Brugg

Eine Annäherung an eine schillernde und zerrissene Persönlichkeit

Diskutierten im Salzhaus über Friedrich Theodor Fröhlich (v. l.): Barbara Vigfusson, Max Baumann, Bernhard Billeter, Max Weyermann, Anna Kardos (Moderation) und Tom Hellat.

Diskutierten im Salzhaus über Friedrich Theodor Fröhlich (v. l.): Barbara Vigfusson, Max Baumann, Bernhard Billeter, Max Weyermann, Anna Kardos (Moderation) und Tom Hellat.

Das Leben und das Werk des Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich gewinnen wieder an Kontur. Doch die Tür steht erst einen kleinen Spalt offen. Es lohnt sich, sie weiter aufzumachen, war man sich am «Fröhlich-Tag» einig.

Vergessen und doch Schöpfer eines veritablen Ohrwurms: Wer weiss schon, dass es Fröhlich war, der das Volkslied aus der Feder Joseph von Eichendorffs, «Wem Gott will rechte Gunst erweisen», vertonte? Seit dem gestrigen Fröhlich-Tag, der mit einer zweistündigen Podiumsdiskussion im Salzhaus begann, auf jeden Fall die rund 50 Anwesenden. Sie erfuhren es von Max Weyermann, einem der vier Diskussionsteilnehmer. Der Journalist und Präsident der Kulturgesellschaft des Bezirks Brugg stimmte das Lied sogar persönlich an und das in einem ans frühe 19. Jahrhundert erinnernden historischen Gewand. Weyermann trug auch von Fröhlich verfasste Verse vor, «düstere Verse», wie er sagte. So waren die Besucher mittendrin in einer Veranstaltung, die eine Annäherung an eine «schillernde und zerrissene Persönlichkeit» (Weyermann) versuchte, eben an jenen Brugger Komponisten, dessen Todestag sich am gestrigen Sonntag zum 180. Mal jährte.

Er ist an der traurigen Realität zerbrochen

Am 16. Oktober 1836 ertrank Fröhlich in der Aare – es war kein Unfall, es war Selbstmord, im «Christusalter von 33 Jahren», wie Tom Hellat, ebenfalls auf dem Podium sitzend, sagte. So überhöht hat sich Fröhlich durchaus selbst betrachtet. Hellat sagte, er habe das Musikerdasein als «ein von Gott an ihn ergangenes Gebot» gesehen.

So idealisiert musste er früher oder später an der traurigen Realität zerbrechen: fehlende Anerkennung, finanzielle Probleme, Schwierigkeiten in der Ehe, Frust über «willige aber dumme Schüler». Dabei war der Start ins Profimusikgeschäft durchaus vielversprechend. Ausgestattet mit einem Zweijahres-Stipendium der Aargauer Regierung konnte der junge Mann, den vom Vater gewünschten Beruf des Juristen verschmähend, in Berlin studieren und dort in Kontakt treten zu den damaligen Stars der Szene, vor allem zu Felix Mendelssohn. Doch der hochbegabte Deutsche machte sich über den Schweizer, obwohl zehn Jahre jünger, unverhohlen lustig. So blieb Fröhlich die grosse Karriere verwehrt. Er musste sich mit kleinen Pensen und freiberuflicher Tätigkeit in der Schweizer Provinz durchschlagen, in Aarau, wo er sich bald schon Spiessigkeit, Kleinmut und Philisterei ausgesetzt sah. »Der hochsensible Romantiker, der sich Genie wähnte, betrachtete die Heimat mehr und mehr als Einöde und Wüstenei», betonte Hellat.

Lebenswerk soll publik werden

Dass die Exzentrik Friedrich Theodor Fröhlichs bereits in der Familie lag, machte Max Baumann, freiberuflicher Historiker aus Stilli, deutlich. Schon dessen Vater war so, aber auch strebsam und bildungsbeflissen. Ihm gelang es, das «abstossende und stinkende Gewerbe der Gerberei» (Baumann), in dem die Familie zuvor tätig war, hinter sich zu lassen und es zum Lehrer, ja sogar zum Grossrat zu bringen. So konnte er es sich auch leisten, den Sohn zur Gesangsausbildung nach Zürich, zu Hans Georg Nägeli, zu schicken. «Fröhlich hat dort Nägelis grosse Liebe zu Bach übernommen», berichtete Bernhard Billeter, Pianist, Organist und Musikwissenschaftler, welcher an der von az-Redaktorin Anna Kardos moderierten Diskussionsrunde ebenso teilnahm.

Alle waren sich nach zweistündiger Debatte einig: Fröhlich, der seiner Zeit vorauseilende, verkannte und unglückliche «Wegbereiter der Romantik» muss wieder Einzug halten in die Konzertsäle. Sein weitgehend unveröffentlichtes Lebenswerk muss publik werden. Aber, Fröhlich-Tag-Veranstalterin Barbara Vigfusson, sprach es zum Schluss auch an: Wer soll die aufwendige Arbeit leisten, bei allein rund 200 nicht publizierten Liedern? «Es wäre noch unheimlich viel zu tun, aber es würde sich auf jeden Fall lohnen, sich noch weiter auf das Abenteuer Fröhlich einzulassen.»

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