Mülligen
«Ende Feuer» für die Feldschützen - weil der Nachwuchs fehlt

Der älteste Verein im Dorf hat an einer ausserordentlichen Generalversammlung die Auflösung beschlossen - nach 140 Jahren Existenz. Es fehlen die Mitglieder. An der letzten Versammlung im Februar wird die Liquidation vollzogen.

Hans-Peter Widmer
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Im Foyer der Turnhalle Mülligen erinnert der Fahnenkasten an das 140-jährige Bestehen der Feldschützengesellschaft. H.P.W.

Im Foyer der Turnhalle Mülligen erinnert der Fahnenkasten an das 140-jährige Bestehen der Feldschützengesellschaft. H.P.W.

Den Kleinbauern Heinrich Barth nannten die Mülliger «de Stähli». Er galt als trefflicher Schütze und Stütze der 1872 gegründeten Feldschützengesellschaft Mülligen. Sein Übername war eine Anspielung auf den Sieger des Eidgenössischen Schützenfestes 1914 in Aarau namens Stähli. So weit brachte es Heinrich Barth mit seinem Langgewehr nicht, aber an Feldschiessen und Vereinswettkämpfen kam er oft «in die Kränze» – und mit ihm weitere Vereinskameraden wie Walter Widmer (Jahrgang 1898), Hans Hauser (1903), Albert Hauser senior, usw. Im Bezirksschützenverband Brugg waren die Feldschützen eine geachtete Sektion.

Am Ende

Nun beschloss die 140 Jahre alte Gesellschaft – sie ist neben der 100-jährigen Turnerschar der älteste Dorfverein von Mülligen – an einer ausserordentlichen Generalversammlung die Auflösung. An der letzten Versammlung im Februar wird die Liquidation vollzogen. Gründe sind der Mitgliederschwund und die schwierige Besetzung der Vereinschargen. Der Vorstand schrumpfte auf drei Personen. Mit weniger als sechs Aktiven ist keine Sektionsklassierung an Wettkämpfen mehr möglich.

Bis vor wenigen Jahren registrierte der Verein 95 Obligatorisch-Schützen, die ihre ausserdienstliche Schiesspflicht erfüllten; jetzt sind es laut Schützenmeister Peter Zobrist noch 30. Die Armeereformen zeigen Wirkung. «Zobi», wie er im Dorf genannt wird, tut die Auflösung weh. Seit einem halben Jahrhundert ist er mit der Schützengilde verbunden. In den 1960er-Jahren bestand er in Magglingen die Jungschützenleiter- und Schützenmeisterkurse. Er versah die Funktionen des Schützenmeisters und Munitionsverwalters, die durch verschärfte Vorschriften immer verantwortungsvoller wurden. Für seine Verdienste verlieh ihm der Verein die Ehrenmitgliedschaft. Nun musste auch er sich der Einsicht beugen, dass «Durchseuchen» keinen Sinn mehr macht. Die Feldschützengesellschaft Mülligen ist kein Einzelfall. Im einstigen Schützenverband Birrfeld gingen letztes Jahr schon die 300-Meter-Schützenvereine Birr und Lupfig unter. Durch den Bau der Autobahn A3 verloren die Mülliger Schützen ihren 1922 erstellten Schiessstand auf dem Birrfeld. Sie schlossen sich 1990 der kleinregionalen Schiessanlage Mülischer/Wohlenschwil an. Einige der dort untergebrachten sechs weiteren Schützenvereine kämpfen ebenfalls mit Existenzproblemen.

Vielleicht ein Zusammenschluss?

Es kann sein, dass es eines Tages zu einem Zusammenschluss kommt. Immerhin wird in Mülligen das «Fähnlein der sieben Aufrechten» nicht endgültig eingerollt. Der Verein «Druckluftschützen Mülligen» entsteht. Er führt mit 5000 Franken Startkapital das vor der Feldschützengesellschaft betriebene
10-Meter-Kleinkaliberschiessen im Keller der Mehrzweckhalle weiter und bietet so nicht zuletzt Jungen eine Freizeitbeschäftigung. Das Restvermögen der «Feldschützen» von rund 25000 Franken geht an die Gemeinde über. Sie muss das Geld während 10 Jahren für eine etwaige neue Schützenvereinigung reservieren; erst dann dürfte sie frei darüber verfügen.