Birr
Eine VIP-Lounge braucht es in den Familiengärten nicht

Fussballfreunde unterschiedlichster Herkunft treffen sich während der Weltmeisterschaft in den Familiengärten in Birr.

Michael Hunziker
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Stelios Dugaris, Pasquale Manolio und Gianni Mascolo (von links) freuen sich auf die Fussball-Weltmeisterschaft und darauf, die Spiele mit vielen Gleichgesinnten im einmaligen Ambiente der Familiengärten zu geniessen.

Stelios Dugaris, Pasquale Manolio und Gianni Mascolo (von links) freuen sich auf die Fussball-Weltmeisterschaft und darauf, die Spiele mit vielen Gleichgesinnten im einmaligen Ambiente der Familiengärten zu geniessen.

Michael Hunziker

«Brückenbauer» – «wertvoller sozialer Beitrag»: Der Weltfussballverband Fifa weist gerne auf den völkerverbindenden Stellenwert des Fussballs hin.

Fernab der schönen Worte im Hochglanzprospekt, in den Familiengärten in Birr, treffen 20 Nationalitäten aufeinander. Es grünt und blüht, emsiges Treiben herrscht an diesem milden Frühlingsabend auf der herausgeputzten Anlage. Im Zelt des Familiengartenvereins, zurzeit noch ohne Kino-Bestuhlung, werden die Begegnungen der Fussball-Weltmeisterschaft auf Grossleinwand übertragen. «Das wird einer der Höhepunkte im Jahresprogramm. Die Spiele sind zwar die Hauptattraktion, aber es geht uns genauso um den sozialen Aspekt, sagt Präsident Gianni Mascolo. «Die Leute können ein Glas Wein trinken, Beziehungen pflegen und neue Kontakte knüpfen.» Ziel sei es, einen schönen, gemütlichen und unterhaltsamen Abend in einem solitären Ambiente zu verbringen.

«Alle sind herzlich willkommen», so der Präsident – die Vereinsmitglieder sowieso, aber auch Freunde sowie Bewohner aus dem Dorf und aus der Umgebung, Alt und Jung. «Bei uns wird Integration gelebt», ergänzt Stelios Dugaris, der zusammen mit WM-OK-Präsident Pasquale Manolio sowie mit Renzo Furlan für die Vorbereitungen zuständig ist. «Wir schauen weder auf die Nationalität noch auf die Religion. Eine VIP-Lounge haben wir nicht. Bei uns sind alle gleich.»

An der Weltmeisterschaft vor vier Jahren organisierte ein harter Kern von Garten- und Fussballfreunden ein Fernsehgerät und schaute sich die Spiele gemeinsam an. Weitere Vereinsmitglieder gesellten sich dazu und schätzten diese Gelegenheit, einander so zu begegnen. Das positive Echo war ein Ansporn, mit der Europameisterschaft vor zwei Jahren die Infrastruktur auszubauen, Festbänke oder einen Beamer anzuschaffen.

Bilder von aggressiven, grölenden und randalierenden Fussballfans sind allgegenwärtig – und in Birr sitzen fussballverrückte Menschen unterschiedlichster Herkunft ohne Misstöne zusammen? Dugaris und Mascolo zucken mit den Schultern. «Von negativen Erlebnissen an diesen Anlässen können wir nicht berichten.» Klar: Spiele Italien gegen Kroatien, gehöre es dazu, dass man sich gegenseitig hochnehme. «Aber es bleibt stets friedlich. Man kennt und man schätzt sich.»

«Jeweils an den Wochenenden möchten wir etwas Besonderes auf die Beine stellen», fährt Dugaris fort. Will heissen: Es kommen Spezialitäten aus verschiedenen Ländern auf den Tisch. Die Vereinsmitglieder der jeweiligen Nationalität kaufen ein, organisieren Helfer und bereiten die Mahlzeiten zu: türkische Köfte, asiatische Nudelgerichte, italienische Pasta, kroatischer Schweinsbraten am Spiess – oder Ghackets und Hörnli, wenn die Schweizer spielen. Immer auf der Karte zu finden sind Bratwurst, Pouletspiess und Pizza.

«Die Leute arbeiten unentgeltlich und freiwillig, nur die Spesen werden vergütet. Ein allfälliger Gewinn fliesst in die Vereinskasse», erklärt Dugaris. Die Preise seien moderat. «Wir sind kein Restaurant und deshalb nicht auf einen bestimmten Umsatz angewiesen.» Trotzdem: «Schön ist natürlich, wenn viele Besucher kommen.» Dies sei erfahrungsgemäss der Fall, wenn die Italiener auf dem Fussballplatz stehen. Dann sei das Zelt zum Bersten voll. «Ist der Ansturm überraschend gross, wird improvisiert. Wir sind spontan und flexibel.»

Viel mehr als zwei Sitzungen für die Vorbereitungen braucht es nicht, Details werden über den Schrebergarten-Zaun hinweg besprochen. Im Organisationskomitee hat jeder seine Aufgabe: Mascolo kümmert sich um die Bewilligungen von Gemeinde und Polizei, Dugaris und Manolio um die Infrastruktur sowie um die Einsatzpläne. Auf die Helfer sei Verlass, sagt Dugaris. «Viele sind vom Fach. Jeder hilft, jeder macht, was er kann.»

Nächste Woche bereits beginnt der Aufbau: Ein zusätzlicher Boden sowie die Stromkabel werden verlegt, das Barzelt aufgestellt, die Dekorationen angebracht: Fahnen, Trikots, Bälle und Blumen – «alles, was aufzutreiben ist. Wir wollen auch fürs Auge etwas bieten».

Die Mehrheit der Mitglieder sei zwar fussballbegeistert, aber könne einer mit dem Rummel nichts anfangen, werde er in Ruhe gelassen. «Das ist völlig in Ordnung. Es besteht weder ein Zwang noch eine Verpflichtung», hält Dugaris fest.

Ein bisschen stolz auf das Angebot rund um die Fussball-Weltmeisterschaft seien sie schon, sagen Mascolo und seine Mitstreiter Dugaris und Manolio übereinstimmend. Genauso, wie auch auf die ganze Anlage des Familiengartenvereins – darauf, «was wir geschafft haben». Zur Erinnerung: Weil die alten Schrebergärten in Birr geräumt werden mussten, wurden die Familiengärten vor rund fünf Jahren am heutigen Standort angelegt – 67 Parzellen versehen mit schmucken Holzhäuschen. Die Mitglieder haben in der Folge nicht nur Geld, sondern vor allem Herzblut und ganz viel Zeit investiert.

Entstanden ist ein Treffpunkt für alle Generationen. Gerade bei den Jüngeren sei das Interesse gross an den Familiengärten, mittlerweile bestehe sogar eine Warteliste, sagt Dugaris. Bei den meisten stünden wohl nicht die wirtschaftlichen Überlegungen im Vordergrund – «ein Salat ist im Laden wahrscheinlich günstiger, als wenn ich ihn hier ernte.»

Die Freude an der Natur, an der Arbeit mit den Händen, an den Kontakten sei entscheidend. Heute werde der Familiengartenverein positiv wahrgenommen, sei präsent an Dorfanlässen. «Wir pflegen ein gutes Einvernehmen mit der Bevölkerung und der Gemeinde.» Mit seinen Anliegen stosse der Verein oft auf offene Ohren, erhalte immer wieder Unterstützung von Sponsoren – Kies für den Vorplatz, Stühle für das Zelt oder einen Pizzaofen.

Zurück zum Fussball: Wer wird Weltmeister? Für WM-OK-Präsident Pasquale Manolio zählen Brasilien und Spanien zu den Favoriten, auch wenn beide Mannschaften unter enormen Druck stehen. Stelios Dugaris hofft auf einen Aussenseiter wie Belgien, der dem Turnier eine unerwartete Wendung gibt. Gianni Mascolo schliesslich wünscht sich einen Final zwischen Italien und der Schweiz, dann gebe es eine feine Spezialität: Denn ob Hörnli oder Spaghetti, er liebe Teigwaren.