Brugg/Windisch
Ein besonderes Projekt: Hier wird einem Stummfilm Leben eingehaucht

Das Kulturhaus Odeon in Brugg und das Lehrerensemble der Musikwerkstatt Windisch-Brugg spannen zusammen.

Michael Hunziker
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Der rund 90-minütige Stummfilmklassiker «Sunrise: A Song Of Two Humans» gibt den zehn Profimusikern das Tempo vor.

Der rund 90-minütige Stummfilmklassiker «Sunrise: A Song Of Two Humans» gibt den zehn Profimusikern das Tempo vor.

Zur Verfügung gestellt

Ein Augen- und Ohrenschmaus gleichermassen wird im Brugger Kulturhaus Odeon geboten dieses Wochenende. Präsentiert wird der Stummfilmklassiker «Sunrise: A Song Of Two Humans», vertont vom Lehrerensemble der Musikwerkstatt Windisch-Brugg.

Bei Musiker Marc Urech und «Odeon»-Betriebsleiter Stephan Filati ist die Vorfreude förmlich greifbar beim Gespräch an diesem kalten Wintermorgen. Dem Publikum versprechen sie ein unvergessliches Erlebnis, ein durch und durch analoges dazu, ohne Special Effects, dafür mit Livemusik und Raum für Improvisationen, kurz: eine einzigartige Gesamtkomposition.

Der Film gewann gleich drei Oscars

Beim Film handelt es sich um eines der grossen Werke der Stummfilmzeit, erklärt Filati. Die Geschichte eines jungen Bauern, dem eine Urlauberin aus der Grossstadt den Kopf verdreht, sei wunderschön und mit grossem Aufwand umgesetzt. 1927 uraufgeführt, gewann das Werk des deutschen Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau gleich drei Oscars – an der ersten Verleihung überhaupt.

Gezeigt werden könne eine restaurierte, qualitativ hochstehende Fassung, freut sich Filati. Als Betriebsleiter nimmt er im «Odeon» immer wieder Stummfilme ins Programm auf, pflegt diese Nische seit Jahren sorgfältig.

«Für uns Musiker besteht die tolle Herausforderung darin, die Emotionen der einzelnen Szenen einzufangen, wiederzugeben und zu verstärken», führt Marc Urech mit spürbarer Begeisterung aus. «Die Musik ist süffig, die Melodien sind eingängig.»

Es geht um wenige Schläge pro Minute

Bei grösseren Szenen spielt das ganze Ensemble, das aus zehn erfahrenen Profimusikern besteht. Bei Dialogen sind die Personen auf der Leinwand einem einzelnen Instrument zugeteilt. Urech selber bewegt sich dann beispielsweise als Klarinettist mit der Frau. Eine Besonderheit sei, dass kein Dirigent die Gesamtleitung trage, fügt der Musiker an. «Der rund 90-minütige Film gibt das Tempo vor.»

Will heissen: Ist das Ensemble nur wenige Schläge pro Minute zu schnell, dauert die entsprechende Szene zu lang. «Dann müssen wir leicht korrigieren und etwas bremsen, ohne dass die Zuhörer etwas merken», sagt Urech.

«Das ist unglaublich spannend, hat uns dazu gebracht, gewohnte Mechanismen über den Haufen zu werfen und ein Gefühl zu entwickeln für das Bild, das uns führt.» Der Zeitaufwand für die Erarbeitung sei zwar wesentlich grösser als bei einem konzertanten Programm. «Aber wir freuen uns riesig auf die Aufführungen.»

Zur Wiederholung dürfte es nicht so schnell kommen

Urech und Filati spannten mit der Vertonung von «Sunrise: A Song Of Two Humans» bereits zusammen für das 20-Jahr-Jubiläum der Musikwerkstatt Windisch-Brugg im 2017. Die Idee schwirrte schon vorher länger in ihren Köpfen herum. Filati schlug mögliche Werke vor, fünf Mitglieder der Musikwerkstatt teilten sich die Filmsequenzen untereinander auf und kümmerten sich – unabhängig voneinander – während rund eines halben Jahres um die Kompositionen.

«Wir haben einfach losgelegt, ohne grosse Absprachen», erinnert sich Urech. Trotzdem habe es einfach gepasst, wie sich an der ersten Probe zeigte. «Wir haben uns toll ergänzt, es gab wunderbare Situationen, schwärmt der Musiker. Er übertreibe ja gerne, fügt er mit einem ansteckenden Lachen an. «Aber es stimmt wirklich: Es gab magische Momente.»

Die Vorfreude auf die Aufführungen ist gross

Dieser Aussage pflichtet Stephan Filati bei. «Der Idealfall tritt ein, wenn Bild und Ton zu einem grossen Ganzen verschmelzen», stellt er fest. «Bei dieser Inszenierung ist das der Fall.» Die damaligen drei Aufführungen stiessen bei den Besuchern auf Begeisterung. «Wir hatten ein volles Haus», sagen Urech und Filati. «Die Produktion hat eingeschlagen.» Aus diesem Grund werde sie nun noch einmal ins Programm aufgenommen.

Den Anspruch, mit diesem Werk auf Tournee zu gehen, habe die Musikwerkstatt aber nicht, stellt Urech klar. Denn der Aufwand sei gross, die Absprachen umfangreich bei einem Ensemble mit Profimusikern, von denen alle in weiteren Formationen engagiert sind von Jazz bis Klassik.

Den Anspruch, das Stück erneut mit viel Leben zu füllen, im Vergleich zu 2017 «vielleicht sogar noch einen draufzusetzen», hat Urech aber alleweil. Das vergangene Probenwochenende war intensiv. «Wir verstehen uns blendend, das wird auch das Publikum spüren», ist der Musiker überzeugt.

Viele freuen sich jedenfalls, wie das Echo auf die kommenden Aufführungen zeigt, die wohl nicht so schnell wiederholt werden dürften. Etliche Reservationen sind schon eingegangen. Noch hat es freie Plätze. «Ich gehe davon aus, dass wir wieder ein volles Haus haben werden», sagt Filati. Interessierte seien deshalb sicher gut bedient mit dem Vorverkauf.