33 Jahre lang war er Kondukteur bei den SBB. Heinz Husistein (61) ist ein Bähnler durch und durch. Und selbstverständlich pünktlich wie die Schweizer Eisenbahn. Auch für den Termin mit der Aargauer Zeitung.

Für das Gespräch haben wir im Amphitheater in Windisch abgemacht. Zum letzten Mal hier war Heinz Husistein vor zwei Jahren für die Bundesfeier. Vor seinem inneren Auge tauchen Erinnerungen an seine Schulzeit auf. Daran, wie er als Kind mit seiner Klasse zur Jugendfestmorgenfeier ins Amphi einmarschierte oder auch daran, wie sein Sohn vor ein paar Jahren eine Kantonsfahne an der 1.-August-Feier ins Amphi tragen durfte, obwohl Heinz Husistein mit seiner Familie damals gar nicht mehr in Windisch wohnte.

Doch von vorne. Die Geschichte von Heinz Husistein beginnt in Brugg, wo er geboren wurde. Kindergarten und Schule besucht er zwischen 1963 und 1973 dann in Windisch. Die Lehre macht er als Werkzeugmaschinist bei der BBC. Nach Abschluss der Ausbildung wechselt er aber rasch zu den SBB als Kondukteur. Diesen Job macht er 33 Jahre lang.

Bereits als junger Mann lockt ihn aber auch das Reisen. Er bereist praktisch die ganze Welt: Nordafrika, den Senegal, Hongkong, Singapur, die USA, Spanien und sonst viele europäische Länder. Und Brasilien. Im Alter von 24 Jahren ist er erstmals dort und seither hat es ihn nicht losgelassen. Er schwärmt von der Lebensfreude, vom Klima. «Ich bin gerne an der Wärme», sagt er.

«Wenn in der Schweiz Winter war, ging ich nach Brasilien.» Dank seinem kulanten Arbeitgeber kann er sich jeweils einmal im Jahr unbezahlten Urlaub nehmen. Mindestens einmal im Jahr fliegt er nach Brasilien. Und dann passiert es: Im Mai 1998 lernt er in einem Hotel in Rio de Janeiro seine zukünftige Frau kennen, eine Angestellte des Hotels.

Wohnung an der Copacabana

Noch im gleichen Jahr besucht Ana Paula (49) Heinz Husistein in der Schweiz. Es folgt ein Hin und Her, bis sie 1999 schwanger wird. Die beiden heiraten Anfang 2000 in Rio de Janeiro und kommen darauf in die Schweiz. «Sie wollte in der Schweiz gebären, weil sie hier den Spitälern mehr vertraut hat», sagt Heinz Husistein.

Sohn Roberto kommt auf die Welt. Er besucht den Kindergarten und die ersten zwei Primarklassen in Windisch. Den Schweizer Winter verbringt die Familie jeweils im brasilianischen Sommer. Bis sie sich 2009 entscheidet, nach Brasilien auszuwandern. «Meine Frau hatte Heimweh und ich konnte es mir sehr gut vorstellen, in Brasilien zu leben», sagt Heinz Husistein.

In Rio de Janeiro lebt die Familie direkt am berühmten Stadtstrand Copacabana. Heinz Husistein arbeitet als Reiseleiter und Dolmetscher für hauptsächlich europäische Touristen. Er spricht sechs Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Die Verwandtschaft seiner Frau akzeptiert ihn rasch, der Mythos vom reichen Schweizer verflüchtigt sich bald, wenn er erklärt, wie hoch sein Lohn in der Schweiz ist, wie viel aber auch ein Kilogramm Rindsfilet kostet. Ausgegrenzt wird Heinz Husistein nicht.

Aber: «Manchmal schämte ich mich, Schweizer zu sein», sagt er. «Und zwar dann, wenn ich Schweizer Touristen in der Beiz oder am Strand über die Frauen reden hörte.» Mühe hat er, der Schweizer Eisenbähnler, mit der nicht vorhandenen Pünktlichkeit der Brasilianer. Aber auch damit lernt er mit der Zeit umzugehen.

Was Heinz Husistein vor dem Auswandern nicht bedenkt hat: Die Touristen sind nicht das ganze Jahr vor Ort. Und so entscheidet er sich, jeweils zwischen fünf und sieben Monaten in der Schweiz bei der Rhätischen Bahn zu arbeiten. Das Bündner Bahnunternehmen sucht jeweils in den Sommermonaten Saisonniers aufgrund des Touristenandrangs. Er pendelt zwischen Brasilien und der Schweiz, Sohn und Frau sieht er im Sommer jeweils einen Monat, wenn in Brasilien Winterferien sind und sie in die Schweiz kommen.

Soziale Lage verschlechtert sich

Doch nach der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 verschlechtert sich die wirtschaftliche und soziale Lage in Brasilien. «Wer die Möglichkeit hat, kommt nach Europa», sagt Heinz Husistein. Und so kehrt auch er im Frühling 2018 mit seiner Familie in die Schweiz zurück.

Auch, weil er möchte, dass sein Sohn, der mittlerweile 18 Jahre alt ist, eine Lehre in der Schweiz absolviert. Heinz Husistein ist nun bei der Rhätischen Bahn festangestellt, mietet sich ein Studio im bündnerischen Poschiavo. Seine Frau und sein Sohn leben in Windisch. Die Familie ist es sich gewohnt, hin und wieder getrennt voneinander zu leben.

Dadurch, dass die Familie nun wieder in Windisch angesiedelt ist, lässt sich Heinz Husistein den Zapfenstreich mit dem Klassentreffen sowie das Windischer Jugendfest nicht entgehen. «Ich freue mich sehr, die ehemaligen Gspänli wieder zu sehen», sagt er. «Heute hat man ja kaum noch Zeit, im Alltag diese Kontakte zu pflegen. Umso schöner ist es, wenn man sich dann wieder einmal unterhalten kann.»

Das Jugendfest ist für ihn als ehemaligen Präsidenten des «OK Jugipick», das sich aus je zwei Mitgliedern der Quartiervereine zusammensetzt, sowieso ein wichtiger Termin. Es sei ein Zusammenkommen von Generationen, ein Anlass, der das Zusammengehörigkeitsgefühl weckt. «Ich werde auch dieses Jahr als Springer im Einsatz sein», sagt er.

«Getränke auffüllen, Waren transportieren oder den Leuten helfen», sagt er. Auch in den nächsten Jahren dürfte dies so sein, jedenfalls solange der Sohn noch in der Lehre ist. Später kann es sich Heinz Husistein vorstellen, Teilzeit wieder in Brasilien zu leben. In dem Land, das ihn seit 1982 nicht mehr loslässt, wo es warm ist, wo Lebensfreude herrscht.