Birr
Ein Serbe lehrt seinen Schülern, wie man Schwyzerörgeli spielt

Der gebürtige Serbe Aleksandar Aleksandrovic ist per Zufall auf das Schweizer Instrument gestossen und lehrt in Birr.

Pascal Bruhin
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«Ich bin wahrscheinlich der erste Roma, der Schwyzerörgeli spielt», sagt der gebürtige Serbe Aleksandar Aleksandrovic schmunzelnd. Seit diesem Sommer gibt er an der Musikschule Eigenamt in Birr Unterricht im Schwyzerörgeli und Akkordeon. Die AZ besucht ihn im Unterricht mit seinen beiden Schülern. «Es ist cool, es ist leicht und es sieht gut aus», sagt der achtjährige Remo Gloor aus Birr über sein Instrument. Erst seit den Sommerferien spielend, entlockt er dem Schwyzerörgeli bereits sein erstes «Alle meine Entchen». Der ein Jahr ältere Adrian Anderegg spielt bereits seit zwei Jahren, ist schon mehrfach an Konzerten aufgetreten. «Eigentlich gefällt mir alles am Schwyzerörgeli», sagt er mit funkelnden Augen. «Oh Susanna» klingt bei ihm schon wie beim Profi. Beide Knaben kommen aus musikalischen Familien, sind durch ihre Gross- und Urgrossväter zum Schwyzerörgeli gekommen.

Lehrer Aleksandrovic kam im Februar 2017 in die Schweiz für sein Masterstudium in Musikpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste, das er 2019 abschloss. Der 30-Jährige wohnt in Dietikon. Zuvor studierte er während dreier Jahre in Deutschland und spricht unsere Sprache entsprechend gut. «Am Schwyzerdütsch übe ich noch.»

Er stand auch schon in China auf der Bühne

Das Akkordeon begleitet Aleksandrovic schon sein Leben lang. Im Alter von sechs Jahren bekam er nach monatelangem Betteln von seinem Vater eine Privatunterrichtsstunde bei einer professionellen Akkordeonistin geschenkt. Seitdem ist das Instrument ein fester Bestandteil seines Lebens. Früh erkannten seine Lehrer sein Talent und förderten ihn entsprechend. Aleksandrovic beteiligte sich an vielen Musikwettbewerben, sowohl als Solist wie auch mit Bands. Von Schottland über die Schweiz bis nach Spanien ist er schon quer durch Europa aufgetreten, stand aber auch schon in China auf der Bühne. Er schloss sein Studium erfolgreich ab an Musikschulen in Novi Sad und Kragujevac in Serbien mit Schwerpunkt Akkordeon. Später zog er nach Deutschland, wo er seinen Masterabschluss in Freiburg im Juli 2015 absolvierte.

Bevor er in die Schweiz kam, hatte er vom Schwyzerörgeli noch nie etwas gehört: «Ich wusste nicht einmal, dass es das Schwyzerörgeli gibt», sagt er. Erst durch eine Anfrage der Musikschule Zug, ob er denn neben dem Akkordeon auch Schwyzerörgeli unterrichten könnte, befasste er sich näher mit dem Instrument. Im Selbststudium brach er sich die ersten Stücke bei, später belegte er professionelle Kurse, unter anderem beim bekannten Emmentaler Schwyzerörgeler Kurt Schmid. Die Umstellung vom Akkordeon zum Schwyzerörgeli sei durchaus eine Herausforderung gewesen, sagt Aleksandrovic.

«In vielen Punkten ist das Schwyzerörgeli dem Akkordeon zwar ähnlich», sagt er. In einem Punkt unterscheiden sie sich aber markant. Das Akkordeon erzeugt als chromatisches Instrument beim Ziehen und Stossen des Balges jeweils den gleichen Ton, während das diatonische Schwyzerörgeli jeweils unterschiedliche Töne von sich gibt. Auch im Tonumfang unterscheiden sich die beiden Instrumente. Während auf dem Akkordeon bis zu 140 Bässe spielbar sind, seien es beim Schwyzerörgeli nur deren 14 bis 20, je nach Grösse des Instruments. Trotzdem könne man im Prinzip jedes Lied auch auf dem Schwyzerörgeli spielen, sagt Aleksandrovic, allerdings nicht in jeder Tonlage.

«Jazz und Pop klingen auf dem Schwyzerörgeli gut»

Dennoch ist der Musikschullehrer dem Charme des Schweizer Traditionsinstruments verfallen: «Ich liebe den charakteristischen kräftigen und sehr strahlenden Klang des Schwyzerörgelis.» Auch die Verbindung zur Schweizer Folklore fasziniert ihn. Die Bilder im Kopf, die entstehen, wenn man spielt. «Ich sehe Schweizer Berge, Natur und Tradition.» Oft spielt er Volksmusik auf dem Schwyzerörgeli. «Aber auch Stücke des Jazz oder des Pop klingen auf dem Schwyzerörgeli sehr gut.» Durch die relative Seltenheit des Schwyzerörgelis sei es jedoch schwierig, Noten zu finden, die darauf zugeschnitten sind. «Die meisten Schwyzerörgelispieler spielen ohne Noten.»

Als Lehrperson unterrichtet er an den Musikschulen in Birr, Wohlen und Würenlos derzeit sieben Schüler im Akkordeon und drei im Schwyzerörgeli. Mit seinen Schülern übt er vorwiegend Lieder der Volksmusik ein. Ländler, Polka sowie schottische oder amerikanische Volkslieder. «Generell eignet sich das Schwyzerörgeli für Tanzmusik.»

Dass ein Ausländer das Schweizer Kulturgut Schwyzerörgeli zu spielen weiss, erstaunt viele Zuschauer auf den ersten Blick, negative Reaktionen hat Aleksandrovic aber bisher noch nie erlebt. Mit dem Schwyzerörgeli konnte er aufgrund der Coronapandemie noch nicht auftreten, erste Konzerte sind allerdings bereits geplant.