Es herrscht eine lockere Stimmung in der Turnhalle der Schule Rüfenach. Acht Kinder und vier Erwachsene haben sich an diesem Samstagmorgen rund um Jörg Keller aufgereiht. Der 57-Jährige, der in Villigen wohnt, ist der Dojoleiter des Karateclubs Rüfenach. Seit 2006 bietet Keller im Namen des Karateclubs Selbstverteidigungskurse an, so auch an diesem Morgen. «Als ich angefangen habe, war ich manchmal alleine in der Halle», sagt Keller und rückt sein Gi, sein Karategewand, zurecht. Eine Anmeldung für den Unterricht am Samstagmorgen ist nicht notwendig, weshalb die Anzahl Teilnehmer unterschiedlich ist. Ein harter Kern ist aber jedes Mal dabei.

Dojoleiter Keller, der seit vielen Jahren den schwarzen Gurt in Karate trägt, will seinen Schülern beibringen, wie sie sich in Gefahrensituationen verteidigen und schützen können. Besonders den Kindern will er lehren, wie sie sich gegen Grössere wehren können, etwa auf dem Schulweg oder auf dem Pausenplatz. «Gerade für Kinder sind Automatismen wichtig», so Keller. Er thematisiert in seinen Lektionen die immer gleichen Bewegungsabläufe, die immer gleichen Reaktionen, damit sie sich die Kinder und auch die Erwachsenen einprägen können. So reagieren sie in einem Gefahrenmoment reflexartig.

Wichtige Regel zuerst

Für Kinder und Jugendliche sind die Lektionen kostenlos, Erwachsene zahlen 5 Franken. Trainiert wird barfuss und in sportlicher Kleidung, jeweils um 9 Uhr beginnt die Lektion, sie dauert bis um 10 Uhr. Leo ist an diesem Morgen zum ersten Mal in einer Selbstverteidigungslektion dabei.

Der sechsjährige Erstklässler wird von seinem Vater André und seiner kleinen, bald dreijährigen Schwester Alice begleitet. Jörg Keller erklärt ihm gleich zu Beginn die wichtige Regel: Stopp zu sagen, sobald man sich nicht mehr wohl fühlt. Die Teilnehmenden üben, wie sie mit lauter Stimme «Stopp» rufen und ihrer Aussage mit der in Richtung Aggressor ausgestreckten flachen Hand Nachdruck verleihen. Auch das will geübt sein.

Keller bringt den Kindern in seinen Lektionen bei, wie sie sich gegen ihre Mobber, aber auch gegen erwachsene und somit grössere Angreifer wehren können. Er zeigt eine Übung vor, erklärt, wie und warum man handeln sollte. Danach üben die Teilnehmer zusammen. Wichtig ist dem Dojoleiter, dass die Teilnehmer durch das gegenseitige Üben erfahren, wie schmerzhaft solche Gegenangriffe sein können. So kommen sie auch nicht in Versuchung, ihre Kenntnisse beim Raufen mit anderen zu nutzen, ist Keller überzeugt.

«Red Man» darf verprügelt werden

«Was ist mit einem Schlag in den Bauch?», will einer der Teilnehmer wissen, als Jörg Keller fragt, wie man sich gegen einen Griff des Aggressors wehren kann. «Das hilft nichts», sagt Keller und lädt die Kinder ein, es selbst zu versuchen. Sie dürfen ihm mit voller Wucht in den Bauch hauen, Keller kümmert das wenig. «Gerade muskulöse oder beleibte Gegner macht so ein Schlag bloss wütend», erklärt er. Besser ist es, die Schmerzpunkte im Gesicht anzuvisieren.

Damit die Teilnehmer einmal ohne Hemmungen das Gelernte anwenden können, zieht sich Keller einen Ganzkörperanzug, einen «Red Man», an. «Du siehst aus wie Mister Krabs aus SpongeBob Schwammkopf», kichert Mohamed, der mit seinem Bruder Abdoulaye die Selbstverteidigungslektionen und später auch den Karateunterricht besucht. Der rote Anzug dämpft die Schläge und Tritte ab, die Wucht bekommt Keller aber trotzdem zu spüren. Er muss in seinem Unterricht also einiges einstecken. Trotzdem fordert er die Anwesenden auf, richtig zuzuschlagen. Einige tun das noch verhalten, andere gehen aus sich heraus und erleben den Mut, den es braucht, um sich körperlich zur Wehr zu setzen.

Am Schluss der Lektion ist Jörg Keller verschwitzt und erschöpft, aber zufrieden. Anschliessend wird er mit den meisten Anwesenden und einigen Neuankömmlingen noch eine Karatelektion durchführen. Für den Neuling Leo ist indes klar, dass er am nächsten Unterricht wieder teilnehmen wird.