Betritt man das Diesellokal im Areal der alten Spinnerei in Unterwindisch, begegnet einem gleich der Papst. «Il Papa» Benedikt XVI prangt auf einer 2,7 auf 2 Meter grossen Acrylmalerei und hebt grüssend die Hände. Er ist in vollem Ornat: weisse Soutane und Scheitelkäppchen, rote Schuhe. Aber warum steckt in seinem Zingulum (Gürtel) ein kariertes Geschirrtuch?

«Papa Don’t Preach!» (Papa hör auf zu predigen) steht hinter ihm in roten, gesprühten Lettern an der kahlen Wand. Der Hit von Madonna ist auch titelgebend für die Ausstellung von Melanie Tauscher und Rahel Müller. Ihre Malerei des emeritierten Pontifex ist wie alle Exponate einerseits eine Ode an die Metropole Rom und stellt gleichzeitig deren Wahrzeichen infrage.

Ambivalente Schönheit

Die Berufskünstlerinnen Müller und Tauscher gewannen 2012 von der Stadt St. Gallen ein Stipendium für einen dreimonatigen Aufenthalt in der italienischen Hauptstadt und verbrachten den Spätsommer dort. Sie erinnern sich: «Wir waren überwältigt von all den historischen Monumenten, von Pracht und Pomp und vom Vatikan.»

Im ärmlichen Quartier San Lorenzo, in dem sie wohnten, lernten sie allerdings ein anderes Rom kennen: «Es war heiss, staubig, bei näherem Hinsehen bröckelten überall die Fassaden.» In den Zeitungen waren täglich Meldungen über Europas verschuldete Länder wie Italien und Griechenland zu lesen. Beides wirkte sich auf das Schaffen aus, welches die beiden kreativen Frauen jetzt in Unterwindisch präsentieren.

Die Malereien und Collagen geben einerseits die unübertreffliche und zeitlose Schönheit der römischen Kultur wieder, andererseits werden Klischees mit leiser Ironie demontiert. Kleinformatige, fotorealistische Bilder gehen – oft mit doppeldeutiger Symbolik – auf die «Italianità» ein. Über einer Flasche Sanbittèr prangt ein Heiligenschein; ein Glacé schleckender Mönch latscht in Crocs und mit einer Plastikeinkaufstüte durch die Gegend.

Eindrücklich ist ein Grossformat, das an die Mosaike von Ostia anlehnt. Deren Originalmotive drehen sich grösstenteils um Neptun, den Besänftiger der Meere. Tausende von Steinchen haben Müller Tauscher in wochenlanger Arbeit filigran und originalgetreu mit dem Pinsel wiedergegeben. Auch sie widmen sich in ihrem Bild dem Meer. Allerdings auf die etwas andere Art. Denn in der Mitte des gemalten Mosaiks prangt eine Tonbüchse mit der Aufschrift «Specie Rara» und rund herum sind aussterbende Fischarten zu sehen.

Die perfekte Ergänzung

Zukünftig wollen die beiden Künstlerinnen sich mehr der collagenartigen Malerei widmen. Ein Bild mit einem überdimensionalen Herzen im Zentrum nennen sie ihr persönlichstes Werk, «weil es Einblick in unsere Entwicklung gibt». Zu lesen ist auf dem detailreichen Tableau eine wahre Liebeserklärung: «Per il mondo sei qualcuno ma per me sei il mondo» (Für die Welt bist Du irgendjemand, aber für irgendjemand eine ganze Welt).

Melanie Tauscher und Rahel Müller arbeiten seit 1998 zusammen und haben gerade durch das Bündeln ihrer gemeinsamen Talente zu einem unvergleichlichen künstlerischen Ausdruck gefunden. Ihre Werke entstehen im Atelier in der alten Spinnerei, wo Tauscher auch wohnt.

«Papa Don’t Preach!» – Ausstellung vom Künstlerduo Müller Tauscher im Diesellokal (Areal alte Spinnerei), Unterwindisch; Vernissage: Freitag, 29. November, 18 bis 22 Uhr; Öffnungszeigen: Sa, 30. 11., 10 bis 12 Uhr und So, 1. 12., 14 bis 18 Uhr; Ausserhalb dieser Zeiten auf Anfrage 079 745 24 88.