Sie kommt aus Gränichen, er aus Neuenegg BE. Zusammen führten Yvonne und Hans Schmied das Hotel St. Christoph in Emmenbrücke. Zehn Jahre lang. Er war ein umtriebiger Hotelier, ein Gastgeber mit Leib und Seele. Auch in der Gemeinde war Hans Schmied aktiv, für die FDP sass er neun Jahre im Einwohnerrat. Im Militär hatte er einen Führungsposten mit 120 Leuten unter sich. Das war vorher. Vor dem 1. Juli 2003, jenem Tag, der sein Leben auf den Kopf stellte.

Hans Schmied (57) sitzt in einem Reinacher Café. Den Blick aus dem Fenster auf die Strasse gerichtet. Er ist gekommen, um zu reden. Nicht über den Unfall. Das fällt ihm auch nach 14 Jahren noch schwer. Nein, reden will er über das Danach. Über die Folgen: eine Erkrankung, die einem keiner ansieht und das Leben dennoch massiv beeinträchtigt. «Posttraumatische Belastungsstörung», sagt die Wissenschaft dazu. Was das bedeutet, können Aussenstehende höchstens erahnen. Betroffene aber werden häufig stigmatisiert, abgestempelt, gar als Nichtsnutze oder Schmarotzer abgetan. Dabei kann es jedem passieren. Jede Minute. Unverhofft.

Es geschah auf der Autobahn von Luzern Richtung Bern im Eichtunnel. Hans Schmied war auf dem Weg an die Hotelfachschule. Sein letzter Tag. Bald sollte er das Diplom im Sack haben. Er befand sich auf der Überholspur, als die Autos vor ihm plötzlich bremsten. Schmied hält in seiner Erzählung inne, kämpft gegen die Tränen, fasst sich und fährt fort: «Der Sattelschlepper vor mir geriet ins Schleudern, der Aufleger hat sich quer gestellt und mich seitlich gerammt.» Der nachfolgende Lastwagen konnte auch nicht mehr anhalten. Es krachte wieder. Zwei Schläge in den Nacken. Das ist das, was er unmittelbar spürte. Noch heute kann er den Treibstoffgeruch riechen, der ihm nach dem Aufprall in die Nase stieg. Noch immer sieht er den Lastwagenfahrer mit brennender Zigarette aussteigen. «In dem Moment ist bei mir etwas durchgebrannt. Ich habe nur noch geschrien.»

Eine Klinik-Odyssee

Schleudertrauma. Das die nüchterne Diagnose im Spital. Hans Schmied will heim. Ihm fehlt ja nichts. Die Ärzte lassen ihn gehen. Erst später wird klar, ihm fehlt viel mehr. Das Handgelenk gebrochen, Tinnitus auf beiden Ohren. Es folgen Panikattacken, Depressionen. Hans Schmied zieht sich immer mehr zurück. Sein Leben findet zwischen Bett, wo er sich die Decke über den Kopf zieht, und Wohnzimmer statt.

Ausschnitte aus dem Kinoflm "gleich und anders" von Jürg Neuenschwander und Therese Stutz Steiger

Ausschnitte aus dem Kinoflm "gleich und anders" von Jürg Neuenschwander und Therese Stutz Steiger

Elf Psychiatrieaufenthalte folgen, immer wieder ist Hans Schmied in der Klinik. Bis zu jener Behandlung, die für ihn zum Schlüsselerlebnis werden sollte. Er bekommt einen «Peer», einen Psychiatriemitarbeiter, der selber ähnliches erlebt hat. «Ich konnte auf einmal mit jemandem psychisch auf Augenhöhe reden.» Hans Schmied fühlte sich aufgehoben und verstanden. Er beschliesst, selber «Peer» zu werden.

Inzwischen hat er die Ausbildung an der Psychiatrischen Klinik Königsfelden in Windisch abgeschlossen. Seither gehts obsi. In seinem Leben aber ist nichts mehr, wie es einmal war. «Ich kann nicht mehr leisten», sagt er. «Bin schnell müde.» «Und du hast weniger Geduld», wirft seine Frau ein. «Ja, das stimmt wohl», sagt er. Sie hat ihn zum Pressetermin begleitet, er kann noch immer nicht selber Auto fahren. Wieder im angestammten Beruf zu arbeiten, ist unvorstellbar. Das Hotel haben die Schmieds im Jahr 2010 verkauft. Sie arbeitet jetzt im Service. Der Unfall hat das Leben der ganzen Familie verändert – auch das des damals 9-jährigen Sohnes. «Zum Glück hatte er einen aufmerksamen Lehrer», sagt Yvonne Schmied. Der habe die feinen Verhaltensänderungen seines Schülers bemerkt und eine Therapie angeregt. «Die Kinder leiden mit, das geht oft vergessen.» Auch darauf will Hans Schmied aufmerksam machen.

Kampf für ein «normales» Leben

So hat er sich entschieden, beim Film «Gleich und anders – wenn die Psyche uns fordert» von Jürg Neuenschwander (vgl. Text links) mitzumachen. Zwei Wochen lang hatte er es sich überlegt, heimlich gehofft, der Kelch gehe an ihm vorüber, genügend andere Protagonisten würden gefunden. Doch der Regisseur wollte ihn dabei haben. «Mich hat dieses Vorher-Nachher, dieser unglaubliche Bruch in seinem Leben, beeindruckt», sagt Jürg Neuenschwander auf Anfrage. Hans Schmied verkörpere für ihn eindrücklich, wie stark Menschen mit einer psychischen Erkrankung gefordert seien, «wie stark sie kämpfen müssen – täglich, stündlich – für ein Leben, das uns normal erscheint».

Hans Schmied kämpft. Und er engagiert sich. Unter anderem mit der Gründung des Vereins «Gleich und anders Schweiz», der zum Ziel hat, Neuenschwanders Film in der ganzen Schweiz zu zeigen und dem Publikum Gelegenheit zu geben, sich mit den Protagonisten auszutauschen. Zum Beispiel am kommenden Sonntag im «Cinema 8».

Film: «Gleich und anders – wenn die Psyche uns fordert», Sonntag, 26. 2., 11 Uhr, Cinema 8, Schöftland. Eintritt frei. Anschliessend Dialog mit Protagonisten und Apéro.