Prozess in Brugg

Ein Drängler, ein Crash, ein «Schafseckel»: Vor Gericht gehen die Aussagen der Autofahrer weit auseinander

Die Autofahrer waren sich nicht einig darüber, ob der vorausfahrende Wagen gebremst hat oder nicht. (Symbolbild)

Die Autofahrer waren sich nicht einig darüber, ob der vorausfahrende Wagen gebremst hat oder nicht. (Symbolbild)

Ein Lenker soll einen anderen «Schafseckel» genannt haben – nach einem Unfall. Jetzt wurde der Mann vom Gericht gebüsst – aber nicht wegen seiner Worte.

Es ist ein Weihnachtsgeschenk, das keiner will, an jenem 18. Dezember vor zwei Jahren. Turi (alle Namen geändert), 56, Subaru Forester, fährt zum Kraftwerk, um die Nachtschicht anzutreten. Die gleiche Strecke wie immer. Sven, 34, Maschinist, VW Golf, fährt von zu Hause los, um Zigaretten zu holen. Die gleiche Tankstelle wie immer. Zu diesem Zeitpunkt kennen sich Turi und Sven, beide vom Typ Büezer, Blue Jeans, T-Shirt, noch nicht. Und vielleicht wären die beiden heute froh, sie wären sich nie begegnet.

«Sofort entschuldigt»

In Rüfenach auf der Villigerstrasse fühlt sich Sven plötzlich geblendet vom Autofahrer vor ihm. Der Grund: Turi hat seine Nebelleuchte eingeschaltet, «unnötigerweise und aus nicht erkennbarem Grund», wie es im Strafbefehl gegen Turi heisst. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Tätlichkeit, Beschimpfung und ungenügenden Abstand beim Hintereinanderfahren vor.

Sven schaltet seinerseits kurz das Volllicht ein, um dem Vorfahrer zu verstehen zu geben, dass ihn die Nebelleuchte stört. Darauf bremst Turi, «unvermittelt, abrupt und ohne ersichtlichen Grund», von 80 auf etwa 30 Kilometer pro Stunde. Sven kann nicht rechtzeitig anhalten. «Ich habe im ersten Moment gar nicht realisiert, dass er abbremst», sagt Sven, der als Zivil- und Strafkläger im Gerichtssaal Auskunft gibt: «Das Nebellicht hat die Bremslichter voll übertönt.» Beide halten an.

«Er hatte natürlich keine Freude», beschreibt Sven Turis Reaktion. «Ich habe mich sofort bei ihm entschuldigt, es tue mir leid, es sei natürlich ein Schiissdräck.» Danach habe Turi sein Auto etwas beiseitegestellt, sei auf ihn zugekommen, habe ihn mit der Hand am Hals gepackt, gewürgt, weggestossen. «Gottverdammten Schafseckel», habe Turi ihn genannt, und auch andere Worte habe Turi verwendet, «solche, die man eigentlich nicht benutzt, wenn man von jemandem nach einem Unfall gefragt wird, ob man verletzt sei.»

«Reine Notwehr»

Turi sieht die Sache anders. Sven sei ihm auf der gesamten Strecke «hinde ufghocket», er sei «immer so komisch gefahren». Auf Nachfrage von Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg erkärt Turi, was er damit meint: Der Autofahrer hinter ihm habe immer wieder Gas gegeben und sich zurückfallen lassen, sodass ihn ständig die Lichter im Rückspiegel geblendet hätten. Er habe sein Nebellicht nur für etwa zwei Sekunden eingeschaltet, um Sven zu verstehen zu geben, dass er aufhören und Abstand halten solle. «Aber er hat weiter seine Spiele gemacht.» Dann habe er den Blinker gestellt, dort, wo er eh habe abbiegen müssen, um zum Kraftwerk zu kommen, sagte Turi. Er sei, so wie immer, einfach vom Gas gegangen, die Bremse habe er nicht einmal betätigt. «Ich habe mich schon etwas genervt im Auto. Aber ich musste ja zur Arbeit, mein Kollege wartete auf die Ablösung.» Er habe einfach gehofft, Sven müsse geradeaus weiterfahren. Und dann habe es peng gemacht.

Er sei ausgestiegen, da sei ihm Sven schon mit geballten Fäusten entgegengekommen. «Ich habe Angst gehabt vor ihm! Ich wollte einfach so schnell wie möglich die Polizei anrufen. Schafseckel? So etwas habe ich nie gesagt.» Ja, er habe Sven schon weggestossen, dabei sei Sven auch in die Wiese hinaus gestolpert. «Aber nur, weil ich derart Angst hatte. Das war reine Notwehr.»

«Infantiles Spiel»

Sven vertritt sich als Kläger vor dem Bezirksgericht in Brugg selber, sein Plädoyer besteht aus nicht mehr als zwei Sätzen: «Die Polizei gab mir ja recht, dass er nicht nur leicht auf die Bremse ging oder ausrollen liess. Es muss eine Vollbremsung gewesen sein.» Turi, der Beschuldigte, hat sich einen erfahrenen Anwalt genommen. In seinem halbstündigen Plädoyer lässt dieser keinen guten Buchstaben am Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach. Sein Mandant sei auf der Unfallstelle von der Polizei vorverurteilt worden. Die Patrouille habe Turi angelogen: «Sie sagten ihm, es gebe einen Datenrekorder in seinem Automodell, die Wahrheit werde dann schon ans Licht kommen.» Es sei absolut nicht nachvollziehbar, warum Turi einen Alkoholtest habe machen müssen, Sven aber nicht.

Sven habe vor dem Zwischenfall ein «infantiles, höchst gefährliches Spiel» getrieben. Seit dem Unfall leide Turi an chronischen Kopfschmerzen, es sei ein Skandal, dass Sven mit bloss einem Strafbefehl davongekommen sei. Er wurde wegen ungenügenden Abstands beim Hintereinanderfahren zu einer Busse verurteilt. Der Verteidiger fordert, Turi müsse in sämtlichen Punkten freigesprochen werden.

Beschimpfung nicht feststellbar

Das Gericht nimmt sich Zeit für die Beratung, mehr Zeit als angesagt. Und kommt dann zum Schluss: Ob Turi Sven als «Schafseckel» beschimpft hat, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Hier müsse man einen Freispruch in dubio pro reo ausfällen. Gleich verhalte es sich mit dem angeblich brüsken Bremsmanöver. Gerichtspräsidentin Imobersteg erklärt mit einem Seitenblick auf Sven: «Das Gericht ist durchaus auch vertraut mit dem Strassenverkehr und den Lichtverhältnissen bei Personenfahrzeugen. Es geht deshalb davon aus, dass man Bremslichter erkannt hätte, wenn die Bremse betätigt wurde, auch wenn gleichzeitig das Nebellicht eingeschaltet war.» Doch weil Turi zugegeben hat, Sven weggestossen zu haben, wird er dafür sanktioniert. Und weil er das Nebellicht ungerechtfertigt – es lag kein Nebel – aktiviert hatte, muss er auch dafür geradestehen. Das Weihnachtsgeschenk: 100 Franken Busse und einen Drittel der Verfahrenskosten.

Meistgesehen

Artboard 1