Brugg

Ehepaar vor Gericht: «Mein Mann hat mich kaputtgemacht»

Dem 28-jährigen Ejup (Name geändert) wurden mehrfache Drohung, mehrfache einfache Körperverletzung und Tätlichkeiten zur Last gelegt.  Symbolbild

Dem 28-jährigen Ejup (Name geändert) wurden mehrfache Drohung, mehrfache einfache Körperverletzung und Tätlichkeiten zur Last gelegt. Symbolbild

Es stand Aussage gegen Aussage: Der Ehemann wurde teilweise schuldig gesprochen.

Gleich zu Beginn des Prozesses machte die Privatklägerin Dashurije (Name geändert) deutlich, wie sehr sie die Vergangenheit belastet. «Mein Mann hat mich kaputtgemacht», erzählte die 25-jährige Kosovarin mit brüchiger Stimme. Am Bezirksgericht Brugg kam es zur Verhandlung zwischen dem Ehepaar aus dem Bezirk Brugg. Als Einzelrichterin amtete die Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven.

Dem 28-jährigen Ejup (Name geändert) wurden mehrfache Drohung, mehrfache einfache Körperverletzung und Tätlichkeiten zur Last gelegt. 2013 soll er seine Frau bei einem Streit auf das Bett gestossen und mit einem Kabel mehrfach auf ihr Schienbein eingeschlagen haben. Ein Jahr später soll er ihr während eines Streits ein Kissen auf das Gesicht gedrückt und anschliessend gedroht haben, sie umzubringen, falls sie mit jemandem über den Vorfall spreche. Im August 2015 soll er diese Drohung wiederholt und seine Ehefrau an den Haaren zur Tür gezogen und aus der Wohnung geschmissen haben. Daraufhin lief diese zu Fuss nach Brugg und erstattete Anzeige bei der Polizei.

Dashurije, hochgewachsen, schlank und elegant gekleidet, beschrieb alles ausführlich. Die damaligen Lebensumstände schilderte sie als «sehr belastend». Nach ihrer Ankunft in der Schweiz im Jahr 2012 lebte sie mit ihrem Ehemann, dessen Eltern und Bruder unter einem Dach. Ejup habe ihr das Handy abgenommen und es ihr nur ausgehändigt, wenn sie ausser Haus gegangen sei, um sie kontrollieren zu können, sagte sie. Der Schwiegermutter habe sie nichts recht machen können. Sie habe den ganzen Haushalt alleine geschmissen und von der Familie keinerlei Unterstützung erhalten.

Ejup widersprach den Aussagen der Klägerin. «Wir haben sie immer unterstützt», beteuerte er mit ruhiger, leiser Stimme. Der junge Mann trug ein hellblaues Hemd, Jeans und schwarze Turnschuhe, die kurzen Haare waren mit Gel in Form gebracht. Drohungen und Tätlichkeiten gegen seine Frau habe es nie gegeben. Das Handy habe er ihr ein einziges Mal weggenommen, weil er wegen ihrer Telefoniererei nicht habe schlafen können. Am nächsten Morgen sei es deswegen zu einem hitzigen Wortwechsel gekommen, bei dem Dashurije wutentbrannt aus der Wohnung gestürmt sei.

Ejup warf ihr vor, immer wieder mit anderen Männern telefoniert zu haben. Irgendwann habe es ihm gereicht und auch die Liebe sei weggewesen. Deshalb habe er sich scheiden lassen wollen, erzählte der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln. Er vermutete hinter Dashurijes Klage den Versuch, den Schweizer Pass zu erhalten und ihre Ehre zu retten. Sie brauche einen Grund, um die Trennung zu erklären.

Der Staatsanwalt, der an der Verhandlung nicht teilnahm, beantragte eine Busse von 1500 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen, mit einer Probezeit von zwei Jahren.

Im Zweifel für den Angeklagten

Dashurijes Anwalt hob die Glaubwürdigkeit seiner Mandantin hervor. Die Opfer seien in solchen Situationen in einer Ausnahmesituation, deswegen könnten sie bei ihren Aussagen schon mal etwas verwechseln. Trotzdem seien die Schilderungen seiner Mandantin konstant. Weiter verwies er auf das psychiatrische Gutachten, in dem eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt wurde, und auf die übereinstimmenden Aussagen der Zeugen. Bezüglich der Schweizer Staatsbürgerschaft laufe zurzeit kein entsprechendes Einbürgerungsverfahren. Er forderte eine Genugtuungssumme von 3000 Franken sowie die Erstattung der Anwaltskosten und der Kosten für das psychiatrische Gutachten.

In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – argumentierte Ejups Verteidigung und plädierte auf Freispruch. Sie verwies auf Unstimmigkeiten in den Aussagen und dem Verhalten der Klägerin. Und zweifelte die Aussagen der Zeugen an, von denen keiner den Vorfall gesehen hatte und einige in einem engen verwandtschaftlichen Verhältnis zur Klägerin stehen. Dieser ginge es bei dem Prozess einfach um die Ehre und den Schweizer Pass. Durch die Scheidung drohe sie die Aufenthaltsbewilligung zu verlieren und versuche, sich jetzt abzusichern. Auffällig sei, dass die Klägerin nach der Trennung versucht habe, mit Ejup Kontakt aufzunehmen. So habe sie ihm ihre Adresse genannt und ihn aufgefordert, vorbeizukommen, und ihm aufreizende Fotos geschickt. Ein entsprechender Screenshot wurde der Richterin übergeben.

Diese sprach Ejup im schriftlichen Urteil mangels Beweisen der mehrfachen Drohung und mehrfachen einfachen Körperverletzung frei. Im Anklagepunkt Tätlichkeiten wurde Ejup schuldig gesprochen. Das Gericht bezweifelte, dass die Klägerin, nur weil der Beschuldigte ihr das Handy nicht ausgehändigt hatte, das Haus freiwillig und ohne Handtasche und Portemonnaie verliess. Ein weiteres Indiz, dass sich die Klägerin damals in einer psychischen Ausnahmesituation befunden hatte, war für das Gericht die Tatsache, dass sie zu Fuss mehrere Kilometer nach Brugg gelaufen war. Zudem wies Gabriele Kerkhoven auf die stets konstanten Schilderungen dieses Vorfalls durch die Klägerin hin. Dem Angeklagten wurde ein Teil der Verfahrenskosten und der Anwaltskosten der Klägerin auferlegt.

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