Brugg

Eine lange Liste an strafbaren Handlungen: Rosenkrieg landet vor Gericht

«Sie hat mir ins Gesicht gelogen. Da rastet jede Mutter aus.», sagt die Beschuldigte. (Symbolbild))

«Sie hat mir ins Gesicht gelogen. Da rastet jede Mutter aus.», sagt die Beschuldigte. (Symbolbild))

Bezirksgericht Brugg wertet Ohrfeige als einfache Körperverletzung. Das Gericht sprach die Beschuldigte vom Vorwurf des Abhörens und Aufnehmens eines fremden Gesprächs sowie der mehrfachen Tätlichkeiten frei. Sie wurde aber der ein­fachen Körperverletzung und der Sachbeschädigung schuldig gesprochen.

Abhören und Aufnehmen fremder Gespräche, einfache Körperverletzung, Sachbeschädigung, mehrfache Tätlichkeiten: Die Liste der strafbaren Handlungen, die der Beschuldigten, einer 40 Jahre alten, aus Mazedonien stammenden, Frau vorgehalten wurden, war beachtlich.

Vorgeworfen wurde der Beschuldigten, ihre zum Tatzeitpunkt 17-jährige Tochter angestiftet zu haben, ein Telefongespräch, das sie mit ihrem Mann führte, aufzunehmen. Auch habe sie die Tochter – «mit der Faust oder der flachen Hand», so die Anklage – ins Gesicht geschlagen, ihr mehrfach Ohrfeigen verpasst, sie an den Haaren gerissen und Gegenstände nach ihr geworfen. Zudem habe sie das Handy der Tochter zu Boden geschmettert. Schliesslich wurde sie beschuldigt, auch ihre jüngere, damals 8-jährige Tochter mehrfach geschlagen zu haben.

Die Tochter wurde beim Kiffen erwischt

Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu je 80 Franken sowie eine Busse von 3000 Franken; alles unter Kostenfolge.

Vor Gerichtspräsidentin Susanne Humbel als Einzelrichterin trafen sich die getrennt lebenden Eheleute, die offensichtlich in einen erbitterten Rosenkrieg verstrickt sind, wieder. Der Mann als Privatkläger. Beide mit Anwalt. Die frühere «beste Kollegin» der älteren Tochter sagte als Zeugin aus, dass sie nie gesehen hätte, dass die Beschuldigte tätlich geworden sei. Ihre Kollegin habe ihr jedoch gestanden, dass sie von der Mutter eine Ohrfeige erhalten habe, als sie beim Kiffen erwischt worden sei.

Die Beschuldigte war «sehr besorgt»

Der Noch-Ehemann sagte, dass er seine Stieftochter mit geschwollenen Augen angetroffen habe. «Ich habe gesehen, wie sie ausgesehen hat», erklärte er. Auf den Einwand der Präsidentin, dass er zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht zu Hause gewesen sei, räumte er ein, sich nicht so genau an Details erinnern zu können.

Wortreich erklärte die Beschuldigte, dass sie spätabends benachrichtigt worden sei, dass ihre Tochter vor dem Neumarktbrunnen in Brugg liege. Sie habe dort die Tochter mit blutunterlaufenen Augen angetroffen. «Sie hat mir ins Gesicht gelogen», so die Beschuldigte. «Da rastet jeder Vater und jede Mutter aus. Ich habe meine Tochter nie geschlagen – ausser dort am Brunnen. Am andern Morgen hat sie mir die Füsse geküsst.» Auf die Bemerkung der Gerichtspräsidentin, dass die Tochter zwei Tage später zum Arzt gegangen sei und immer noch eine geschwollene Nase gehabt habe, was auf eine «rechte Flättere» schliessen lasse, entgegnete die Beschuldigte: «Ich war sehr besorgt.»

Das sei ihre Tochter gewesen

Zur Zerstörung des Handys erklärte die Beschuldigte, dass sie in Rage gewesen sei, nachdem sie die Tochter, stark geschminkt und in lasziver Pose, beim Live-Chat erwischt habe. Zum Vorwurf weiterer Tätlichkeiten sagte sie: «Ich weiss nicht, weshalb sie das sagt.» Auch gegen die jüngere Tochter sei sie nie tätlich geworden.

Zur Aufnahme des Telefongesprächs meinte sie: «Das habe nicht ich gemacht. Das war meine Tochter. Ich habe erst bei der Polizei davon erfahren. Es stimmt nicht, dass ich sie aufgefordert habe, das Gespräch aufzunehmen.»

Es stand Aussage gegen Aussage

«Meinem Mandanten, als Inhaber des elterlichen Sorgerechts, geht es um das Kind», betonte der Anwalt des Privatklägers. Das Gespräch sei aufgenommen worden, um zu einem Beweis gegen seinen Mandanten zu kommen. Die Beschuldigte sei gemäss Anklage zu verurteilen. Dem Privatkläger seien 500 Franken als Genugtuung zuzusprechen und die Kosten der Beschuldigten aufzuerlegen.

Der Verteidiger beantragte, dass seine Mandantin wegen Sachbeschädigung – des Handys – schuldig zu sprechen und mit einer bedingten Geldstrafe von drei Tagessätzen zu je 30 Franken zu bestrafen sei. In allen andern Punkten sei sie freizusprechen. Auf eine Busse sei zu verzichten und der Antrag auf eine Genugtuungssumme abzulehnen.

«I dubio pro reo»

Das Gericht sprach die Beschuldigte vom Vorwurf des Abhörens und Aufnehmens eines fremden Gesprächs sowie der mehrfachen Tätlichkeiten frei. Sie wurde aber der ein­fachen Körperverletzung und der Sachbeschädigung schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 30 Franken sowie zu einer Busse von 500 Franken verurteilt. Zudem muss sie die Hälfte der Kosten tragen. Die Forderung auf Genugtuung wurde auf den Zivilweg verwiesen.

Beim Vorwurf des Abhörens sei der Sachverhalt nicht erstellt, erklärte Gerichtspräsidentin Humbel in der mündlichen Begründung des Urteils. Die Ohrfeige am Brunnen werte das Gericht als einfache Körperverletzung. Weil die weiteren Tätlichkeiten nur pauschal vorgebracht worden seien, stehe Aussage gegen Aussage. Daher müsse, nach dem Grundsatz «in dubio pro reo», in diesem Punkt ein Freispruch erfolgen.

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