Mutig hatte sie sich im Badener Trafo mit ihrem Cello ins Aargauer Symphonie-Orchester gesetzt, um mit diesem Tschaikowskys 5. Sinfonie zu proben. «Ich mag den schönen, weichen Celloklang», hatte sie damals gesagt, «aber ob ich Musikerin werde, weiss ich nicht.» Wie lange ist das her? In Carola Gloors Augen blitzt es amüsiert auf: «Neun Jahre.»

Jahre, in denen viel passiert ist. Aus dem damals 13-jährigen Mädchen ist eine junge Frau und eine Musikerin geworden. Geblieben ist die gewinnende Ausstrahlung, die der Cellistin Carola Gloor in zweierlei Hinsicht zupasskommt. Einerseits auf dem Konzertpodium und andererseits beim Musikunterricht mit Kindern. «Ja», sagt sie gleich vorweg, «ich sehe meine berufliche Zukunft im Unterrichten, denn ich empfinde die Arbeit mit Kindern als schön und bereichernd.» Im Juli dieses Jahres hat sie ihren Bachelor an der Hochschule Luzern-Musik abgeschlossen; seit September studiert sie im Studiengang Master of Arts in Music Pedagogy.

«Wieder ein weiterer Schritt»

In Brugg wird man die junge Musikerin im November jedoch nicht als Pädagogin, sondern als Solistin in Camille Saint-Saëns› Cellokonzert Nr. 1 in a-Moll mit dem Orchesterverein Brugg hören. Das Konzert mit einem der prächtigsten romantischen Werke für das ebenso sonor wie samten klingende Streichinstrument ist für Carola Gloor ein Heimspiel. Bereits als Kind hat sie mit dem genannten Ensemble an einem Adventskonzert gespielt – mithin kennt sie die meisten Musiker. Ausserdem sitzen im Orchester ihr Vater, ein Profi-Klarinettist, sowie eine Flöte spielende Studienkollegin.

Carola Gloor strahlt, als sie auf die Besonderheiten gerade dieser Komposition zu sprechen kommt. «Saint-Saëns hat das Cello hier mit all seinen Möglichkeiten und Facetten voll erfasst.» Was dieser erste grosse Orchesterauftritt für die in Brugg aufgewachsene Solistin bedeutet, fasst sie so zusammen: «Das ist wieder ein weiterer Schritt auf meinem Weg.»

Dabei hat Carola Gloor doch schon viele Schritte gemacht. Etwa an der Kantonsschule Wettingen, wo sie «einfach alles aufgesogen hat», wie sie lächelnd anmerkt. Vorerst habe sie, die einem musikalischen Elternhaus entstammt, Primarlehrerin werden wollen, aber dann habe sie die inspirierende Atmosphäre in der für ihre musische Ausrichtung weithin bekannten Schule gepackt: Das Musikstudium rückte in den Vordergrund. Doch bevor Carola Gloor an der Hochschule Musik-Luzern zu studieren begann, vollbrachte sie mit ihrer Maturaarbeit ein kleines, so betiteltes Wunder: «Das Streichquartett in E-Dur von Friedrich Theodor Fröhlich. Zum ersten Mal verlegt.»

Sie erhielt einen Sonderpreis

Was heisst das? Nun, Carola Gloor hat mit dem zweitältesten Streichquartett des mit 33 Jahren verstorbenen Brugger Komponisten eine Preziose aus ihrem Dornröschenschlaf aufgeweckt. Konkret: Sie hat die originale Notenhandschrift mittels eines speziellen Notenschreibprogramms transkribiert und danach einen Verleger für das frühromantische Werk gesucht – und ihn auch gefunden. Schliesslich meldete sich die Bruggerin mit ihrem überarbeiteten Werk für den 47. Nationalen Wettbewerb von «Schweizer Jugend forscht» an. Sie erntete dafür das Prädikat «hervorragend» und damit den Sonderpreis «Schweizer Jugend forscht: Kultur».

Wow, will man unwillkürlich rufen, unterlässt dies aber, weil Carola Gloor bescheiden abwinkt – als ob all dies zu viel des Guten wäre. Dabei ist das der Vergessenheit entrissene Streichquartett vom Arion Quartett in Brugg aufgeführt worden; dabei bekommt die Herausgeberin Dokumente, die sich mit Fröhlich befassen. Von wem? «Einem Nachfahren des Komponisten. Der hofft, dass sie bei mir gut aufgehoben sind.»

Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben. Und das auch dann, wenn sie über ihre vielen weiteren Projekte spricht. Sie lächelt, als ihr Gegenüber aufzählt, wo es sie schon überall erlebt hat. Zum Beispiel im Siggenthaler Jugendorchester; in Kemal Akçags Orchester «Die Preisträger», an der Freiluft-Serenade zum Auftakt des Brugger Jugendfests sowie im Wettinger Stella Maris Orchestra. Carola Gloor windet den beiden Gründern, dem Dirigentin Cristoforo Spagnuolo und der Konzertmeisterin Renate Steinmann, ein Kränzchen. «Wunderbar», sei die Arbeit mit ihnen und dem auf modernen sowie barocken Instrumenten konzertierenden Orchester. Bei Projekten auf modernem Instrumentarium leitet Carola Gloor seit 2013 das Celloregister als Stimmführerin. «Aber meine besondere Liebe gilt der Barockmusik», sagt sie und beginnt vom Barockcello und dessen «obertonreichem Klang» zu schwärmen. Ja, man hört ihr gerne zu, dieser jungen Frau, die so warmherzig-engagiert von Musik spricht und dennoch – bei allen hochfliegenden Plänen – sympathisch geerdet erscheint.