«Das Thema Verdingkinder und Heimkinder ist von allgemeiner Aktualität», stellt Max Baumann zu seinem Buch «Versorgt im Thurhof» fest. «Ich habe daher gefunden, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist, dieses Buch zu publizieren.»

In diesem Werk, das als Band 41 der Reihe «St. Galler Kultur und Geschichte» erschienen ist, beleuchtet Max Baumann das Alltagsleben und den Führungsstil des Heimleiters des Thurhofs im Zeitraum der Zwanziger- und Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts.

Dabei stützt er sich vor allem auf Aufzeichnungen von Jakob Hutter (1912 bis 1996). Hutter hatte in dieser Zeit als junger Lehrer im Heim Thurhof im sankt-gallischen Oberbüren gewirkt, das 1870 als «Rettungsanstalt für verwahrloste Knaben» gegründet worden war.

«Jakob Hutter war später mein Primarlehrer», erklärt Max Baumann zum Entstehen des Buchs. «Wir standen bis zu seinem Tod in Kontakt. 1977 habe ich ihm meine Dissertation – ‹Stilli. Von Fährleuten, Schiffern und Fischern im Aargau› – zugestellt. Dabei verriet er mir, dass er auch schon daran gedacht habe, zu schreiben. Nachdem ich ihn dazu ermuntert hatte, verfasste er mehrere handschriftliche Texte, die er selber zu kleinen Büchern band. Das Buch über seine Erlebnisse im Thurhof war das eindrücklichste. Ich fand, dass es unbedingt veröffentlicht werden müsste. Ich habe aber zusätzliche Quellen beigezogen, so aus dem Staatsarchiv St. Gallen, aus dem Archiv des Administrationsrats sowie aus dem bischöflichen Archiv. Dabei habe ich festgestellt, dass sich vieles von Hutters Schilderungen mit den Angaben in diesen Quellen deckt. Ich habe sogar die Briefe der Aufsichtskommission mit all den Rügen an den Heimleiter gefunden.»

Beklemmende Bilder

Jakob Hutter, stellte in seinen Aufzeichnungen fest: «Die Thurhof-Erinnerungen drücken mich immer noch. Ich träume auch jetzt noch drei- oder viermal im Jahr vom Thurhof. Gemeines Merkmal dieser Träume: Der Vorsteher misshandelt die Buben, und ich setze mich zu wenig für sie ein.» Das Buch vermittelt denn auch ein eindrückliches, stellenweise beklemmendes Bild des Heimalltags, der geprägt war durch Arbeit auf dem angegliederten Landwirtschaftsbetrieb, vor allem aber von den sadistischen Methoden, mit denen der Heimvorsteher – der selber «Heimvater» genannt werden wollte – die sogenannt schwererziehbaren Buben auf den «richtigen Weg» bringen wollte.

Selbst die Tatsache, dass sein «Meldesystem», bei dem die Knaben ihre «Missetaten» in einer Art öffentlicher Selbstkritik vortragen mussten, bei der Schweizerischen Vereinigung für Schwererziehbare auf Kritik gestossen war, brachte keine Besserung. Das Meldesystem und die damit einhergehenden Strafen – vom Essenentzug bis zur Prügelstrafe – wurden weiterhin angewendet. Sehr zum Missfallen Jakob Hutters, der von einem Fall berichtet, bei dem er sich dem grundlos prügelnden «Heimvater» in den Weg gestellt hatte.

Zustände, wie sie damals im Thurhof – und nicht nur dort – herrschten, seien jahrelang unter den Tisch gewischt worden, sagt Max Baumann. «Jetzt hat sich die öffentliche Einstellung zu solchen Missständen geändert.» Das kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass ihm bei seinen Recherchen ungehindert Zugang zu Archiven gewährt wurde.

«Bücher zu diesem Thema sind oft Berichte Ehemaliger, in denen ihre Erlebnisse Niederschlag finden, oder aber Bücher von Fachleuten», sagt Max Baumann. «Leider gibt es keine Thurhof-Zöglinge aus der damaligen Zeit mehr. Das Spezielle an meinem Buch ist, dass die Optik eines Erziehers und Lehrers sehr stark zur Geltung kommt.» Er stellt aber auch fest: «Keines meiner Bücher hat mich so belastet wie dieses.»

Max Baumann, Versorgt im Thurhof, Zürich 2017, ISBN 978-3-0340-1393-2