiedet. Es geht um die Priorisierung, darum, in welcher Reihenfolge welche Einzelprojekte angepackt werden.

Werden demnächst also die ersten umgesetzt?

Vormachen dürfen wir uns nichts: Wir bauen nicht schon im nächsten Jahr. Aber mit dem Kick-off haben wir versucht, alle Partner auf die gleiche Ebene zu bringen: der Kanton, die SBB sowie Postauto und die Stadt. Anfang des nächsten Jahres findet die nächste Sitzung statt.

Ein anderes Thema ist die zentralisierte Verwaltung. Wie steht es um diese?

Das Projekt beschäftigt mich, seit ich Stadtammann bin. Als ich erstmals mit dieser Idee kam – und dies anscheinend nicht als erster – haben viele ungläubig den Kopf geschüttelt. Wir sind aber drangeblieben mit Energie und Überzeugung. Erfreulicherweise konnten wir einen Studienauftrag durchführen mit sieben ausgewiesenen Architekturbüros.

Das Siegerprojekt wurde gekürt. Warum ist es ruhig geworden?

Nun müssen wir den Gestaltungsplan überarbeiten und anpassen. Denn es soll wirklich etwas entstehen für die Bevölkerung, für die Verwaltung, für die Mitarbeitenden. Sie haben zeitgemässe Arbeitsplätze verdient. Für mich ist das geplante Stadtbüro enorm wichtig, denn wir müssen eine bürgerfreundliche Anlaufstelle, eine Willkommenskultur schaffen. Dabei darf man nicht vergessen: Das Projekt wird in seinen Dimensionen das Bild der Stadt massiv verändern. Aber wir haben uns auf die Fahne geschrieben, es mit hoher Qualität und der nötigen Sorgfalt umzusetzen – auch gegenüber der Altstadt.

Dort haben die Läden und Restaurants zu kämpfen mit sinkenden Umsätzen. Welche Anstrengungen müssen unternommen werden?

Wir haben versucht, die Altstadt lebenswerter zu gestalten, haben ein Reglement erarbeitet zur Benützung des öffentlichen Raums, um die Attraktivität zu steigern. Wir können auf das Angebot hinweisen, können motivieren, es zu nutzen. Zwingen können wir aber niemanden. Das Verhalten der Bürger können wir nicht beeinflussen. Ich bin überzeugt: Wir haben bei uns qualitativ ein gutes Angebot, allerdings kein umfassendes.

Es waren Bestrebungen im Gang, die Altstadt besser an den Neumarkt anzubinden, mit einer Begegnungszone samt Tempo-20-Zone bei der City-Galerie.

Die Idee besteht noch immer, diese Achse zu stärken, und zwar bis zum Fachhochschul-Campus.

Apropos Campus: Studenten sind kaum anzutreffen in der Altstadt.

Zugegeben, da wurden unsere Erwartungen nicht erfüllt. Die Studenten haben ein sehr schönes Campus-Areal mit vielen Möglichkeiten. Ihnen gefällt es dort offenbar. Vielen ist wohl zu wenig bewusst, dass es nördlich der Bahngleise auch Leben gibt (schmunzelt).

Noch einmal zu den laufenden Projekten. Was ist mit dem Bau des Umiker-Stegs oder mit der Sanierung der Süssbachunterführung?

Gerade diese beiden Projekte sind symptomatisch für politische Abläufe. Am Anfang hat man das Gefühl, mit einfachem Aufwand kostengünstig etwas umsetzen zu können. Sind dann verschiedene Parteien involviert, wird es komplizierter. Derzeit laufen die Abklärungen. Gegen aussen sieht man leider nicht, wie viele Zahnrädchen im Hintergrund ineinandergreifen müssen, und es mag der Eindruck entstehen, dass nichts passiert. Das ist das Schwierige an meiner Position: Oft – zu oft – muss ich die Leute vertrösten.

Bei der Südwestumfahrung und der Ostaargauer Strassenentwicklung (Oase) sind ja ebenfalls viele Parteien beteiligt. Dauert die Planung ebenfalls noch länger?

Die Südwestumfahrung kommt, hier konnten wir die letzten Hindernisse aus dem Weg räumen. Das war Knochenarbeit, aber jetzt folgt die Phase mit dem Landerwerb und den Ausschreibungen. Anfang 2019 soll der Bau beginnen. Die Arbeiten dauern voraussichtlich rund zwei Jahre.

Bei der Oase haben Sie sich ja für eine Tunnel-Variante ausgesprochen. Sind Sie nach wie vor überzeugt von dieser Lösung?

Betrachten wir die Situation mit dem Kreisel Baschnagel auf der einen und dem Kreisel Lauffohr auf der anderen Seite, ist für mich klar: Die Strasse muss in einer geraden Linie unter dem Boden verlaufen. Ich bin überzeugt, dass wir einen vernünftigen Weg finden. Hier ist der Zeithorizont allerdings ein anderer als bei der Südwestumfahrung.

Neue Lösungen hätten es schwer in Brugg, ist immer wieder zu hören. Hat die Verwaltung tatsächlich kaum ein offenes Ohr für innovative Ideen?

Vielleicht war dies der Fall vor vielen Jahren. Diese Wahrnehmung aus den Köpfen zu bringen, ist schwierig. Fragt man bei den Einwohnern aber nach konkreten Beispielen, können meistens keine genannt werden. Die Abläufe auf unserer Verwaltung sind gut geregelt. Wir haben ein Kompetenzreglement, jeder Abteilungsleiter weiss, was er darf. Unsere Verwaltung leistet eine Riesenarbeit und erhält regelmässig Lob und Komplimente. Zu spüren ist allerdings, dass die Einwohnerzahl, die Ansprüche und die Vorschriften zugenommen haben. Ohne zusätzliche Stellenprozente können die Prozesse nicht beschleunigt werden.

Sie haben es bereits gesagt: Gleich mehrere Wechsel gab es an der Spitze der Abteilung Planung und Bau. Schaut die Stadt nicht zu ihren Angestellten?

Bei unserer Grösse und der Bandbreite an Tätigkeiten übernehmen unsere Mitarbeitenden oft eine Herkulesaufgabe. Das ist nicht jedermanns Sache. Sicher aber müssen wir unser System früher oder später überdenken. Unsere Verwaltung ist unterdotiert, die Belastung wird immer grösser. Würde ein Abteilungsleiter ausfallen, dann hätten wir ein grösseres Problem.

Kommen wir zur regionalen Zusammenarbeit. Sie waren ja auch Präsident des Regionalplanungsverbands Brugg Regio. Was ist auf gutem Weg, wo hapert es allenfalls noch?

Ich habe immer gesagt, dass wir uns in Brugg nicht nur um die Stadt kümmern sollten, sondern auch um die Region. Als ich kam, funktionierte Brugg Regio nicht wie gewünscht. Darum haben wir einen Systemwechsel vollzogen.

Wie sah dieser aus?

Wir brachten alle Gemeinden an einen Tisch. Das liess uns zusammenrücken, hat viel fürs gegenseitige Verständnis gebracht. Die Folge: Jedes regionale Projekt, das wir zum Abschluss bringen konnten, führte dazu, dass ein nächstes angepackt werden konnte.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Regionalpolizei. Da hatte es zu Beginn noch «Chnörz» drin. Daran arbeiteten wir und wir konnten alles klären. Dadurch war es in der Folge möglich, auch den Bevölkerungsschutz über das ganze Gebiet zu organisieren, obwohl dies zu Beginn ebenfalls ein «Chnorz» war. Es hat viele Verhandlungen und Diplomatie gebraucht. Jetzt funktioniert es einwandfrei. Es ist professioneller, es ist gut aufgezogen, aus jedem Gebiet sind Leute dabei.

Wichtig ist ebenfalls die Zusammenarbeit zwischen den Zentrumsgemeinden Brugg und Windisch. Hier hat sich das Verhältnis in letzter Zeit abgekühlt.

Windisch versucht sich um die eigenen Probleme zu kümmern, setzt den Schwerpunkt auf die Finanzen. Und da bleibt wohl zu wenig Energie übrig, um ringsherum noch etwas zu machen. Ich möchte an dieser Stelle sagen: Gemeinsam mit dem Windischer Alt-Gemeindeammann Hanspeter Scheiwiler habe ich damals die Ortsplanungsrevision «Raum Brugg Windisch» in die Wege geleitet. Ich bin stolz darauf, dass wir es so weit geschafft haben. Denn es ist sinnvoll, in Räumen zu denken, die nicht an der Gemeindegrenze aufhören. Zu meinen Anfängen als Stadtammann hatte ich auch das Gefühl, dass wir vorwärtsmachen und mit Windisch fusionieren können. Uns hat Windisch allerdings mitgeteilt, dass eine Fusion in dieser Legislatur kein Thema ist. Das ist so zu akzeptieren.

Man muss ja nicht unbedingt fusionieren, sondern kann auch die Zusammenarbeit intensivieren. Warum legt man die Verwaltung nicht zusammen?

Windisch und Brugg haben im Verhältnis zu anderen Kommunen eine relativ grosse Verwaltung. Darum sind es vor allem kleinere Gemeinden, die unser Angebot für eine Zusammenarbeit annehmen könnten.

Wird dieses Brugger Angebot von den kleineren Gemeinden noch zu wenig genutzt?

Das Problem und der Druck scheinen noch nicht so gross zu sein. Diejenigen, die das Angebot nutzen wollen, machen das bereits. Und für die anderen sind wir offen – vorausgesetzt, wir können die Leistungen erbringen.

Sie haben einmal gesagt, dass sich die Region Brugg noch zu wenig dem Vorteil des Campus-Standorts bewusst ist. Hat sich das in der Zwischenzeit geändert?

Auf jeden Fall haben wir noch Potenzial, den Standort besser zu vermarkten. Vielleicht lohnt sich hier ein Vergleich zwischen der Schweiz und Frankreich: In Frankreich wird für jede Kleinigkeit die Fahne hochgezogen und ein Fest organisiert. Wir Schweizer hingegen sind irgendwie nicht dafür gemacht, an etwas Freude zu haben, das gut läuft. Es steht niemand hin und freut sich offen über den Campus. Ich möchte im regionalen Bewusstsein verankern, dass wir hier etwas Tolles haben.

Windisch hat schon den Anspruch formuliert, dass sich auch andere Gemeinden am Campussaal beteiligen sollen.

Das wäre zwar schön, aber das kann man so nicht einfach einfordern. Denn wir im Zentrum haben gesagt, dass wir diesen Campus wollen. Da können wir die anderen Gemeinden nicht nötigen, ebenfalls mitzumachen. Schön wäre es aber trotzdem.

Was braucht es denn noch für Bestrebungen, damit das Angebot durch die Studenten besser genutzt wird?

Ich habe kein Rezept . . . ausser vielleicht einfach das Bewusstsein dafür zu schärfen, welche Möglichkeiten wir hier haben.

Was ist mit der Plattform Campusplus passiert, mit der die Bildungslandschaft in Brugg vernetzt werden sollte?

Die Vernetzung hat inzwischen erfolgreich stattgefunden. Darum geniesst Campusplus nicht mehr grösste Priorität.

Wo sehen Sie das grösste Entwicklungspotenzial der Region Brugg?

Potenzial hat sicher der Bahnhof mit dem Bereich je hundert Meter auf beiden Seiten der Gleise. Diesen Perimeter müsste man gemeinsam neu planen. Dazu braucht es Windisch und Brugg, sicher auch Hausen, die SBB, den Kanton, die Fachhochschule. Eine Neugestaltung hätte eine grosse Auswirkung auf die Attraktivität, die sich wiederum positiv auf die Region auswirken würde. Ansonsten sollte die ganze Region noch an der guten Wohnqualität arbeiten. Wir dürfen aber nicht die wahnsinnige Idee haben, mit den Regionen Aarau oder Baden konkurrenzieren zu wollen. Wir sollten uns auf unsere eigenen Stärken besinnen.

Kommen wir zur Kommunikation. Diese war bereits ein grosses Thema bei Ihrem Amtsantritt vor acht Jahren. Sie sagten damals, dass es wichtig ist, die Kommunikation zu verbessern. Nun wurde diese im aktuellen Wahlkampf wieder bemängelt. Offenbar fand keine Verbesserung statt.

Ja, die Kommunikation ist mehr oder weniger auf dem Stand geblieben, auf dem sie war. Einige Komponenten hat man verbessert, so wurde beispielsweise die Homepage überarbeitet.

Wo sind die Schwierigkeiten?

Medienanfragen belasten unser System enorm. Auch wenn ein Einwohnerrat zehn Tage vor der Einwohnerratssitzung einen zweiseitigen Fragenkatalog einreicht, dann ist jemand absorbiert mit dieser Arbeit. Es ist ein Ressourcenproblem. Aber wir haben nicht die Stadtgrösse, um eine Kommunikationsstelle einzurichten. Wir haben uns beispielsweise auch überlegt, eine Stadt-App zu realisieren. Wir mussten uns allerdings eingestehen, dass wir dafür zu wenig Energie zur Verfügung haben. Unsere Website wird von der Verwaltung nebenbei betreut. Da ist klar, dass wir nicht so peppig daherkommen können wie andere. Aber klar: Es gibt Aspekte, die ausbaubar sind.

Zum Beispiel?

Ich als Wahnsinnssportler (lacht) finde es super, wie stark unser Judoclub unterwegs ist,oder ich freue mich, wenn Kanutin Sabine Eichenberger wieder eine Medaille holt. Das dürfte man auf unserer Website erwähnen.

Es gibt aber kleine Gemeinden wie Riniken, die es schaffen, eine Facebook-Seite zu betreiben. Andere geben eine Dorfzeitung heraus oder immerhin ein Mitteilungsblatt.

In Brugg gab es die letzten Jahrzehnte kein Gemeindeblättli. Eine Zeitung liessen wir uns offerieren, mussten dann aber feststellen, dass sich Aufwand und Ertrag nicht die Waage halten. Zu Facebook: Da braucht man einen Fan, der das betreut. In der Verwaltung gibt es niemanden dafür. Aber natürlich ist alles ausbaubar. Und ich finde ebenfalls, dass man von unserer Seite etwas frischer daherkommen dürfte. Aber man hat sich entschieden, dass es um die sachliche Information geht.

Es wird schon lange ein Kommunikationskonzept erwartet. Wo steckt dieses fest?

Da waren wir relativ weit vor etwa fünf Jahren. Wir haben der Fachhochschule einen Studienauftrag erteilt. Kurz vor Abschluss machte der Student einen Rückzieher, die ganze Arbeit war für nichts. Darin war eine Bevölkerungsumfrage enthalten, das ganze Bouquet eben. Ich hatte mich wirklich darauf gefreut.

Das Konzept wurde auf Eis gelegt?

Wir nahmen nochmals einen Anlauf in diesem Jahr. Wir hätten aber nur noch im kleinen Rahmen etwas zustande gebracht. Es ist also etwas für die neue Legislatur. Aber klar: Ohne dieses Kommunikationskonzept geht es einfach nicht mehr.

Eine ganz andere Frage: Werden Sie sich Ende Jahr komplett aus der Politik zurückziehen?

Ja! Das ist die Idee. Ich will mich nirgends einmischen oder engagieren. Wenn es im Stadtrat noch eine Vakanz geben sollte, stelle ich mich auf Wunsch unterstützend zur Verfügung. Wie ein externer Projektbegleiter. Und klar: Ich will die Übergabe an Barbara Horlacher sauber lösen.

Zum Schluss: Welche Schlagzeile möchten Sie in nächster Zeit über Brugg lesen?

Ha! (lacht und überlegt lange) . . . Brugg soll sich zu einem lebensfrohen Regionenzentrum entwickeln . . . ich würde es so formulieren: «Die Region Brugg ist sich ihrer Qualitäten bewusst».