Sobald eingefleischte Brugger – egal, ob in der Fremde, in der Prophetenstadt oder auf Facebook – über den traditionsreichen Rutenzug diskutieren, kommen sie meistens früher oder später auf die Kadetten zu sprechen. «Ich hätte schon Freude, wenn am Rutenzug wieder einige Kadetten mitlaufen würden», sagt Romano Chiecchi.

Der heute 76-jährige Messerschmied engagierte sich als Jugendlicher bei den Kadetten. Er hat aber auch Verständnis dafür, dass dieses Freizeitangebot Anfang der 1970er-Jahre durch Jugend und Sport abgelöst wurde.

Die Jugendmusik, die in der Büscheliwoche jeweils am Dienstagabend beim Erdbeeribrunnen ein Konzert gibt, ging aus der früheren Kadettenmusik hervor.

Immer wieder folgten Versuche, einen Kadettenzug auf freiwilliger Basis für die Teilnahme am Rutenzug wiederzubeleben. Das Interesse der Jugendlichen hielt sich aber in Grenzen, was nicht zuletzt an der mangelnden Unterstätzung durch die Lehrerschaft lag, wie von mehreren Seiten zu hören ist.

Gesamtschulleiter Peter Merz sagt: «Wahrscheinlich war es zu wenig attraktiv und als Tradition nicht mehr wirklich verwurzelt wie in Lenzburg. Dort ist der Kadettenzug nicht eine isolierte Aktion des Morgenumzugs ohne Sinngebung wie in Brugg, sondern ein Teil des Freischaren-Volksfests, das in der Bevölkerung auch von den Erwachsenen breit mitgetragen wird.»

Der Brugger Historiker und Bezirksschullehrer Titus Meier lief als Bezirksschüler bei den Kadetten mit. «Ich mag mich erinnern, dass es jeweils Applaus gab, wenn wir im Umzug vorausmarschierten», sagt der 34-Jährige.

Für den Marsch musste er mit dem Zug im Vorfeld zirka zwei Mal an einem Dienstagnachmittag im Schachen üben. Der Rest des Marschtrainings erfolgte in der Büscheliwoche.

«Dafür waren wir während dieser Zeit vom Kränzen freigestellt», so Titus Meier weiter. Diese Freistellung sei später rückgängig gemacht worden, worauf die Bereitschaft zum Mitmachen weiter abnahm.

Materialwart hortet 226 Gewehre

2004 gab es nochmals einen Kadettenzug – zum 200. Geburtstag des Kadettenkorps Brugg. Das Material, das Eigentum der Stadt Brugg ist, wird seit Jahrzehnten von Kläus Christen verwaltet. Es befindet sich in der alten Freizeitwerkstätte unter der Turnhalle Hallwyler I.

Hier werden in Reih und Glied 226 Gewehre – nicht alle seien Kadetten-Gewehre – gehortet. In einem Schrank stapeln sich Mützen und schwarze Schuhe. Letztere seien nämlich heutzutage Mangelware bei den Jugendlichen, die meistens nur noch Turnschuhe tragen, erklärt Christen.

Auf den Schränken warten Musikinstrumente darauf, wieder einmal benutzt zu werden. In der hintersten Ecke hängen zwei Armbrüste. «Die sind vermutlich am wertvollsten», so der Materialwart weiter.

Ein Blick in die Kleiderschränke verrät, dass es bei den Uniformen deutlich mehr Jacken als Hosen, weisse Hemden und Krawatten gibt. An der Wand hängt die Fahne des Kadettenkorps Brugg. Kläus Christen ist kein Anhänger der Kadetten-Wiederbelebung. Zu gross sei der Aufwand, das passende Material von den Schuhen bis zur Mütze für mindestens 20 Teilnehmer bereitzustellen. «Doch wenn jemand nett fragt, biete ich schon Hand», sagt er.

Historiker Titus Meier würde eine Wiederbelebung des Kadettenzugs begrüssen. Allerdings gelte es zu bedenken, so Meier, dass schon seit mehreren Jahren keine Kadetten mehr mitmarschiert sind und die wenigsten Schüler heute noch wissen, was Kadetten sind und dass sie eigentlich zum Brugger Rutenzug gehören.

Da müsste zuerst flächendeckend Aufklärungsarbeit geleistet werden. Bei einer allfälligen Wiederbelebung, für die breite Unterstützung durch die Schule erforderlich wäre, müssten vermutlich die 6. Klässler und die 1. Oberstufe das Schwergewicht bilden, da die älteren Schüler wohl heute zu gross seien für die alten Uniformen, so der Historiker.

Meier ist sicher, dass auch andere Brugger eine Wiederbelebung der Tradition begrüssen würden.