Das Modell für die neue Marienkirche, auf das man während der Pfarrhausrenovation in Windisch in einem selten benutzten Archivraum stiess, konnte vor dem weiteren Verstauben bewahrt werden. Vor wenigen Tagen hat es die Kirchgemeinde Brugg-Windisch dem Archiv des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich zusammen mit einem Schenkungsvertrag übergeben.

Bruno Maurer, Leiter des gta-Archivs, freut sich über den Neuzugang, den er in Windisch aus den Händen von Kirchenpflegepräsident Hans Schilling entgegennehmen durfte. Beim Kirchenmodell handelt es sich um einen Wettbewerbsbeitrag von 1962, wie die katholische Kirchgemeinde in einer Medienmitteilung schreibt.

Dieses stammt von Walter Maria Förderer (1928–2006), der in den 60er- und 70er-Jahren zum erfolgreichen Architekten für neo-expressionistische Kirchenbauten in der Schweiz avancierte. Vermutlich handelt es sich beim Vorschlag für Windisch um einen der ersten Entwürfe von Walter Förderer überhaupt.

Das Sieger-Projekt nicht gebaut

«Für das Archiv ein wertvolles Puzzleteil, um das Schaffen eines Architekten zu dokumentieren, der als Bildhauer begann und nach knapp 20 Jahren als Architekt zu seinen Wurzeln als Künstler zurückkehrte», heisst es in der Mitteilung weiter.

Das Modell werde nun in Zürich inventarisiert, eingelagert und der Forschung zugänglich gemacht. Möglich sei ausserdem, dass es bald einmal in einer Ausstellung über Betonarchitektur in der Schweiz der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Das Projekt «Fleur» des Architekturbüros Förderer, Otto und Zwimpfer in Basel, aus dem dieses wiederentdeckte Raummodell aus Furnierholz stammt, ging aus dem Wettbewerb für den Neubau der Marienkirche in Windisch zwar als Sieger hervor.

Gebaut wurde es jedoch nie. Den Zuschlag erhielt das zweitplatzierte Projekt «Lithos» von Ruth und Edi Lanners. Das Architektenpaar entwickelte darin die Vision einer Kirche für ein Volk, das sich um Jesus scharte wie in der Bergpredigt.

Der Entwurf von Förderer wirkte kompliziert und verschachtelt. Wuchtig nach aussen, aufgrund der indirekten Lichtführung eher düster im Innern und mit wenig Platz für den heute grosszügig gestalteten Kirchenplatz.

Zudem, erzählte Maurer bei der Übergabe, habe Förderer später auf Baustellen gerne Ad-hoc-Entscheidungen gefällt – etwa wie eine Mauer verlaufen müsste. Voraussetzungen, die Zusatzkosten erahnen liessen.

Unzufrieden trotz 46 Beiträgen

Im öffentlichen Projekt-Wettbewerb wurden insgesamt 46 vollständige Entwürfe eingereicht. Trotz dieser stattlichen Zahl gab an der Kirchgemeindeversammlung vom 19. September 1962 auch kritische Stimmen wie: «Leider haben am Wettbewerb grosse und bekannte Kirchenbau-Architekten nicht mitgemacht.»

Vielleicht habe man damals auch einfach zuviel Respekt vor Förderers Architektur gehabt, sagt Kirchenpflegepräsident Hans Schilling gegenüber der AZ. Hätte man das Sieger-Projekt gebaut, kämen heute vielleicht viele Touristen nur wegen der Marienkirche nach Windisch, scherzt er.

Was man damals nicht wissen konnte: Einige der Architekten, die sich am Wettbewerb der Kirche Windisch beteiligt hatten, waren später äusserst erfolgreich. Darunter André M. Suter, der Erbauer des Lassalle-Hauses, und eben auch Walter Maria Förderer mit dem katholischen Kirchenzentrum Heiligkreuz in Chur.

Bei Buchrecherche entdeckt

Dass der Wert des Förderer-Modells, das über 50 Jahre im Pfarrhaus-Archiv in Vergessenheit geraten war, wiederentdeckt wurde, ist primär Historikerin Astrid Baldinger Fuchs zu verdanken.

Sie war gerade mit den Recherchen für ein Buch über die Geschichte der Katholiken im Bezirk Brugg beschäftigt und erkannte die Bedeutung sofort. Und so konnte dann die Schenkung dieses Kirchenmodells an das ETH-Archiv aufgegleist werden.

Das Buch «Aufbau, Wandel + Wirken: Geschichte der Katholiken im Bezirk Brugg» von Astrid Baldinger Fuchs, Max Baumann und Titus J. Meier wurde 2016 von der römisch-katholischen Kirchgemeinde Brugg herausgegeben.

Auf über 300 Seiten wird den Lesern eine hervorragende Übersicht mit vielen Fotos über die Entwicklung der fünf Kirchenzentren im Bezirk Brugg geboten. Die Texte sind so gegliedert, dass auch Schnellleser auf ihre Kosten kommen. Zum Preis von 48 Franken werden Bestellungen für das Buch über verwaltung@kathbrugg.ch entgegengenommen.

Als die Mitglieder dem Buchprojekt an der Kirchgemeindeversammlung zustimmten, verlangten sie auch, dass das Werk sowie alle dazu gehörenden Dokumente über das Internet zugänglich gemacht werden. Das soll laut Hans Schilling bis Ende 2018 der Fall sein.