Klinik Königsfelden

«Einmal wollte mir ein Patient einen Blumentopf an den Kopf werfen»

Josef Sachs im Garten von Königsfelden.

Josef Sachs im Garten von Königsfelden.

Am kommenden Dienstag wird in der Klinik Königsfelden eine zweite Forensische Station und das Ambulatorium eröffnet. Der forensische Psychiater Josef Sachs sagt, wie die Arbeit mit Straftätern vor sich geht und wie gefährlich das Ganze ist.

Josef Sachs, Chefarzt des Departements Forensik, arbeitet seit 1988 für die Psychiatrischen Dienste Aargau AG der Klinik Königsfelden. Der 63-Jährige stand der az Aargauer Zeitung Red und Antwort.

Weshalb braucht es eine zweite Forensische Station plus Ambulatorium?

Josef Sachs: Bei uns sind Personen, die zur Zeit der Begehung einer Straftat psychisch krank waren. Es geht darum, diese so zu behandeln, dass sie nicht mehr rückfällig werden. Patienten, deren Resozialisierung fortgeschritten ist und denen gewisse Freiheiten zugestanden werden können, muss man von Patienten trennen, die am Anfang der Resozialisierung stehen und noch isoliert werden müssen. Mit einer Station allein geht das schlecht. Die bestehende Forensische Station ist für
Patienten reserviert, die einer psychiatrischen Intensivbehandlung bedürfen. Die neue Station wird zwar auch geschlossen geführt, die Patienten haben aber mehr Freiraum.

Und weshalb gibt es ein Ambulatorium?

Die meisten Patienten benötigen nach der Entlassung aus der stationären Massnahme während zweier bis dreier Jahre eine forensisch-psychiatrische Nachbehandlung zur Sicherung der erreichten Fortschritte und zur Rückfallverhütung. Diese erhalten sie im neu eröffneten Ambulatorium. Dort werden aber auch entlassene Strafgefangene behandelt, die noch während einiger Zeit einer Therapie bedürfen.

Welche Therapiemethoden existieren auf der neuen Station?

Auf der neuen Station sind Patienten, deren Resozialisierung schon so fortgeschritten ist, dass sie unter Begleitung auch mal in den Park gehen dürfen. Die Station wird aber ebenfalls geschlossen geführt. Dort werden deliktorientierte Therapiemethoden angewandt. Das heisst, man analysiert bei jedem Einzelnen, welche Verhaltensweisen, Denkweisen und Gefühlszustände beim Begehen der Delikte eine Rolle spielten. Man identifiziert bei jedem Patienten möglichst alle deliktrelevanten Faktoren und versucht, diese systematisch zu minimieren. Dies geschieht mittels Psychotherapie, Medikamenten, Ergotherapie, Gestalttherapie und in der Pflege. Bei Patienten mit Kontakt- und Beziehungsproblemen wird auch eine hundegestützte Therapie angewendet.

Welche Art von Krankheitsbildern weisen die Patienten auf einer Forensischen Station auf?

Die beiden wichtigsten Störungen, die wir behandeln, sind Schizophrenie, also Leute, die Stimmen hören oder Halluzinationen haben, und Persönlichkeitsstörungen wie beispielsweise eine Borderline-Störung. Die Persönlichkeit dieser Menschen ist derart krankhaft verändert, dass sie in ihrem Lebensvollzug beeinträchtigt sind. Als Nebendiagnose haben viele Alkohol- und Drogenprobleme.

Macht es Ihnen keine Probleme, immer mit psychisch schwer kranken Patienten zu arbeiten?

Man sieht das mit der Zeit immer professioneller. Das ist wohl ähnlich wie bei einem Chirurgen, dem es bei einer hässlichen Wunde nicht mehr schlecht wird. Beim ersten Mal hat man vielleicht noch ein komisches Gefühl, aber mit der Zeit schaut man alles auf der intellektuellen Ebene an. Man überlegt sich viel schneller, was dahinter steckt. Ich kann mich erinnern, als ich das erste Mal in die Klinik Königsfelden kam und so viele Leute sah, die komisch umherliefen, fragte ich mich: Sind das nun Patienten oder Psychiater? Da fühlte ich mich schon etwas komisch (lacht). Mit der Zeit wird aber alles zur Normalität.

Welche Sicherheitsbestimmungen gibt es in der Klinik Königsfelden?

Es gibt ein umfassendes Sicherheitskonzept. Das Personal kann bei schwierigen Situationen zum Beispiel ein Alarmgerät mitnehmen. Wenn dieses betätigt wird, rückt ein Aufgebot des Pflegepersonals zum Standort der alarmierenden Person aus. Das grösste Gewicht legen wir aber auf das Verhalten der Mitarbeitenden. Die Angestellten lernen, deeskalierend mit den Patienten umzugehen. Das Personal hat ein Deeskalations-Training hinter sich. Zudem wurde das Pflegeteam während vier Wochen nach einem innovativen Konzept geschult. Für Patienten, von denen eine besondere Gefährdung ausgeht, gibt es aber auch Einzelsicherheitszimmer. Dort sind sie isoliert und sie können sich auch nicht selber etwas antun.

Haben Sie auch mal Angst vor Patienten?

Es kommt schon vor, dass es mir unwohl wird bei einem Patienten, aber nicht sehr häufig. Ich wurde auch noch fast nie von einem Patienten angegriffen. Ich kann mich an nur zwei Vorfälle in dieser langen Zeit erinnern. Einmal wollte mir ein Patient einen Blumentopf an den Kopf werfen. Glücklicherweise traf er nicht. Beim anderen Mal versperrte mir ein muskulöser Patient den Weg aus dem Raum. Als ich telefonieren wollte, riss er das Telefonkabel raus. Da wurde mir einen Moment unwohl. Glücklicherweise kam dann jemand in den Raum. Das löste die Anspannung auf. Bei diesen beiden Situationen dachte ich mir, jetzt wird es gefährlich.

Wie bereiten Sie sich auf einen solchen speziell schwierigen Patienten vor?

Bei schwierigen Patienten bereite ich mich länger und genauer vor. Vor allem überlege ich mir vorher, was alles passieren könnte, und ich suche aufgrund der Erfahrung und der Akten des Patienten einen geeigneten Gesprächseinstieg, um einen Zugang zum Patienten zu finden. Das ist teilweise sehr schwierig, denn manchmal fassen Patienten gewisse Wörter, Sätze oder auch Blicke als provokativ auf, die für uns völlig normal sind. Aber bereits die Frage «Wie gehts?» schauen einige als Provokation an, weil sie meinen, dass ich zynisch sei. Darum steige ich ins Gespräch mit etwas ein, das emotional nicht belastend ist, vor allem, wenn ich die Person nicht kenne.

Wie ist das Arbeiten mit Patienten, die rückfällig werden und wieder zu Ihnen in Therapie kommen?

Das ist für die Therapie sogar einfacher, weil man analysieren kann, was dazu führte, dass der Patient rückfällig wurde. Und man fragt sich, warum man das nicht vorher merkte. Diese Art der Wiederaufnahme der Therapie ist also gut, da kann man viel damit arbeiten. Was aber viel schwieriger ist, ist jemanden zu behandeln, der schon mehrere Therapien gemacht hat und selber zum Experten für Psychotherapie geworden ist. Der weiss dann genau, wie er ausweichen muss. Dann ist es schwierig, hinter diese Fassade zu kommen.

Wenn sich jemand so gegen eine Behandlung wehrt, fragt man sich nicht, ob es sich noch lohnt, dieser Person zu helfen?

Das ist ein Gedanke, der schon mal auftaucht. Dieser Gedanke ist bei uns aber weit weg. Wir versuchen eigentlich immer, einen Zugang zum Patienten zu finden.

Macht man sich auch Vorwürfe, warum man das nicht schon vorher bemerkte?

Wenn Fehler wirklich innerhalb der Therapie passierten, muss man sich die auch eingestehen. Oft liegt das Problem aber auch darin, dass Patienten in ein unerwartet ungünstiges Umfeld geraten.

Wie verarbeiten Sie das Erlebte? Nehmen Sie nie etwas nach Hause?

Es kommt schon auch vor, dass ich mal nicht sofort abschalten kann. Aber ich habe einen Heimweg mit dem Auto von 30 Minuten und das genügt meistens, um runterzukommen. Sonst kommt es auch mal vor, dass ich joggen gehe, um abzuschalten. Aber mit meiner Frau bespreche ich konsequent nichts.

Belasten Sie die Schicksale der Patienten?

Man kann nicht sagen, dass es gar nicht belastet. Es gibt schon Situationen, an die ich ab und an denke oder dass es mich berührt. Aber ich denke nicht dauernd daran, es ist mehr wie ein Flash.

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