Lupfig
Ein Sanitär und ein Coiffeur halfen 1964 dem Gewerbe auf die Beine

Der Gewerbeverein Birr-Lupfig feiert seinen 50. Geburtstag. Gründungsmitglied Heinrich Wüst blickt zurück und sagt, warum der Start auch ein Desaster war.

Carolin Frei (Text und Foto)
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Heinrich Wüst (97) auf seinem Gartenbrunnen, der von einer eigenen Quelle gespiesen wird.

Heinrich Wüst (97) auf seinem Gartenbrunnen, der von einer eigenen Quelle gespiesen wird.

«Ich hatte das Gefühl, es geht nichts im Dorf und man sollte doch was zu sagen haben», umschreibt Heinrich Wüst aus Lupfig die Motivation, den Gewerbeverein Birr-Lupfig vor 50 Jahren ins Leben zu rufen. Solche Ideen entstehen beim Bier oder beim Coiffeur.

Letzteres war bei Heinrich Wüst der Fall. Zusammen mit Coiffeurmeister Max Bopp wurde die Idee zur Gründung des Vereins aufgegriffen. «Wir hatten jedoch beide keine Ahnung, wie wir an die Sache rangehen sollten», erinnert sich der 97-Jährige.

Hilfe bekamen sie vom Gewerbesekretär aus Baden, bei dem sie vorstellig wurden. «Das Gespräch war aufschlussreich, die Heimfahrt ein Desaster. Der Nebel war so dick, dass wir unterwegs nicht mehr wussten, wo wir waren», sagt er lachend. Dafür lichtete sich der Nebel schlagartig in Sachen Gewerbeverein.

Unverzüglich wurden Gewerbetreibende aus Lupfig und Birr angefragt, ob sie Mitglied des Vorstands werden möchten. Ingenieur Willy Von Rotz, Schreiner Ruedi Hirt und der Birrer Elektriker Ernst Gysi sagten sofort zu, dieses Amt zu übernehmen.

Die Einzigen in der Umgebung

Kurz darauf konnte die erste Versammlung unter der Leitung von Präsident Max Bopp abgehalten werden. «Ich war etwas enttäuscht, dass nur etwa 20 Gewerbler kamen», sagt der ehemalige Vizepräsident Wüst. Doch das Interesse nahm schlagartig zu, nachdem die erste Gewerbeausstellung über die Bühne gegangen war. Der Anstoss zu einer solchen Veranstaltung kam von Heinrich Wüst.

Er hatte seinerzeit in Zofingen eine Gewerbeausstellung besucht und fand diese Art, sein Handwerk einem breiten Publikum vorzustellen, einmalig. «Unsere erste Gewerbeausstellung fand im Ochsensaal in Lupfig statt und war ein voller Erfolg», sagt der Lupfiger. Er selber, gelernter Schmied und Sanitärinstallateur, verkaufte gleich eine Waschmaschine und konnte den Verkauf einer Küche einfädeln. Erst später seien Küchen von den Schreinern vertrieben worden. Mit dieser Gewerbeausstellung, die etwa zwei Jahre nach der Gründung erstmals durchgeführt wurde, waren sie weit und breit die Einzigen in der Umgebung.

Die ersten paar Veranstaltungen waren für Wüst die schönsten, da sie im überschaubaren Rahmen des Ochsensaals stattfanden. Man habe der Bevölkerung zeigen können, was für Handwerk im Dorf vorhanden sei. Und unter den Handwerkern habe dies zu einem besseren Zusammenhalt geführt.

Geht noch gerne «ins Holz»

Von den damaligen Vorstandsmitgliedern leben nur noch er und Ernst Gysi, der heute in Niederlenz wohnt. Wüst war gut 8 Jahre im Vorstand und für rund
20 Jahre im Verein. Er war zudem in anderen Kommissionen tätig und 38 Jahre bei der Feldmusik Lupfig mit von der Partie. «Leider musste ich dann mit 60 Jahren das Musizieren wegen eines Rückenleidens aufgeben.» Auch die Arbeit als Sanitär konnte er nicht mehr weiter ausüben. Das sei für ihn, der immer so viel um die Ohren hatte, nicht einfach gewesen.

Zum Glück besass er noch ein Stück Wald. Noch heute geht er gerne «ins Holz», begleitet von seiner neuen Partnerin. Seine Frau Gertrud ist vor acht Jahren gestorben. Der 97-Jährige ist äusserst rüstig, macht vieles im Haushalt noch selber. Einzig das Gehen bereitet ihm etwas Mühe. Das wird ihn jedoch nicht davon abhalten, die Jubiläumsausstellung des Gewerbevereins Birr-Lupfig – die Eigeschau – in einer Woche zu besuchen. «Auch wenn ich von den Ausstellern wohl nicht mehr viele kennen werde.»

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