Villigen/Stilli
Ein falscher Weihnachtsmann und singende Waisenkinder

Die 13-jährige Rachèle Moser schreibt gerne – für die az hat sie eine Weihnachtsgeschichte erfunden.

Rachèle Moser*
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Die Waisenkinder singen Weihnachtslieder, um Geld zu sammeln (Symbolbild).

Die Waisenkinder singen Weihnachtslieder, um Geld zu sammeln (Symbolbild).

Thinkstock

Eine klirrende Kälte umgab mich und ich versuchte, ein Zähneklappern zu unterdrücken. Wir standen nun schon mehrere Minuten in der eisigen Kälte – draussen, vor dem kleinen Waisenhaus – und versuchten eine mögliche Lösung zu finden. Es war gar nicht so einfach, mit dem wenigen Geld ein akzeptables Weihnachtsfest für die Kinder zu organisieren. Was das wohl alles kosten würde? Der Weihnachtsmann, Kerzen, ein Tannenbaum, Geschenke und Baumschmuck. «Hat niemand eine Idee?», riss die besorgte Stimme der Besitzerin mich aus meinen Gedanken. Ich hatte erst vor kurzem angefangen, hier zu arbeiten – als Aushilfe. Trotzdem kam es mir so vor, als ob ich den Kindern viel schuldig wäre. Eine alte Dame hob ihre Hand. «Wie wäre es, wenn wir den Kindern einfach sagen, was Sache ist?» – «Du meinst, ihnen erzählen, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt? Und ihnen so das Einzige nehmen, worauf sie sich das ganze Jahr freuen? Also ich weiss nicht», murmelte eine andere Dame. Kopfnickend stimmten ihr die anderen zu. «Dann macht doch einen besseren Vorschlag.»

Ich hielt inne. Eine Idee schoss durch meinen Kopf und ich streckte meinen Arm in die Höhe. «Wie wäre es mit dem Weihnachtsmarkt? Wir üben mit den Kindern Weihnachtslieder und tragen sie dann neben den Ständen vor. Dort, wo jedes Jahr der grosse Weihnachtsbaum steht», meldete ich mich.

Vorschlag angenommen

Ich hob die schwere Kartonkiste auf einen Stuhl und begann, alle Notenblätter auf den Plätzen zu verteilen, und redete den Kindern, die nervös an ihren Händen herumspielten, gut zu. Es freute mich, in die strahlenden Gesichter zu blicken. Ich war ganz überrascht gewesen, dass die Leiterinnen des Waisenhauses meinen Vorschlag, wie man den Kindern Geschenke kaufen könnte, angenommen hatten. Die Kinder hatten super mitgearbeitet und neugierig alle Liedertexte studiert, besonders diejenigen, die sie noch nicht kannten. Die Älteren hatten denen geholfen, die noch nicht lesen konnten. «Kinder, es ist langsam Zeit!», rief ich ihnen zu. Sie suchten ihren Platz und zupften nervös an ihren Haaren herum oder spielten mit den Notenblättern. «Keine Angst. Ich bin mir ganz sicher, dass es den Leuten gefallen wird. Ihr habt so hart geübt!», sagte ich noch, bevor ich ihnen den Einsatz zum Singen gab.

Immer mehr Menschen versammelten sich in einem kleinen Halbkreis um die singenden Kinder herum. Sie sangen mit oder lauschten einfach der Musik. Sie warfen Münzen in den bereitgelegten Korb und applaudierten nach jedem beendeten Lied. Während ich die Kinder dirigierte, schlich sich Sara heimlich davon, um an dem Markt Geschenke einzukaufen. Es hatte sich bereits genügend Geld angesammelt, um jedem Kind etwas Kleines zu schenken.

Kleine Engel für die Kinder

Sara musste nicht lange suchen und überlegen, da entschied sie sich bereits für Anhänger mit einem kleinen Engel dran. Jeder unterschiedlich und in einer anderen Farbe. Die Frau hinter dem Stand lächelte sie an. «Eine schöne Aktion, die ihr hier gestartet habt. Ich finde es schön, dass euch die Kinder so wichtig sind. Ich kann euch die Anhänger nicht schenken, aber ich hätte einen Vorschlag.» – «Ja? Wirklich?» Sara lächelte die Frau an. «Mein Mann liebt es, sich als Weihnachtsmann zu verkleiden... Wenn ihr nichts dagegen habt, könnte er die Anhänger überbringen», schlug die Dame vor, während sie jeden Engel sorgfältig einpackte.

Wenig später verteilte der verkleidete Weihnachtsmann die Engel an die Kinder, liess sie an seinem Bart ziehen und redete mit ihnen. «Er macht das toll», sagte ich an Sara gewandt. Wir schauten dem Treiben aus der Ferne zu und mussten bei dem Anblick lächeln. Meine Idee war mehr als gelungen.

Die Kinder freuten sich riesig über die Engel und den Weihnachtsmann. Ich gesellte mich zu ihnen und entdeckte hinter den Stühlen zehn kleine Geschenke. An ihnen klebte ein Zettel, mit der Aufschrift: «Tolle Aktion! Vom Weihnachtsmann.»

*Rachèle Moser besucht die 3. Bezirksschulklasse in Brugg. Ihre Hobbys sind Reiten und Schreiben. Die 13-Jährige wohnt in Stilli.

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