Bezirk Brugg
Eine Alkoholikerin erzählt: «Natürlich habe ich zu Hause Schnaps und Wein»

Jemand, der ein Alkoholproblem hat, muss nicht zwangsläufig trocken bleiben. Auch ein kontrollierter Umgang mit dem Alkohol ist möglich. Eine knapp 60-Jährige erzählt von ihrer Leidensgeschichte und warum sie den Konsum heute im Griff hat.

Claudia Meier
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«Das Problem mit dem Alkohol kam schleichend», sagt die Frau, die von der Suchtberatung begleitet wird.

«Das Problem mit dem Alkohol kam schleichend», sagt die Frau, die von der Suchtberatung begleitet wird.

Emanuel Per Freudiger

Das Problem mit dem Alkohol sei schleichend gekommen, erinnert sich Anna Schmid*. Die knapp 60-Jährige sitzt am runden Tisch in einem Büro der Suchtberatung Bezirk Brugg und erzählt. Im Grosshaushalt mit Schwiegereltern war Anna eine willkommene Arbeitskraft. Über gewisse Themen wurde nicht gesprochen. Die Meinung der mehrfachen Mutter war nicht gefragt.

Vor 20 Jahren habe sie angefangen, regelmässig ein Glas Rotwein zu trinken. Schnell merkte sie, dass dieser sie müde machte. Anna wechselte auf Weisswein, den sie tagsüber stark mit Wasser verdünnt und gegen Abend unverdünnt zu sich nahm. Der Alkohol sei für sie das ideale Abschaltmittel gewesen. Der Konsum stieg allmählich bis auf drei Liter Wein pro Tag.

«Trotzdem funktionierte ich immer», blickt Anna staunend zurück. Versteckt hat sie die Weinflaschen nie. Ihre Familie habe alles mitbekommen. Wenn Anna Nachschub besorgte, entsorgte sie die leeren Flaschen im Altglas-Container. Es war eine aussenstehende Person, die dafür gesorgt habe, dass vor etwa 10 Jahren die Beratungsstelle für Suchtberatung kontaktiert wurde. Anna fühlte sich hintergangen und reagierte mit Trotz. In der Familie kam es zur Krise, die später zur Scheidung führte.

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ags, Suchtberatung Bezirk Brugg
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Der Aktionstag Alkohol Aargau heute Donnerstag, 8. Mai, findet im Rahmen des Nationalen Aktionstags Alkoholprobleme statt. (AZ)

Sie lernte, Nein zu sagen

Heute sieht Anna den psychischen und arbeitsbedingten Stress als Ursache für ihr damaliges Alkoholproblem. Nach einem Entzugsversuch, einem Aufenthalt in einer Reha-Klinik und einem Besuch bei den Anonymen Alkoholikern war für Anna klar, dass sie einen anderen Weg aus ihrer Sucht finden wollte: «Alkohol kann ich – im Gegensatz zu illegalen Drogen – überall kaufen. Es gibt auch viele Lebensmittel, die Alkohol enthalten. Ich wollte also lernen, den richtigen Umgang damit zu finden.»

Anna hat sich erfolgreich auf einen mehrjährigen Prozess, bei dem sie von der Suchtberatung begleitet wird, eingelassen. Es war eine Reise zu sich selbst. Zu lange habe sie sich angepasst und gemacht, was die Leute von ihr erwarteten. «Nun habe ich gelernt, Nein zu sagen – nicht nur zum Alkohol», bilanziert sie. Am liebsten würde Anna den Alkohol aus ihrem Wortschatz verbannen, aber nicht aus ihrem Haushalt: «Natürlich habe ich zu Hause Schnaps, aber auch Bier und Wein.»

Egal, ob zu Hause oder auswärts mit Freunden, wenn Anna Lust auf Bier oder Wein hat, will sie diese Genussmittel selbstverantwortlich und ohne schlechtes Gewissen konsumieren. «Ich will mich nicht jedes Mal erklären müssen. Wenn jemand Unmengen Gummibärchen isst, muss sich diese Person ja auch nicht ständig rechtfertigen», betont Anna und lacht.

Für den Alltag hat sie sich Leitsätze geschaffen wie «Hätte ich Diabetes, müsste ich auch auf die Ernährung achten». Ihren Alkoholkonsum hat sie gemäss eigenen Angaben im Griff. «Wenn ich heute zum Essen ein Glas Rotwein trinke, kann es sein, dass ich danach bis zu drei Wochen keinen Alkohol mehr trinke.»

Beziehungen zerbrachen

Mit Stresssituationen hat Anna schrittweise gelernt, umzugehen. Kommen beispielsweise mehrere Termine an einem Tag zusammen, versucht sie, die Situation zu entschärfen, indem sie etwas umorganisiert. «Früher habe ich mich immer arrangiert. Jetzt überlege ich mir mehr dabei», räumt Anna ein. Bis sie so weit war, ging die Ehe in Brüche, die Kinder brachen zeitweise den Kontakt zu ihr ab und einige Freunde sind auf der Strecke geblieben. Anna lässt sich bewusst in kein Schema mehr pressen. Sie hat gelernt, ihre persönlichen Grenzen zu ziehen und sich – anstatt wie früher mit Alkohol – auch mal mit einem Tagesausflug oder mit Blumen zu belohnen.

Könnte sie ihr Leben nochmals von vorne beginnen, würde sie sich früher und genauer überlegen, was ihre Ziele und Wünsche sind, und sich stärker dafür einsetzen. Leuten, die ein Alkoholproblem haben, rät sie, die Ursache für den unkontrollierten Konsum zu suchen und je nachdem Hilfe beizuziehen. Auch Angehörige sollten sich Hilfe holen, findet Anna, denn diese wüssten oft nicht, wie sie sich im Umgang mit Suchtkranken am besten verhalten sollen.

*Name der Redaktion bekannt