Brugg

Eine Ära geht zu Ende: Frau Stadtschreiber Yvonne Brescianini geht in Pension – nach 18 Jahren im Amt

Im Büro von Yvonne Brescianini hängt das Bild «Zeitnetz» von Vreny Brand-Peter, ausgeliehen von der Galerie Zimmermannhaus.

Im Büro von Yvonne Brescianini hängt das Bild «Zeitnetz» von Vreny Brand-Peter, ausgeliehen von der Galerie Zimmermannhaus.

Ende Monat verlässt Yvonne Brescianini die Stadtkanzlei Brugg. Nur zweimal in ihren 36 Jahren bei der Stadt Brugg überlegte sie sich einen Stellenwechsel.

Seit Dezember 2001 ist sie die erste Frau Stadtschreiber in der Geschichte der Prophetenstadt. Doch insgesamt arbeitet Yvonne Brescianini bereits seit 36 Jahren zuverlässig im Stadthaus Brugg – der Drehscheibe zwischen Stadtrat und Verwaltungsabteilungen. Vor gut einem Jahr hat sie sich dazu entschieden, Anfang 2020 mit 61 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand zu treten.

Der Stadtrat hat kürzlich den 45-jährigen, in Brugg lebenden Juristen Matthias Guggisberg zu ihrem Nachfolger gewählt. Er wird seine neue Stelle am 1. Mai antreten. In der Zwischenzeit teilen sich Stadtammann Barbara Horlacher, Stadtschreiber-Stellvertreterin Andrea Pajarola und Daniel Rohrer die Stadtschreiber-Arbeiten auf.

Aktuell ist Yvonne Brescianini damit beschäftigt, ihren PC aufzuräumen und Statusberichte zu den wichtigsten Projekten zu verfassen. Als sie die AZ zum Gespräch in ihrem Büro empfängt, schmückt ein Weidenkörbchen mit frischen Blumen den grossen Sitzungstisch. «Ein Brigadier a. D. und seine Ehefrau haben es mir gestern zum Abschied vorbeigebracht», erzählt die Freiämterin und strahlt. Es sind die vielen persönlichen Begegnungen, aus denen auch einige Freundschaften entstanden sind, an die sie sich am Ende ihrer Berufskarriere gerne erinnert.

Sie beschäftigte sich intensiv mit der Jugendarbeit

Neben den Grossprojekten wie dem Bau des Sportausbildungszentrums Mülimatt, des Campussaals und der Südwestumfahrung hat Yvonne Brescianini mehr als einmal bei der Überarbeitung der Bau- und Nutzungsordnung (BNO), der Gemeindeordnung, des Personalreglements, des Friedhofsreglements und weiteren Reglementen mitgearbeitet. «Im Moment beschäftigen wir uns – nach Stopps im 2013 und 2015 – zum dritten Mal mit der Landstellungspflicht», erzählt Stadtschreiber Brescianini.

Das bedeutet, dass das Bezirksgericht als kantonale Institution mit einer Sitzpflicht im Bezirkshauptort Anspruch auf eine Mietzinsreduktion in der städtischen Liegenschaft – im Kornhaus in der Unteren Hofstatt – hat, die es zu verhandeln gilt. «Ich gehe davon aus, dass dieses Vorhaben bis im Sommer zu einem guten Ende kommt.»

Intensiv beschäftigt hat sich Brescianini beispielsweise auch mit der Jugendarbeit. Angefangen mit einem zweijährigen Versuch im Jahr 1994 über die definitive Einführung bis zu einer misslungenen Regionalisierung und der Erarbeitung eines Jugendleitbilds im 2018 aufgrund eines Postulats von SP-Einwohnerrätin Alessandra Manzelli. «Jetzt ist ein Konzept für Jugendliche U16 in Bearbeitung. Um es später umzusetzen, werden finanzielle Mittel – sei es für Massnahmen oder für Personalressourcen – nötig sein», hält die 61-Jährige fest.

Fusion mit Schinznach-Bad verursachte Mehrarbeit

Die beiden Gemeindefusionen – vor sieben Wochen mit Schinznach-Bad und vor zehn Jahren mit Umiken – hielten Yvonne Brescianini bis zum Schluss auf Trab. Denn die Abklärungen mit Schinznach-Bad gestalteten sich aufwendiger als diejenigen mit Umiken. «Mit Umiken arbeitete Brugg schon vor dem Zusammenschluss eng zusammen etwa bei der Oberstufenschule, der Zivilschutzorganisation, der Feuerwehr, der Spitex-Organisation oder der Pflege des Gemeindewalds durch den Brugger Forstbetrieb.

Die Gemeinde Schinznach-Bad orientierte sich eher in Richtung Schenkenbergertal sowie Scherz und Lupfig. Es mussten deshalb zusätzlich anspruchsvolle Themen wie etwa Schwimmbad, Altersheim, Feuerwehr, Schulstandort bearbeitet werden.» Obwohl es mit der jüngsten Fusionspartnerin früher eher wenig Berührungspunkte gab, lobt Yvonne Brescianini die angenehme Zusammenarbeit, die motivierten Mitarbeitenden und die sauber vorbereitete Aktenübergabe.

Die Regionalisierung ist ein weiteres zentrales Thema. Die Stichworte sind hier: Zivilstandsamt, Regionalpolizei und Zivilschutzorganisation Brugg Region. Zwischen 1987 und 1997 führte Yvonne Brescianini im Stadtratszimmer noch selbstständig Ziviltrauungen durch. Wie viele Paare sie getraut hat, weiss sie nicht mehr. Dabei sei es selten auch vorgekommen, dass Verwaltungsangestellte als Trauzeugen einspringen mussten, weil das Brautpaar auf das Mitnehmen von eigenen Trauzeugen verzichtete.

Stadtverwaltung bräuchte eine Personalfachperson

In den letzten 36 Jahren hat sich die Zahl der Verwaltungsstellen im engeren Sinne (ohne Forst, Lernende und Industrielle Betriebe) mehr als verdoppelt: von 48 auf gegenwärtig über 105. «Als Ansprechperson bei Personalfragen und Problemen hatte ich Einblick in teilweise schwierige Situationen von Mitarbeitenden», hält Yvonne Brescianini fest.

«Die Stadtverwaltung Brugg hat inzwischen eine Grösse und Komplexität angenommen, die eine ausgewiesene Personalfachperson erfordert, die sich um Themen wie Nachfolgeplanung, Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden oder Kompetenzzuordnungen innerhalb der Verwaltungsorganisation kümmert.» Diese Einschätzung teilt auch der Stadtrat, weshalb der künftige Stadtschreiber vom Personalwesen entlastet werden soll. In den kommenden Monaten wird evaluiert, wie das Personalwesen künftig gelöst werden kann.

Insgesamt war Brescianini für die Ausbildung von etwa 60 KV-Lernenden verantwortlich. Vor drei Jahren hat sie diese Aufgabe ihrer Stellvertreterin Andrea Pajarola übergeben. Auch den Sitz im Schulvorstand des Berufs- und Weiterbildungszentrums (BWZ) Brugg hat sie nach 14 Jahren dem CVP-Stadtrat Jürg Baur abgetreten.

Mit dem zur Tradition gewordenen Besuch des Rottweiler Narrensprungs am kommenden Wochenende wird sich Yvonne Brescianini von Bruggs deutscher Partnerstadt verabschieden. Die Jubiläumsfeierlichkeiten zu 100 Jahre Städtepartnerschaft Brugg-Rottweil, die sie mit dem früheren Stadtammann Rolf Alder organisiert hatte, sind in bester Erinnerung.

Einwohnerrat: Während der Sitzung stieg Rauch auf

Als waschechte Freiämterin war Brescianini zu Beginn mit der Brugger Fasnacht nicht vertraut. Sonst wäre ihr das Missgeschick nicht passiert, dass sie eine Einwohnerratssitzung ausgerechnet auf den Fasnachtsfreitag ansetzte. Ansonsten pflegte sie ein gutes Verhältnis zu den Einwohnerräten sowie den Präsidenten und den Präsidentinnen. Einmal vergass sie zwar, das Aufnahmegerät einzuschalten. Fürs Protokollieren konnte sie sich aber auf die schriftlichen Notizen der Einwohnerräte sowie auf Zeitungsberichte stützen.

Ebenfalls nicht schlecht staunten die Anwesenden, als einmal während der Sitzung aus einem alten Tonbandgerät Rauch aufstieg. Der besorgte Einwohnerratspräsident schenkte Frau Stadtschreiber daraufhin einen Feuerlöscher, der während Jahren zur Ausrüstung im Rathaussaal gehörte. Apropos Stadtparlament: Als loyale Mitarbeiterin wird sie extra für die Sitzung vom
6. März nochmals nach Brugg kommen, da ihr Nachfolger dann noch nicht im Amt ist.

Ihren Sitz im Verwaltungsrat der Eisi Parkhaus AG wird Brescianini bis zu den Neuwahlen an der Generalversammlung im Frühling 2022 behalten. «Ich hatte eine gute Arbeitsstelle. Die Vielfalt der Aufgaben, die damit verbundenen zahlreichen Herausforderungen und die Möglichkeit, Entwicklungen mitzugestalten, haben mir besonders gefallen», lautet ihre Bilanz. Zweimal hatte sie sich zu Beginn ihrer Anstellung in Brugg einen Stellenwechsel nach Aarau überlegt – einmal zur Stadtkanzlei und einmal zu den Sozialversicherung Aargau (SVA).

Jetzt freut sich die Neo-Pensionärin auf Ferien in den Bergen und im Sommer in Schweden. Zudem interessiert sie sich für das Projekt Generationen im Klassenzimmer und die ehrenamtliche Tätigkeit in einer aargauischen Stiftung, von der sie angefragt wurde.

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