Am Anfang dieser Geschichte von Bojan ist der Cannabis. Am Ende der mühselige Weg aus den Drogen. Dazwischen: eine Scheidung, Heroin, Kokain, Obdachlosigkeit, Schmerz und Depressionen.

Wir treffen Bojan im Betreuten Wohnen in Windisch. Seit März wird er von dieser Institution begleitet auf seinem Weg zurück ins selbstständige Leben. Zuerst war er in Brugg, kürzlich ist er in Windisch in eine der frisch renovierten Wohnungen in der Liegenschaft an der Klosterzelgstrasse 21 gezogen, die er sich mit einem Mitbewohner teilt. Bojan drückt sich gewählt aus, reflektiert. Seine Geschichte erzählt er nicht zum ersten Mal. Denn sein Weg aus der Sucht begann schon vor längerer Zeit. Der Weg in die Sucht aber, den schlug er bereits in seinen Teenagerjahren ein.

Der heute 40-Jährige stammt aus einem Land des früheren Jugoslawiens. Mit seinen Eltern flüchtet er als Kind in den Kanton Zürich. Der Vater kauft eine Metzgerei, bringt diese zum Laufen. Er zwingt seinen Sohn dazu, eine Lehre in diesem Betrieb zu machen, obwohl dieser eigentlich viel lieber studieren würde. Denn die Familie hat einige Akademiker hervorgebracht, das gefällt Bojan. Doch er beugt sich dem Wunsch seines Vaters, auch, weil er einsieht, dass sein Deutsch für eine weiterführende Schule und ein Studium nicht reicht.

Bojan genügt seinen Eltern nicht

Die Lehrzeit ist schlimm für den jungen Bojan. Der Job gefällt ihm nicht, das Elternhaus ist streng religiös, und nach der Arbeit muss er auch noch helfen, das marode Einfamilienhaus zu renovieren. «Während der ganzen Lehrzeit habe ich nachts zusammengerollt wie ein Embryo geschlafen», erinnert sich Bojan. Das Schlimmste: Egal, was Bojan macht, es ist nicht recht. Die Eltern geben ihm das Gefühl, nicht zu genügen. «Das Elternhaus war ein Käfig», sagt er.
Bojan beginnt mit dem Kiffen, zuerst nur gelegentlich mit Kollegen, dann häufiger. «Ich habe es gebraucht», sagt er nur. Nach der Lehre heiratet der junge Mann bald, tritt der lokalen Feuerwehr bei, ist im Atemschutztrupp dabei. Die Ehe hält nicht lange, die Scheidung wird vollzogen, als Bojan Mitte 20 ist. «Eine Katastrophe war das», mehr will er dazu nicht sagen.
Er zieht zuerst zu seinen Eltern, deren Hilfe er in dieser schweren Zeit eigentlich gebraucht hätte. Nach kurzer Zeit aber gibt es schon wieder Streit, Bojan muss draussen schlafen. Er entschliesst sich für ein neues Leben, tritt der Armee seines Heimatlands bei. Nicht ganz zwei Jahre dient er als Soldat. Die Zeit in der Natur tut ihm gut, der Fokus auf die Einsätze ebenfalls.

Doch er vermisst die Schweiz, ist hin- und hergerissen zwischen dem Balkan und der Schweiz, wobei er sich nirgends so richtig zu Hause fühlt. «In der Schweiz bin ich der Jugo, auf dem Balkan der Schweizer», sagt er. «Ausländer bin ich an beiden Orten.»

Kalter Entzug in den Ferien

Er entscheidet sich, in die Schweiz zurückzukehren, kann aber nie richtig Fuss fassen. Einen Job hat er zwar, aber nicht immer ein Dach über dem Kopf. Auf der Strasse gerät er an die falschen Leute. Er konsumiert zum ersten Mal Koks und Heroin. «Es war sowieso alles sinnlos. Ich stand auf der Strasse, hatte kein Leben mehr», sagt er. «Ich hatte Eltern mit einem eigenen Haus, ich aber war auf der Strasse.» Bojan betäubt seinen emotionalen Schmerz mit Drogen.

Er weiss, dass Heroin rasch abhängig macht. Er redet sich ein, dass ihm das nicht passiert. Doch es passiert trotzdem. Denn wenn der Körper nicht mehr das bekommt, wonach er verlangt, beginnt er zu reagieren. Schmerzen. Schweissausbrüche. Das quält Bojan. Doch er gibt seinem Körper das, was er verlangt. Bojan ist abhängig. Dennoch gelingt es ihm nach eigenen Angaben über Jahre, Drogen zu konsumieren und zu arbeiten, ohne dass jemand davon Wind bekommt.

In den Ferien verordnet sich Bojan jeweils selber einen kalten Entzug. «Ich verbrachte dann die ganze Zeit im Bett.» Er weiss, dass er ein Problem hat, kennt aber die Möglichkeiten nicht, sich von seiner Sucht zu befreien. Bis er eine Frau kennen lernt, die ihm hilft. Sie machen gemeinsam eine Therapie und rutschen gemeinsam wieder in die Drogen. Es gibt Probleme mit der Polizei, Bojan hat Strafverfahren am Hals. «Das war schlimm», sagt Bojan. Irgendwann merken die Eltern, wie schlimm es um ihren Sohn steht, und bieten ihm ihre Hilfe an. Darauf steigt Bojan nicht ein. «In diese Falle wollte ich nicht noch einmal tappen», sagt er.

Die Zukunft planen

Er beginnt eine Therapie, hat Rückfälle, fliegt aus dem Programm, findet keine Anschlusslösung. Bojan wird manisch-depressiv. Endlich bekommt er einen anderen Therapieplatz. Er erhält Medikamente gegen die Depression. Doch diese wirken nicht wie gewünscht. Vor zwei Monaten hatte Bojan einen erneuten Rückfall. Seither geht es bergauf. In der Psychiatrischen Klinik in Königsfelden wird er nun mit anderen Antidepressiva behandelt. Bojan fühlt sich besser, Auf und Abs kennt er aber noch immer.

In der Wohnung im Betreuten Wohnen fühlt er sich mittlerweile auch nicht mehr ganz so einsam wie zu Beginn. In den Ausgang geht er nicht – aus Angst vor einem Rückfall und weil das wenige Geld sowieso nicht weit reicht. Im Moment wird Bojan intern beschäftigt. Er kümmert sich um die Gartenarbeit, putzt und räumt auf. In seiner Freizeit fokussiert er sich auf sein Hobby, das Schreiben. Ziel ist es, dass er in einigen Monaten den Austritt aus dem Betreuten Wohnen angehen und sich wieder ein eigenes Leben aufbauen kann.

Inzwischen kann sich Bojan wieder eine Zukunft ausmalen. Er möchte irgendwann eine eigene Imbissbude betreiben. Sein eigener Chef sein. Jugendlichen, die mit ähnlichen Problemen kämpfen wie er damals, rät er, jemandem davon zu erzählen. «Es ist wichtig, darüber zu sprechen», sagt er. «Und heute sind die Möglichkeiten auch viel grösser.»

* Name der Redaktion bekannt. Der Text ist so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf die Person gemacht werden können.