Was wäre, wenn 2013 kein Stadtfest in Brugg stattgefunden hätte? Dann gäbe es das Projekt «Gemeinsam anders – Leben mit Autismus» vermutlich nicht. Auf die grösste Veranstaltungsreihe, die es in der Schweiz zu diesem Thema gibt, darf Brugg stolz sein.

Die Initiative geht auf Irene Simmen vom Dampfschiff zurück. «Die Kulturhäuser Odeon, Salzhaus und Dampfschiff haben sich letztes Jahr oft zu Stadtfest-Sitzungen getroffen und da wurde Autismus plötzlich zu einem Thema.»

Weshalb? Irene Simmen betont, dass selbst heute noch zu wenig über die Autismus-Spektrum-Störung in der Öffentlichkeit bekannt sei. «Vielen Betroffenen sieht man eine Störung nicht an.»

Wie finden sie sich in der Gesellschaft zurecht? Wie geht diese mit ihnen um? Fragen, die Irene Simmen umtreiben und die sie auch im berührenden Mundart-Song «Chrieg
i dim Chopf» erkennt.

Der Bruder ist heute «extrem cool»

Die Berner Rapperin Steff La Cheffe hat dieses Lied ihrem zwei Jahre jüngeren, autistischen Bruder Mischa gewidmet. «Ich bin mit ihm aufgewachsen», erzählte die 27-Jährige in einem Zeitungsinterview. «Im Alter von zwei Jahren wurde bei Mischa Autismus diagnostiziert.

Damals war das für mich schwierig zu verstehen, weil er mehr Aufmerksamkeit brauchte. Ich erinnere mich daran, wie er mit dem Hammer alle Spielsachen kaputt schlug, darunter auch meine. Ich fand das natürlich ungerecht.»

Heute findet Steff La Cheffe ihren Bruder «extrem cool». Für Irene Simmen war es jedenfalls naheliegend, die Bernerin nach Brugg zu holen – und das Konzert im Salzhaus einzubetten in eine geballte Ladung von Veranstaltungen, die mit hochkarätigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufwartet.

Zusammenarbeit mit Odeon und Salzhaus

Für Irene Simmen stand zudem von Beginn an fest, dass die Partner Odeon und Salzhaus unbedingt mit von Partie sein mussten.

Stephan Filati vom Odeon war bald klar, dass er einen Dokumentarfilm zeigen wollte, der 2012 Preisträger am Festival von Nyon war, «aber leider nie in die Schweizer Kinos gekommen ist». Das eigentliche Filetstück der gesamten Veranstaltungsreihe ist das Podiumsgespräch im Anschluss an den Film (siehe Box). Irene Simmen ist glücklich, dass mit Bernard Senn ein Moderator gewonnen werden konnte, der oft Autismus-Fachtagungen moderiert.

Mit Senn diskutieren der Regisseur von «Matthew’s Laws», Marc Schmidt; Axel Brauns, autistischer Autor und Filmemacher; Monika Michel, Mutter eines betroffenen Jugendlichen; Roman Grüter, katholischer Seelsorger und Heiler sowie Alessia Schinardi, Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Psychiaterin mit Schwerpunkt Autismus-Spektrum-Störung.

Irene Simmen und Stephan Filati sind gespannt, wie «Gemeinsam anders» ankommen wird. Beide freut übrigens der Titel, der nicht nur auf den Autismus, sondern auch auf die Kulturhäuser Odeon, Dampfschiff und Salzhaus anspielt. «Wir alle sind anders, aber wir führen diese Anlässe gemeinsam durch», sagt Irene Simmen und blickt die Besucherin fragend an: «Wissen Sie, dass Blau die Farbe des Autismus ist?» Nein. Sie wird sich diese Aussage aber am 2. April, dem Welt-Autismustag, in Erinnerung rufen.