Birrhard

Dieser Hund kann die Gefahr riechen

Dean Kummer aus Birrhard leidet an einer äusserst seltenen Krankheit – Familienhund Eyk assistiert ihm.

Wer mit Eyk unterwegs ist, fällt auf. Mit seinen verschiedenfarbigen Augen und dem langen weiss-schwarz-braun gefleckten Fell, zieht der Hund viele Blicke auf sich. Dazu trägt er eine orangefarbene Weste. Diese ist jedoch kein neckisches Modeaccessoire für Hunde, sondern signalisiert: Hier ist ein Assistenzhund im Einsatz. Der Australian Shepherd arbeitet für einen 12-jährigen Jungen.

Dean Kummer kam mit multiplen organischen Behinderungen, mehrfachen Herz- und Lungenfehlern, geistiger Retardierung und weiteren Zusatzdiagnosen zur Welt. Er ist weltweit der einzige Mensch mit genau dieser Kombination von Symptomen, der bekannt ist. Deswegen gibt es dafür auch keinen offiziellen Namen. «Unklares Dysmorphiesyndrom» nennen die Ärzte die genetisch verursachte Krankheit.

Der Australian Shepherd Eyk wird zum Assistenzhund des 12-jährigen Dean trainiert.

Der Australian Shepherd Eyk wird zum Assistenzhund des 12-jährigen Dean trainiert.

Dean leidet unter einer weltweit einzigartigen Genmutation, die in physisch und psychisch beeinträchtigt. Zwar kann der 12-Jährige gehen und rennen, aber wenn er sich zu sehr anstrengt, kann es unter Umständen lebensgefährlich werden.  Das dann ausgestossene Adrenalin riecht Assistenzhund Eyk und alarmiert Deans Mutter, indem er in einen Gummi-Knüppel an ihrem Hosenbund beisst oder sie mit der Nase in die Seite stupst.  Eyk kann aber auch Türen öffnen, Medikamente bringen und Dean in seinem Wägelchen ziehen.

Der Weg zum Assistenzhund

Die Eltern von Dean, Michèle und Marco Kummer, und seine Brüder Lennox und Finian sind froh um Eyks Einsatz. Dabei war nicht geplant, dass der Australian Shepherd zum Assistenzhund wurde. Ursprünglich holten Kummers Eyk nämlich als Familienhund zu sich nach Birrhard. Doch schon bald bemerkten sie, dass das Tier ein eigenartiges Verhalten an den Tag legte. Sobald Dean aus dem Rollstuhl aufstand und ein bisschen herumlief, wurde Eyk nervös. «Er hat gespürt, dass mit Dean etwas nicht stimmt», sagt Michèle Kummer.

Daraufhin wandte sie sich an Sandra Lindenmann, eine Assistenzhundeausbildnerin. Lindenmann fand, dass Eyk die charakterlichen Grundvoraussetzungen für einen Assistenzhund mitbringe: eine enge Bindung zum Herrchen, einen besonnenen Charakter und einen grossen Willen. Zudem muss ein ausgeprägter Spieltrieb vorhanden sein, denn das Training baut darauf auf. So reifte die Idee, aus Eyk einen Assistenzhund zu machen.

Nachdem er den Grundgehorsam erlernt hatte, begann die eigentliche Ausbildung. Ein halbes Jahr lang trainierten Deans Mutter und Lindenmann jeden Monat während dreier Tage intensiv mit Eyk. Das Gelernte wurde oft wiederholt und geübt. Am Anfang sei es schwierig gewesen, schildert Michèle Kummer: «Eyk war ein sehr dynamischer Welpe und hat mich gefordert.» Mittlerweile ist der fünfjährige Hund allerdings die Ruhe selbst und arbeitet stets konzentriert mit.

Weil Dean viele Dinge selber machen kann und auch nicht ständig auf den Rollstuhl angewiesen ist, besteht Eyks Hauptaufgabe weniger im Assistieren, sondern vielmehr im Warnen. Wegen seinen Herz- und Lungenfehlern kann für Dean schon geringe Anstrengung gefährlich, unter Umständen sogar lebensbedrohlich, werden. Eine Überforderung von Deans Körper zu erkennen, ist schwer, doch es gibt Frühanzeichen. Bei Überanstrengung schüttet der Körper den Stoff Adrenalin aus, der den Blutdruck und die Herzfrequenz erhöht. Menschen bemerken das nicht, aber die feine Nase eines Hunds riecht das Adrenalin. Eyk rennt dann sofort zu Michèle Kummer und beisst in den Gummistrick, den sie am Hosenbund trägt oder stupst sie in die Seite. So kann sie reagieren und dafür sorgen, dass ihr Sohn sich ausruht oder Medikamente einnimmt.

Eyk ist eine Entlastung

Michèle Kummer erinnert sich noch genau an den ersten Ernstfall: «Bis anhin hatten wir immer mit T-Shirts geübt. Wir gingen spazieren und Dean lief voraus. Eyk zerrte die ganze Zeit an der Leine und benahm sich unmöglich. Erst habe ich mich genervt, dann kam mir in den Sinn ihn loszulassen. Sofort rannte er zu Dean, schnupperte an ihm, kam zurück und zeigte mir den Adrenalinstatus an. Da habe ich gemerkt, dass das Training Früchte trägt.» Für Michèle Kummer ist Eyks Einsatz eine Entlastung: «Natürlich kann ich die beiden nicht ganz alleine lassen. Aber ich muss jetzt nicht mehr die ganze Zeit neben Dean stehen und aufpassen.» Eyk ist allerdings nicht rund um die Uhr im Einsatz. In die Schule geht er nicht mit. Nachts hat er ebenfalls frei. Und wenn Dean zu Hause ist, hat er immer wieder Pausen.

Doch auch in der Freizeit verhalte Eyk sich «erwachsen», erzählt Michèle Kummer. Er sei intelligent und habe eine rasche Auffassungsgabe. Ab und zu spiele er allerdings den Clown und bringe durch seine Kunststücke die Kinder zum Lachen. Gegenüber Fremden ist Eyk nicht allzu enthusiastisch, was ein grosser Vorteil ist. Denn so lässt er sich bei seiner Arbeit nicht von anderen Menschen ablenken.

Seine Konzentrationsfähigkeit zeigt Eyk beim Training. Mustergültig kommt er auf Michèle Kummers Kommando angetrabt, setzt sich hin und wartet auf weitere Anweisungen. Eyk hat aber noch mehr Fähigkeiten. Er kann die Medikamente holen, Licht machen und Türen öffnen. Gelegentlich zieht er Dean sogar in einem Wagen herum. Für so viel Einsatz gibt es immer viel Lob und ein Leckerli.

Allerdings können sich Eyks Besitzer nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Der Hund muss fortlaufend trainiert werden. Alle zwei Jahre gilt es Prüfungen zu bestehen, damit Eyk weiterhin als Assistenzhund zugelassen ist.

Mittlerweile ist Dean von der Schule nach Hause gekommen und streichelt seinen tierischen Assistenten. Danach wird Eyk die orangene Weste angezogen. Augenblicklich richtet er sich auf und spitzt die Ohren: Es ist Einsatzzeit.

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