Glanzlos und unscheinbar wirkt das Amtshaus des Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartements Graubünden in der Churer Innenstadt. Der Eingang befindet sich etwas versteckt zwischen einem Coiffeur-Salon und einem Reisebüro. Im dritten Stock wartet Departementsvorsteher Martin Jäger am Ende des Korridors und strahlt. Von daheim hat er einen Kelch und das Familienwappen, das auch ein Fenster der Brugger Stadtkirche ziert, mitgebracht.

Der bald 62-jährige Sozialdemokrat beugt sich am runden Tisch in seinem Büro über einen Stammbaum. Die Ahnenforschung, die sein Grossvater vor Jahren in Auftrag gab, geht bis zum Zürcher Reformator Ulrich Zwingli (1448–1531) zurück und faszinierte Martin Jäger im Gegensatz zu seinen drei Geschwistern bereits als Teenager. Mit 15 Jahren zeichnete er seinen Stammbaum auf Packpapier. «Am Schluss war die Zeichnung so gross, dass ich sie nur noch in der Turnhalle aufhängen konnte», erzählt er und gleitet mit dem rechten Zeigfinger im Zickzack über den kleineren Stammbaum vor ihm.

«Die Zukunft vorbereiten»: Video-Porträt des Regierungspräsidenten Martin Jäger.

«Die Zukunft vorbereiten»: Video-Porträt des Regierungspräsidenten Martin Jäger.

Jäger berichtet von seinen Eltern, die im Aargau aufgewachsen sind – der Vater in Aarau und die Mutter in Wettingen. Dass die Stadt Brugg Jägers Bürgerort ist, dürfte auf Dietrich Jäger aus Dottikon im Freiamt zurückgehen, der sich 1595 mit 22 Gulden das Bürgerrecht von Brugg erwarb. Martin Jägers Ururgrossvater Friedrich Jäger (1804–1875) sass als Vertreter von Brugg im Aargauer Grossen Rat, dessen Bruder Gottlieb Jäger (1806–1891) war Nationalratspräsident. Zur Verwandtschaft gehört ein jüdischer Ast mit dem Kunstmaler Otto Wyler.

Ferien in Aarau und Möriken

Als Zweijähriger kam Martin Jäger nach Samedan und verbrachte seine ganze Jugend- und Lebenszeit im Kanton Graubünden. Er erinnert sich an Ferien bei seiner Grossmutter am Aarauer Schlossplatz sowie bei Verwandten in Möriken. Zusammen mit den Eltern und Geschwistern besuchte er seinen Bürgerort regelmässig. «Ich kenne die Stadt Brugg ziemlich gut, aber am Rutenzug war ich noch nie.» Auf die Frage, ob er teilnehmen würde, falls er eingeladen wird, antwortet er diplomatisch: «Ja, wenn ich Zeit dafür finde.» Wie sein Vater wurde Martin Jäger Lehrer. Während 20 Jahren unterrichtete er an verschiedenen Primarschulen, bevor er als vollamtliches Mitglied in den Churer Stadtrat gewählt wurde.

Spontaner Tanz mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Spontaner Tanz mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Es gibt keine andere Person im Kanton Graubünden, die mehr politische Erfahrung hat als Martin Jäger. Er war in zwei Etappen während insgesamt 27 Jahren Mitglied des Grossen Rates. Da für das Kantonsparlament im Kanton Graubünden die Majorz-Wahl gilt und Jäger als SP-Mitglied zur Minderheit gehört, schaffte er die Wiederwahl zu Beginn seiner politischen Laufbahn nicht jedes Mal auf Anhieb. Der Lehrer war ein fleissiger Milizpolitiker. «Ich reichte weit über 100 Vorstösse ein. Der grösste Teil davon wurde überwiesen», erzählt er stolz. Mit knapp 26 Jahren setzte er sich dafür ein, dass die Volksschule im ganzen Kanton kostenlos wird. Denn Jäger hatte erlebt, dass Eltern ihre Töchter nicht in die Sekundarschule schickten, um so Schulgeld zu sparen.

Zu seinen grössten Erfolgen zählt er die Motion zur Totalrevision der Kantonsverfassung, die nun seit 2003 in Kraft ist. «Ich setzte mich einerseits erfolgreich für modernere Kantonsstrukturen ein. Andererseits gelang es uns nicht, das Proporz-Wahlverfahren für den Grossen Rat einzuführen», sagt er und ärgert sich darüber, dass das Parlament noch immer kein Spiegelbild der Gesellschaft darstellt. Seit Beginn seiner politischen Laufbahn 1976 ist die Zahl der Gemeinden im Kanton Graubünden von 213 auf 150 gesunken, so der Vollblutpolitiker. Ziel sei es, Anreize für weitere Grossfusionen zu schaffen, um am Schluss noch rund 50 Gemeinden im Kantonsgebiet zu vereinen, betont Jäger.

SP-Politiker jodelt seit 39 Jahren

Nach 12 Jahren in der Churer Stadtregierung wechselte Jäger 2011 in die Kantonsregierung. Mit der Totalrevision des Schulgesetzes gelang ihm als Erziehungsdirektor rasch ein grosser Wurf, während Rumantsch Grischun und der Fremdsprachenunterricht Problem-Dossiers geblieben sind. In diesem Jahr ist er Regierungsratspräsident. Er ist oft mit Postauto und Zug in den Tälern unterwegs. Den Chauffeur und die Staatskarosse beansprucht er nur, wenn es keine Alternative mit dem öV gibt. Als Exekutivpolitiker lernte er Italienisch. Rätoromanisch spricht er nicht. Er versteht allerdings viel und kann eine rätoromanisch verfasste Rede so gut ablesen, dass er danach für seine Sprachkenntnisse gelobt wird. Jäger hat noch drei Amtsjahre als Regierungsrat vor sich. Dann will er einen Schlussstrich ziehen. «Theoretisch könnte ich nochmals kandidieren, aber meine Angestellten müssen ja auch mit 65 in Pension. Warum soll das bei mir anders sein?», so Jäger.

Jodlerclub Calanda Chur: Martin Jäger verpasst selten eine Probe.

Jodlerclub Calanda Chur: Martin Jäger verpasst selten eine Probe.

Langweilig wird es dem Vater von zwei erwachsenen Kindern bestimmt nicht. Der SP-Politiker ist seit 39 Jahren Aktivmitglied im Jodelclub Calanda in Chur und verpasst selten eine Probe. Auch wenn ihn sein Amt als Regierungspräsident und Erziehungsdirektor sehr fordert, will er nicht auf Freizeit verzichten. «Das ist eine Frage der Organisation. An jede ‹Hundsverlochete› muss ich ja nicht gehen. Dazu kommt, dass ich sehr gute Mitarbeitende habe», sagt er, packt den Kelch mit der Gravur für seinen Ururgrossvater Friedrich Jäger und der Inschrift «Brugg 1844» in eine schwarze Sporttasche, zieht die Jacke über und macht sich auf zum Postauto nach Davos.