Der bevorstehende Besitzerwechsel an einer Top-Adresse in Brugg wird von FDP-Einwohnerrätin Eva Büchler Méndez mit Unmut beobachtet. Rückblick: Die Liegenschaft Rotes Haus hat insgesamt vier Besitzer.

Nun kauft die im Herbst gegründete Stiftung Rotes Haus mit dem Hotel- und Gastrobereich den grössten Teil dieses geschichtsträchtigen Hauses in der Brugger Altstadt.

Die Stiftung strebe eine ganzheitliche Nutzung der Liegenschaft an und sei, so Stiftungsratspräsident Hans Keller, mit allen Besitzern im Gespräch. In der Trattoria sind keine Veränderungen vorgesehen: Vittorio Timpano bleibt Pächter.

Bereits im Jahre 1448 wurde das Rote Haus in der Chronik als Rast- und Gasthaus erwähnt. Das markante Gebäude im Stadtzentrum hat schon viel erlebt.

Im legendären, grossen Saal im ersten Stock fanden früher politische, kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen statt. Seit einem Jahr haucht die Freikirche ICF dem Saal jeweils am Sonntagabend mit ihrer Celebration wieder etwas Leben ein.

«Wiederherstellung von Menschen»

Die neue Stiftung Rotes Haus verfolgt gemäss Eintrag im Handelsregister des Kantons Aargau die «ganzheitliche Wiederherstellung, Förderung und Festigung von Menschen auf gesamtbiblischer Basis, ungeachtet ihrer Herkunft, sozialen Stellung, Ausbildung und Fähigkeiten».

Neu soll es im Roten Haus ein Büro für Entschuldung geben, das betroffene Personen begleitet, aus der Schuldenfalle herauszukommen. Ebenso in Planung ist ein medizinisch-therapeutisches Angebot sowie eine Jobbörse für jüngere Stellensuchende.

Zwei der drei Stiftungsräte haben bereits seit dem Jahr 2009 die Hotelbar gemietet und hier mit der «Heilbar» einen Ort für Begegnung, Gespräche, Coaching, Ehe- und Lebensberatung geschaffen. Ein Zimmer in der «Heilbar» ist an «Charis Touch» vermietet. Nach einfachen Prinzipien bietet Regine Pradervand einen «sanften Weg zur Veränderung» an, wie sie selber sagt.

Eva Büchler Méndez, FDP-Einwohnerrätin der Stadt Brugg, beobachtet diese Entwicklung im Traditionshaus in der Brugger Altstadt kritisch. Als die «Heilbar» ihre Türen öffnete, erkundigte sich Büchler bei der Fachstelle Infosekta über die dahinterstehenden Organisationen «Campus für Christus» (CfC) und «Aglow».

«Die Teammitglieder scheinen ausschliesslich oder mehrheitlich einen freikirchlichen, da heisst einen evangelikalen Hintergrund zu haben», so Infosekta in ihrer Antwort.

«Aglow» sei ein Zusammenschluss von Frauen, die das Evangelium verbreiten wollen. CfC stamme wie «Aglow» aus den USA und sei eine internationale Bewegung zur Verbreitung des Evangeliums, welche die Menschen möglichst in ihrem alltäglichen Umfeld erreichen wolle (beispielsweise auf dem Uni-Campus).

Homosexualität gilt als Sünde

Infosekta erwähnt die engen Ansichten der evangelikalen Strömungen: Sex vor der Ehe ist keine Option und Homosexualität gilt als Sünde.

Ein weiteres Merkmal, so Infosekta, sei die Überzeugung, dass nur gerettet werde, wer sich bekehrt habe. Das könne zu grossem Stress führen, besonders dann, wenn die Liebsten nicht zu den Bekehrten gehören.

Grosse Plattform für Freikirchen

«Die Betreiber der ‹Heilbar› haben ein ansprechendes, niederschwelliges und einseitiges Angebot für Leute, die in Schwierigkeiten sind», sagt Einwohnerrätin Eva Büchler Méndez. Angebote, die es aber auch von der Gemeinde oder Kirchgemeinde gebe.

Um die Leute in ihrer Vision zu Gott zu führen und zu bekehren, sei den Initianten im Roten Haus vermutlich jedes Mittel recht, so Büchler weiter. Mit dem Roten Haus hätten die freikirchlichen Organisationen eine grosse Plattform im Zentrum.

Die geplante Angebotserweiterung verschärfe den akuten Mangel an Hotelbetten, was insbesondere im Zusammenhang mit dem Campussaal und der Fachhochschule Nordwestschweiz problematisch sei.

«Mir geht es um die Information. Ich finde es wichtig, dass die Bevölkerung weiss, wer hinter diesem Angebot steckt», fasst Büchler ihren Unmut zusammen. Leute in Schwierigkeiten könnten durch dieses Angebot in einseitige Abhängigkeiten geraten, was im Extremfall bis zur Familienspaltung führen könne.

Wertfreie Nutzung soll bleiben

Zu Haltung und Gesinnung privater Vereinigungen habe sich die Behörde neutral zu verhalten, hält Stadtammann Daniel Moser fest. «Als Stadtammann wurde ich frühzeitig und transparent über die Absichten der künftigen Stiftung informiert», sagt Moser.

«Ich habe dabei auf die zentrale Bedeutung des Roten Hauses für Brugg hingewiesen und klar dafür plädiert, dass das Restaurant- wie auch das Hotelangebot – wie bis anhin – in diesem öffentlichen Rahmen von jedermann wertfrei nutzbar bleiben soll. Darauf vertraue ich.» Erfreulicherweise habe sich das Restaurant unter dem neuen Pächter wieder zu einem echten Brugger Treffpunkt entwickelt und die Hotelzimmer seien heiss begehrt, fasst Moser die Entwicklung zusammen.