Region Brugg

Düstere Prognosen für die kleinen Reisebüros: Umsatzeinbussen bis zu 95 Prozent

Peter Knecht rechnet mit schweren Einbussen.

Peter Knecht rechnet mit schweren Einbussen.

Eine Umfrage bei Unternehmen in der Region Brugg zeigt, dass dieses Jahr Umsatzeinbussen von bis zu 95 Prozent drohen. Die kleinen Reisebüros kämpfen ums Überleben.

Die Coronakrise hat viele Unternehmen schwer getroffen. Besonders stark leidet die Tourismusbranche an den Folgen der Quarantänevorschriften und Reisebeschränkungen, die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) verhängt wurden. Auch im Bezirk Brugg ist die Situation der Reisebüros und -veranstalter angespannt. Alle Mitarbeiter der Reiseunternehmen, die sich für eine Stellungnahme bereiterklärt haben, sind zurzeit in Kurzarbeit oder mussten sogar im Pensum kürzertreten. Dazu gehören die beiden Reisebüros Island Tours AG (Brugg) und Acapa AG/Acapa Tours GmbH (Schinznach-Dorf), aber auch die Brugger Filiale von TUI Suisse und der Reiseveranstalter Columbus Tours AG (Brugg).

Gebuchte Reisen müssen laufend abgesagt oder umgebucht werden, wie von allen obengenannten Reiseanbietern erklärt wird. Was bleibt, sind haufenweise Rückerstattungsforderungen, Umbuchungsanfragen und Arbeitsstunden der Angestellten, die die Flut an bürokratischer Arbeit bewältigen.

Kleine Reiseunternehmen in kritischer Lage

Besonders prekär gestaltet sich die Situation kleinerer Reiseunternehmen, die weniger finanzielle Sicherheit haben als grosse Touristikkonzerne. Dies zeigte sich auch im Fall des Kleinunternehmens Christina Gloor Reisen in Brugg, das nach 15 Jahren Betrieb aufgrund der Coronakrise Anfang August schliessen musste. Schicksale wie das von Christina Gloor sind keine Einzelfälle.

Die Umsatzeinbussen in der Reisebranche sind überwältigend, kleinere Reisebüros ohne finanzielles Polster haben praktisch keine Chance, eine Krise wie die diesjährige zu überstehen. Walter Kunz, Präsident des Schweizer Reiseverbands, prognostiziert düstere Zeiten: Man gehe davon aus, dass jedes zweite Reisebüro per Ende Jahr schliessen müsse, wenn vom Bund keine Rettung komme. Die grösste Schwierigkeit besteht momentan in der BAG-Liste der Risikoländer und -regionen mit Einreisebeschränkungen, die ständig aktualisiert wird. Die BAG-Liste fördert die grosse Unsicherheit, die sich unter der verbliebenen Kundschaft breitgemacht hat. Die ständigen Wechsel der Länder auf der Liste führen dazu, dass es keinerlei Planungssicherheit gibt. Die Arbeit der Reisebüros ist unter diesen Umständen nur schwer zu stemmen, sowohl bei Kleinunternehmen als auch bei grösseren Konzernen.

Das Buchungsverhalten der Kunden hat sich dementsprechend ebenfalls stark verändert, die meisten Reisen werden nur noch sehr kurzfristig gebucht, im Durchschnitt etwa eine Woche vor Reiseantritt, wie die Pressestelle vom Grosskonzern TUI verlauten lässt. Dass das Grossunternehmen ausgerechnet in diesen Zeiten einen neuen Standort in Brugg eröffnet, sorgt für Verwunderung. «Mit der Coronakrise und den damit verbundenen Stellenkürzungen an anderen Standorten hat die Neueröffnung nichts zu tun, sondern ist Teil eines schweizweiten Modernisierungsprozesses innerhalb des Konzerns», lautet die Erklärung. Dazu ­wurde der Standort Brugg von der Bahnhofsstrasse an eine prominentere Lage am Neumarktplatz1 verschoben. Der neue Glanz des TUI-Standorts in Brugg steht in einem starken Kontrast zu den anderen Vertretern der Reisebranche.

Umsatzeinbussen in schwindelerregender Höhe

Die Kleinunternehmen leiden unter dem Wegbleiben buchungsfreudiger Kunden. Die wenigen, die das Risiko einer allfälligen Quarantäne auf sich nehmen, bilden nur einen winzigen Tropfen auf den heissen Stein. Die Umsatzeinbussen belaufen sich bei den angefragten Unternehmen auf 70–95%, die Prognosen bis Ende Jahr bewegen sich im gleichen Rahmen.

Mit den stark steigenden Fallzahlen ist die Aussicht auf das Weihnachtsgeschäft fatal. «Die Monate November und Dezember gehören für unser Unternehmen zu den wichtigsten des Jahres, wir generieren in dieser Zeit doch beinahe 40 Prozent des Jahresumsatzes», sagt Peter Knecht vom Reiseveranstalter Columbus Tours. Er verstehe nicht, woher die verbreitete Meinung komme, dass die Menschen nun wieder vermehrt reisen würden. «Die Branche ist am Boden. Ich sehe momentan keinen Grund für diese Art von Optimismus.»

Dass die Krise wegen der Risikoländerliste des BAG praktisch nicht zu meistern sei, darin sind sich die Kleinunternehmer alle einig. Mit einer leichten Erholung der Auftragslage wird in der Branche frühestens im Frühling 2021 gerechnet. Dies jedoch nur, wenn sich die Situation in den nächsten Wochen ein wenig beruhigt und die Einreisebestimmungen gelockert werden.

Die Aussichten auf die Zeit nach der Coronakrise sind zwar durchaus positiv, der Weg dahin scheint momentan jedoch praktisch unüberwindbar, je länger die Krise noch andauert. Dennoch: «Das Reisen ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Sobald ein Impfstoff gefunden wird, kann sich die Branche irgendwann erholen», lässt Sandra Röthenmund von Island Tours verlauten. Bis es so weit ist, wird die Touristikbranche aber weiterhin von Stornierungsarbeiten und einer generellen Unsicherheit geprägt sein.

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