Es gibt ja etwas, das haben alle Chefs: zu wenig Zeit. Für Pierin Vincenz, CEO der Raiffeisen-Gruppe, wird sich das bald ändern: Ende Monat tritt er ab und etwas kürzer – was bei Wirbelwind Vincenz heisst, dass er Verwaltungsratspräsident der Helvetia-Versicherung wird.

Am Dienstag hatte er einen seiner letzten öffentlichen Auftritte als Bankenchef. Der Anlass: «Raiffeisen KMU-Impuls 2015». Erstmals durchgeführt wurde er 2014 in Luzern. Heuer nahmen 200 Unternehmer aus der ganzen Deutschschweiz im Campussaal in Brugg-Windisch Platz und sich bewusst drei Stunden von der wenigen Zeit, um «einen Moment innezuhalten und die Chancen des Wandels zu sehen», wie es in der Begrüssung hiess.

Pierin Vincenz in Höchstform

Das Thema des Abends: Transformation. Dabei sollte es nicht um Evergreens wie Rahmenbedingungen oder Frankenstärke gehen, wie Moderatorin Beatrice Müller betonte: «Natürlich könnten wir auch miteinander lamentieren, aber das bringt uns nicht weiter.» Niemand solle, so Müller zu den Unternehmern, «mit einem Kopf voller Sorgen nach Hause gehen, sondern mit einem voller Ideen».

Als erster Ideengeber trat Pierin Vincenz auf die Bühne, zog seinen Hemdsärmel nach hinten und zeigte seine Apple-Watch am Handgelenk: «Auch im Alter muss man sich transformieren – okay: sich mindestens beweisen, dass man noch dazugehört.» Auf diesen ersten Lacher folgten viele weitere.

Vincenz zeigte sich in Höchstform, wie eine Schauspiellegende in ihrem letzten Film. Er machte aber auch ernste Bemerkungen zu Transformationen, die ihm wirklich Sorgen bereiten.

Für die grösste aller Transformationen sorgten derzeit die USA: «Die erste globale Währung heisst Information. Während wir Griechenland retten wollen, sammeln die USA alle Daten, die sie finden.

Das geht völlig an uns vorbei.» Transformation bedeute, dass Neues entstehe und Ausgedientes verschwinde. «Wir Banken aber sind in einer Branche, in der alles gerettet wird und nichts mehr verschwindet, das hat nicht mehr viel mit Marktwirtschaft zu tun», gab Vincenz zu bedenken.

Den KMU-Chefs riet er, zu zwei Konstanten Sorge zu tragen: Sympathie und Kompetenz. «Sie brauchen beides, um erfolgreich zu sein.» Raiffeisen habe etwa nie ein Sympathieproblem gehabt, sondern den Leuten beibringen müssen, dass man auch kompetent sei. Gleiches könne man – hier im Aargau dürfe man das ja sagen – bei Bündnern und Zürchern beobachten: «Der Bündner ist wahnsinnig sympathisch, der Zürcher dafür unglaublich kompetent.»

Die Wilden von Weggis

Mit einer unglaublichen Geschichte beeindruckte Adrian Steiner, CEO der Thermoplan AG aus Weggis. Dem Familienunternehmen gelang es, 1998 die hier damals unbekannte Kaffeehauskette Starbucks zu überzeugen.

Heute sind sämtliche Filialen weltweit mit Luzerner Kaffeemaschinen ausgerüstet. Obschon es zuerst nicht gut ausgesehen hatte: Nach einwöchigen Vertragsverhandlungen platzte der Deal plötzlich. «Wir gingen in eine Bar, tranken drei, vier Bier, zündeten den Vertrag an und schickten die Asche in die USA», erzählte Steiner den faszinierten KMU-Kollegen.

Darauf folgte eine Einladung nach Seattle, man flog hin, konnte sich dem Starbucks-CEO persönlich erklären und der meinte: «Ok, we like to partner.» Nach der Landung in Zürich bemerkte Steiner, dass das Geld für die bestellten 168 Maschinen bereits überwiesen worden war. Sein Fazit: «Transformation bedeutet auch, sich mutig auf etwas Ungewisses einzulassen und seinen Stärken zu vertrauen.»

Gleicher Meinung ist Patrick Warnking, CEO von Google Schweiz. Gerade in der digitalen Transformation sei es wichtig, sich zu trauen, und nicht aufzugeben, wenn etwas nicht funktioniere. Nur: Die Sicherheit dürfe man dabei nicht vergessen, Unternehmen müssten Daten möglichst sicher abspeichern – und künftig vor allem Transparenz schaffen, was gespeichert wird.

«Darum herum führt kein Weg», auch Google müsse sich dem stellen. Und apropos Zeit: Ob man denn noch Zeit habe, mit der digitalen Transformation zu beginnen, fragte ein Unternehmer aus dem Publikum. Die Antwort des Google-Chefs: «Zeit anzufangen, haben Sie keine mehr, aber Zeit, fertig zu werden, schon.» Sofern der Chef dafür nicht zu wenig Zeit hat, versteht sich.