Er passt in keine Schublade. Vor wenigen Tagen hat Martin Wildi seine gelbe Segeltuchtasche erneut gepackt und ist Richtung USA aufgebrochen.

«Je nach Anzahl Büchern habe ich elf bis zwölf Kilo Gepäck dabei. Ich bin eigentlich nur in Gegenden mit warmem Klima unterwegs», sagt Wildi mit leiser Stimme und lächelt.

Eine seiner ersten Weltreisen führte ihn 1993 nach Indien, von wo er krank zurückkam. Der gelernte Schriftsetzer arbeitete mehrere Jahre auf dem Beruf und später bei der Post – zuletzt im Sortierzentrum Mülligen. Fixe Tagesabläufe, Hektik und Stress am Arbeitsplatz waren für den Staufener ein Gräuel.

Mit 35 Jahren absolvierte er berufsbegleitend die Aargauische Maturitätsschule für Erwachsene (AME).

Wildi schätzte es im Lauf der Zeit immer mehr, «Herr über seine eigene Zeit» zu sein. Er wanderte in seiner Freizeit durch den Jura, ging in die Badi und radelte nach Abschluss der AME mit seinem Drahtesel nach Wien, bevor er für ein Jahr auf Weltreise ging.

Sein Wissensdurst zog ihn dann für die Lehrerbildung nach Bern. Nach dem ersten Praktikum wechselte der Aargauer an die Universität Bern.

Während zwölf Semestern besuchte er dort unzählige Vorlesungen in Geschichte, Religionswissenschaft, Englisch, Russisch, Allgemeiner Ökologie und Chemie. Wildi nahm an Seminaren teil und fühlte sich wie in einem Selbstbedienungsladen des Lernens.

«Ich konnte richtig in die Themen eintauchen und Fortsetzungsvorlesungen besuchen», schwärmt er.

Um Leistungsausweise hat sich der heutige Weltenbummler nie gross gekümmert – viel wichtiger war die geistige Nahrung.

Stundenlang hat er sich hinter Büchertürmen in der Bibliothek verschanzt, gelesen und nachgedacht. In den Semesterferien reiste er durch Europa.

Wildi kann sich schlecht vorstellen, irgendwo sesshaft zu werden: «Wenn ich zu lange am gleichen Ort bin, werde ich träge und lethargisch. Im Sumpf des Alltags bildet sich eine Kruste, die man kaum mehr wegbringt.»

Der Schweiz den Rücken zu kehren, war nach dem Ende einer Beziehung im Jahr 2009 für den Aargauer kein grosser Schritt mehr: «Ich kann es mir ja gar nicht leisten, längere Zeit in der Schweiz zu leben.»

Wildi ist sparsam unterwegs: «Mit dem Geld für zwei Krankenkassenmonatsprämien in der Schweiz, kann ich einen Monat in Malaysia leben.»

Finanziell zehrt er von seinem Ersparten. Das Erbe seiner vor Jahren verstorbenen Eltern hat er möglichst gewinnbringend angelegt: «Im Idealfall reicht das Geld, bis ich 65 Jahre alt bin.»

Der Staufener zahlt weiterhin in die AHV ein. Auf Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe war er noch nie angewiesen.

Mit dem Geld aus der zweiten Säule hat sich der 51-Jährige vor zwei Jahren eine Schiffsbeteiligung erworben. Dadurch profitiert er von günstigen Kabinenpreisen, wenn er auf den Weltmeeren unterwegs ist.

Mit seinem Lebensmodell ist Wildi kein Exot. Unterwegs trifft er immer wieder auf spannende Aussteiger-Typen: «Ich treffe vor allem Deutsche, Engländer oder Amerikaner, aber kaum Franzosen oder Schweizer.»

Manche arbeiten unterwegs. So etwa ein kanadischer Anwalt, der seine Kunden während der Reise von Neuseeland aus betreut.

Er selber habe die Arbeit noch nie vermisst, so Wildi. Für eine Gratis-Übernachtung hilft er allerdings schon mal bei der Reinigung in einem Hostel mit.

Autostopp oder Couchsurfing hingegen sind nichts für ihn. Wenn es sich ergibt, besucht er unterwegs Leute, die er von früheren Reisen kennt.

Der ehemalige Schriftsetzer schätzt an seinem Lebensstil besonders, dass er morgens liegen bleiben kann.

Er blickt mit Bedauern auf gehetzte Berufsleute, die fast verzweifeln, wenn der Zug mal ein paar Minuten Verspätung hat.

Wenn er auf Durchreise in der Schweiz ist, fällt ihm Folgendes ganz besonders auf: «Es wird zu wenig geschätzt, wie gut die Sachen in der Schweiz funktionieren. Die Leute haben keine Freude. Ausländer werden hier als Bedrohung gesehen. Das ist doch schade.»

Unterwegs erlebt Wildi genau das Gegenteil – vor allem in Asien: Die Leute lachen und sind gastfreundlich.

Der Reisefreak lebt in den Tag hinein und geniesst die Leichtigkeit des Seins: Sein Faltvelo wartet in Singapur auf den Aargauer.

In einem Hostel in den Cameron Highlands in Malaysia hat der 51-Jährige seine Wanderschuhe und die Fleecejacke deponiert.

Und wann kommt er wieder in die Schweiz? «Keine Ahnung. Ich habe dieses Jahr nur noch einen fixen Termin. Mitte August muss ich im kalifornischen Oakland das Frachtschiff nach Hongkong erwischen», sagt Wildi und lacht herzhaft.

Wildis Tipps für Frachtschiffreisende auf www.pier-one.net