Bezirksgericht Brugg

Ein Auto verschwindet in der Reparatur-Werkstatt – doch der Betreiber weiss von nichts

Vor dem Bezirksgericht Brugg musste sich ein Betreiber einer Autowerkstatt verantworten. Er wurde freigesprochen, weil die Aussagen des Klägers widersprüchlich waren.

Vor dem Bezirksgericht Brugg musste sich ein Betreiber einer Autowerkstatt verantworten. Er wurde freigesprochen, weil die Aussagen des Klägers widersprüchlich waren.

Der Betreiber einer Autowerkstatt musste sich vor dem Bezirksgericht Brugg wegen Veruntreuung verantworten. Die Aussagen des Klägers waren widersprüchlich, das Gericht sprach von einer klassischen Aussage-gegen-Aussage-Situation.

Ein Mann bringt sein Auto zur Reparatur in die Werkstatt. Später will er es abholen . . . allerdings ist es nicht mehr auffindbar. Der Betreiber der Werkstatt soll das Fahrzeug veräussert haben, behauptet der Mann. Nur: Der Betreiber der Werkstatt weiss weder etwas von einem Reparaturauftrag noch vom Verbleib des Autos.

Diese Woche standen die beiden Männer vor dem Bezirksgericht Brugg. Veruntreuung, lautete der Vorwurf. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 90 Franken sowie eine Busse von 1200 Franken.

Daniel, der Beschuldigte, betreibt seine Garage in der Region. Er soll das Auto von Akono (beide Namen geändert), dem Kläger, im November 2017 entgegengenommen haben, um einen Schaden an der Karosserie zu beheben. Gemäss Anklageschrift vereinbarten die Männer für die Reparatur – die innerhalb von 10 bis 14 Tagen ausgeführt werden sollte – einen Betrag von 400 Franken.

Akono holte sein Auto in der Folge allerdings nicht wie vereinbart ab. Er hatte, heisst es in der Anklageschrift, zu dieser Zeit mit Geldproblemen sowie den Folgen eines Unfalls zu kämpfen, was er dem Beschuldigten telefonisch mitgeteilt habe. Als er schliesslich im April 2018 in der Werkstatt auftauchte, war der Wagen nicht mehr dort. Akono benachrichtigte die Polizei und erstattete Anzeige. 

Es gehe ihm nicht um Geld, er wolle sich schützen

Akono stammt von der Elfenbeinküste, kam nach eigenen Angaben vor 17 Jahren in die Schweiz und wohnt heute in Genf. Zur Zeit des Vorfalls arbeitete er temporär bei einem Unternehmen in der Region. Er wolle den Garagisten nicht in Schwierigkeiten bringen, wiederholte der 51-Jährige mehrmals in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven. Es gehe ihm bei diesem Prozess auch nicht um das Geld, sondern darum, sich zu schützen.

Die Behörden müssten wissen, erklärte der Kläger, dass er keine Kenntnis davon habe, wo sich das Fahrzeug befinde, dass er nicht für dieses verantwortlich sei. Denn komme es zu einem Zwischenfall, bei dem das Auto involviert sei, dann falle es auf ihn als letzten Besitzer zurück.

Es sei ihm wichtig, die Wahrheit mitzuteilen, führte er mit eher leiser Stimme auf Französisch aus. Als Entschädigung für seine Umtriebe verlangte er den «symbolischen» Betrag von 3000 Franken. Belege – ob eine Quittung für den Kauf des Autos oder eine Bestätigung für den Reparaturauftrag – konnte er aber keine vorlegen.

Gekauft habe er das Auto sechs bis sieben Monate zuvor für 1800 bis 2000 Franken, liess der Kläger übersetzen. Er habe das Fahrzeug persönlich in der Werkstatt vorbeigebracht, den Schlüssel übergeben und seine Telefonnummer angegeben, hielt Akono fest.

Gesprochen hätten sie darüber, die Beule vorne zu entfernen, die Farbe zu ersetzen und auch die Winterräder zu montieren. Weil er sein Kontrollschild wegen finanziellen Probleme abgegeben hatte, sei das Auto mit einer Garagen-Nummer versehen gewesen. Der Werkstattbetreiber seinerseits habe ihm eine Kopie des Fahrzeugausweises gemacht und eine Visitenkarte gegeben. Den Wagen habe er aus rein monetären Gründen nicht früher abholen können.

«Heutzutage gibt es nichts, was es nicht gibt»

Werkstattbetreiber Daniel bestritt nicht, dass der Kläger zweimal bei ihm vorbeigekommen war, um eine Auskunft und einen Kostenvoranschlag einzuholen. Aber: «Das Auto war nie bei mir zur Reparatur», stellte er fest.

Wie es zu diesem Vorwurf komme, wollte Einzelrichterin Kerkhoven wissen. «Das frage ich mich auch», antwortete Daniel. «Heutzutage gibt es nichts, was es nicht gibt.»Ohne Fahrzeugausweis, schilderte er mit ruhigen, klaren Worten, könne er das Auto weder verkaufen noch entsorgen.

Durchschnittlich, schätzte er, befinden sich 10 bis maximal 15 Fahrzeuge auf seinem Firmenareal. Das Auto des Klägers wäre – hätte es tatsächlich über mehrere Monate dort gestanden – auch seinem Lehrling aufgefallen. Dieser war ebenfalls im Gerichtssaal als Zeuge anwesend und bestätigte diese Aussage. Er könne sich nicht daran erinnern, den Geschädigten oder das Auto je gesehen zu haben.

Der Verteidiger äusserte Zweifel an den Aussagen des Klägers. Diese seien widersprüchlich, auch liege nichts Schriftliches vor. Kurz: Selbst bei den Basisangaben betreffend Kauf oder Wert des Fahrzeugs herrsche keine Klarheit. Sein Mandant dagegen könne glaubhaft aufzeigen, wie bei einer Reparatur vorgegangen werde.

Gerichtspräsidentin Kerkhoven sprach bei der Urteilsverkündung denn auch von einer klassischen Aussage-gegen-Aussage-Situation. Die Ausführungen des Klägers, stellte sie fest, seien allgemein gehalten, beim Nachfragen seien die Antworten abweichend gewesen, die Angaben nicht klar und teilweise nicht identisch. «Das hat uns irritiert.» Der Beschuldigte wurde von Schuld und Strafe freigesprochen, die Verfahrenskosten gehen zulasten der Staatskasse.

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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