«Der Standort Bözberg ist à priori kein guter Standort für ein Tiefenlager. Ganz sicher aber kann er mit dem laufenden Programm der Nagra nicht definitiv beurteilt werden.»: Dieses Fazit zog Walter Wildi in einem öffentlichen Vortrag zur Tiefenlager-Problematik. Wildi, Honorarprofessor für Geologie der Université de Genève und seinerzeit Vorsitzender der Expertengruppe «Entsorgungskonzepte für radioaktive Abfälle EKRA» (1999 bis 2001) sowie Präsident der Eidgenössischen Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen KSA (2002 bis 2007), sprach im Anschluss an die Generalversammlung von Kaib (Kein Atommüll im Bözberg) im Rathaussaal in Brugg.

In seinem Referat – einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Kernenergie, aber auch mit den Verfahren, die letztlich zu einem Tiefenlager-Standort führen sollen – wies Walter Wildi darauf hin, dass er schon früh auf die «Un-Eignung» des Bözbergs für ein Tiefenlager aufmerksam gemacht habe. «Man darf aber nicht nur von der Geologie reden», mahnte er. «Seit 1969 laufen die Anstrengungen für ein geologisches Tiefenlager. Jetzt ist man wieder daran, Gesuche für Bohrungen zu stellen. Man wird aber auch bei diesen Bohrungen nicht weiterkommen.»

Die Gründe dafür sieht er unter anderem darin, dass die Lösung bereits bestimmt sei und jetzt noch ein Beweis gesucht werde; dass administrativ statt wissenschaftlich vorgegangen werde und dass kritische Fragen «umschifft statt erforscht» würden. Er übte aber auch herbe Kritik an der, wie er feststellte, «schwachen Aufsicht».

«Es ist ein hoffnungsloses Vorgehen»

«Es geht bei den Bohrungen nicht darum, Probleme abzuklären», sagte er. «Man macht die Bohrungen, weil sie verlangt werden. Die Sondierbohrungen sind für die Füchse. Es ist ein hoffnungsloses Vorgehen.» Im Falle der jetzt bevorstehenden Bohrungen auf dem Bözberg – gegen die gemäss Kaib 486 Einsprachen erhoben worden sind – kritisierte Wildi, dass die Bohrstandorte bereits vor der Auswertung der seismischen 3-D-Untersuchungen festgelegt worden seien.

Er sieht zudem einen, wie er sagte, Ressourcenkonflikt in einem geothermisch interessanten Gebiet, weil die Bohrungen nicht bis zur Basis des Permokarbon-Trogs vorgetrieben werden. «Die Nagra», so Wildi, «spricht lieber nicht von dem, was unterhalb der bis in eine Tiefe von 1000 Meter vorgesehenen Bohrungen, das heisst im Permokarbon-Trog, liegt.» Er wies zudem auf erdgeschichtliche Vorgänge hin, die dazu geführt hätten, dass im Perimeter der vorgesehenen Bohrungen eine tektonische Schwächezone mit Abscherungen und Überschiebungen entstanden sei.

Das Video der KAIB mit Titel «Kein Atommüll im Bözberg!»

Das Video der KAIB mit Titel «Kein Atommüll im Bözberg!»

Nicht im Bözberg, nicht anderswo

In der Fragerunde – in der sich Kaib-Präsident Max Chopard leider offensichtlich genötigt sah, einen kritischen Einwand etwas abrupt abzuklemmen – meinte Walter Wildi auf die Frage einer Frau, was er, Wildi, denn vorschlagen würde: «Darauf kann ich Ihnen auch keine Antwort geben. Man müsste aber die Nagra reformieren und zuerst abklären, ob in der Schweiz überhaupt ein Tiefenlager gebaut werden kann.» Denn die Geologie der Schweiz erweise sich je länger, desto mehr als unzuverlässiges Substrat für geologische Tiefenlager. Wildi gab sich jedoch überzeugt, dass «die Nagra nicht darum herumkommen wird, den Bözberg als geeigneten Standort zu bezeichnen».

Einem Tiefenlager im Bözberg will Kaib jedenfalls entgegenhalten. Notfalls mit einem nationalen Referendum, wie Max Chopard an der Generalversammlung erklärte. Dafür stellt Kaib jetzt finanzielle Mittel zurück und unterstützt weiterhin die IG BoB, die Interessengemeinschaft Bözberg ohne Bohrtürme, die inzwischen rund 50 Mitglieder zählt.