Königsfelden
Ein Museum als Gedächtnis der Psychiatrieklinik Königsfelden

Das Psychiatriemuseum ist immer noch ein Geheimtipp: Es birgt eine Fülle von Sehens- und Hörenswertem. Darunter sind historische Fotos, Literatur und Dokumentationen, die bis ins Jahr 1804 zurückreichen, sowie Hörstationen und eine Tonbildschau.

Elisabeth Feller
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Otto Buchs und Anja Hirt diskutieren im Psychiatriemuseum Königsfelden: Dieses ist eine Fundgrube für all jene, die sich über die Geschichte der Psychiatrie ein Bild machen wollen.

Otto Buchs und Anja Hirt diskutieren im Psychiatriemuseum Königsfelden: Dieses ist eine Fundgrube für all jene, die sich über die Geschichte der Psychiatrie ein Bild machen wollen.

Alex Spichale

Als Kind hatte die Besucherin Bammel vor Königsfelden. Denn der Name stand nicht für eine Psychiatrieklinik, sondern für ein Irrenhaus.

Wer Otto Buchs dazu befragt, erntet Verständnis: Der ehemalige Pflegebereichsleiter kennt die Bezeichnung sehr wohl; er weiss auch, welche Scheu Menschen heute noch empfinden, wenn sie die Klinik Königsfelden betreten.

Das muss nicht sein. Nicht dann, wenn Otto Buchs die Türflügel des Hauptgebäudes öffnet und mit einem «Folgen Sie mir, bitte» in einen langen Gang abbiegt, schliesslich an einer weiteren, kleineren Türe hält und diese aufschliesst: Eine Treppe führt ins Psychiatriemuseum hinunter.

Dorthin, wo sich das Gedächtnis der Klinik befindet und mittels historischer Fotos, Literatur und Dokumentationen, die bis ins Jahr 1804 zurückreichen, Hörstationen sowie einer Tonbildschau von der 700-jährigen Geschichte von Königsfelden erzählt.

Ein berühmter Pensionär

Das ist noch nicht alles. Wer im weissen Tonnengewölbe angekommen ist, erblickt rechts einen Farbtupfer, vielmehr ein Zimmer mit roter Tapete, Sessel und Schreibtisch – ein Mobiliar, das nicht aus der Gegenwart, sondern dem 19. Jahrhundert stammt.

Das Psychiatriemuseum

Das Psychiatriemuseum Königsfelden ist jeden Samstag im Monat geöffnet. Öffentliche Führungen von 13 bis 15 Uhr (gratis). 13-14 Uhr: Sammlung; 14-15 Uhr: Geschichte. Weitere Öffnungszeiten und Führungen auf Anfrage unter museum@pdag.ch. Geschichte und Sammlung befinden sich im Hauptgebäude der Klinik Königsfelden in Windisch. Weitere Informationen zu den Anlässen sind zu finden unter www.pdag.ch. (AZ)

Wer hat hier gelebt? Der grosse Schweizer Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer, der, von schweren Depressionen heimgesucht, mehrfach die Klinik aufsuchte und dort Pensionär war.

Otto Buchs, verantwortlich für den Geschichtsbereich des Museums, greift zu einem Kopfhörer: «Hören Sie sich das an» – schon wird die Besucherin gefesselt von der Stimme eines Sprechers, die vielleicht sogar jener von Adolf Frey ähnelt.

Dieser hat seinen Freund Meyer 1892 in Königsfelden besucht und die traurigen Eindrücke akribisch festgehalten. Meyers Zimmer, eine Nachbildung, ist optisch das Auffälligste im Psychiatriemuseum. Inhaltlich ist alles auffällig.

Die Besucherin taucht zunächst ein ins 16. Jahrhundert, als im ehemaligen Frauenkloster am 20. Juni 1530 ein «Toubhüssli» erstellt wurde – eine Tobzelle. Mit diesem frühen Datum beginnt die psychiatrische Tätigkeit in Königsfelden.

Sammlung Königsfelden

Die Klinik Königsfelden besitzt eine Sammlung von über 2500 Werken von Patientinnen und Patienten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts interessierte sich der damalige Direktor Arthur Kielholz (1897–1962) als Psychoanalytiker für das Vorkommen von «Bildnereien künstlerischer Natur». Sein Augenmerk fiel auf über ein Dutzend Personen, deren Werke die heutige Sammlung ausmachen. Über Jahrzehnte hinweg sind diese ausdrucksstarken Werke entstanden, die Geschichten aus dem Psychiatriealltag erzählen. Da sind zum Beispiel Zeichnungen von Karl M., der dynamisch Situationen festhielt, als wären es Schnappschüsse. Oder etwa die linearen Bleistiftzeichnungen von Josephine H., die plötzlich ins Schwingen kommen. Max V., der mit Tinte mehrere Architekturszenerien überlagerte und Theodor K., der modellhafte Zeppeline und Schiffe konstruierte. Dank ihrem fast 100-jährigen Bestehen sind die Kunstwerke zu einem wertvollen Zeitzeugnis der Psychiatriegeschichte geworden. (AZ)

Die Jahrhunderte alte Geschichte der heutigen Psychiatrischen Dienste (PDAG) ist förmlich gepflastert mit Marksteinen, die Otto Buchs bei Führungen erläutert und dabei das Hauptziel nie aus den Augen verliert: «Das Psychiatriemuseum will Verständnis schaffen für die Psychiatrie in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.»

Buchs betont, was ihm ein Herzensanliegen ist: «Wir müssen mit Respekt und Wertschätzung auf Vergangenes zurückblicken.» Vieles, was aus heutiger Sicht unverständlich sei, habe damals seine Berechtigung gehabt.

«Das Wissen, die Therapiemöglichkeiten der Patienten sowie die Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal – all dies hat sich im Laufe der Zeit permanent erweitert», betont Buchs und kommt auf die Psychopharmaka zu sprechen: «Diese speziellen Medikamente gab es zum Beispiel vor 1954 noch nicht.»

Die Besucherin staunt – nicht zum ersten Mal. Sie staunt auch über die Kopie einer originalen Schrift: «Die Heil- und Pflegeanstalt Königsfelden nach den Angaben und unter der Leitung des Directors E. Schaufelbüel» von 1872; sie staunt weiter über die eigens für Besucher des Psychiatriemuseums aufgearbeitete und mit Quelltexten verlinkte europäische Psychiatriegeschichte, die an einer PC-Station eingesehen werden kann.

Prägende Persönlichkeiten

Was aber wäre die Klinik ohne ihre prägenden, durch Porträts dokumentierten Direktoren und Chefärzte? Zu den Spitalärzten zählte etwa Ferdinand Adolf Stäbli, Grossvater des berühmten Schweizers Malers, dessen Gemälde im Brugger Stäbli-Stübli in der Hofstatt hängen.

Mit den unterschiedlichen Ärzten sind unterschiedliche philosophische und ethische Fragestellungen verknüpft, denen die Besucherin ebenfalls nachspüren kann. Schwer zu sagen, was ihr letztlich am meisten haften bleibt?

Doch, es gibt etwas: 1998 wurde in Königsfelden ein TV-Film des sensiblen Filmautors Heinz Bütler realisiert.

«Er zeichnete den Alltag auf einer geschlossenen Aufnahmestation nach, ohne dabei zu werten oder einseitige Position zu beziehen», sagt Otto Buchs und die Besucherin ruft sich in Erinnerung, was ihm grösstes Anliegen ist: Respekt und Wertschätzung.