Brugg/St. Gallen
Dieser 94-Jährige rennt Marathons – sein Betreuer erklärt, wie diese Leistung möglich ist

Albert Stricker nimmt am Sonntag erstmals am 6-Stunden-Lauf teil. Zudem plant er eine erneute Teilnahme an einem Marathon – Betreuer Beat Knechtle erklärt, wie diese Leistung möglich ist.

Janine Müller
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2013 absolvierte Albert Stricker den Luzern Marathon.

2013 absolvierte Albert Stricker den Luzern Marathon.

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Im Alter von 90 Jahren absolvierte Albert Stricker erstmals den Luzern Marathon. Das hatte ihm danach Auftritte in den SRF-Sendungen «Aeschbacher» und bei «Glanz & Gloria» beschert. Nun nimmt der St. Galler zum ersten Mal am Laufwochenende in Brugg teil. Sechs Stunden lang wird er im Schachen seine Runden drehen. Schafft er das, ist es ein Altersrekord. Es gibt gemäss Veranstalter keinen Mann in dieser Kategorie, der je sechs Stunden am Stück gelaufen ist.

Das Palmarès von Albert Stricker ist beeindruckend: zweifacher Doppel-Europameister in der Kategorie M85 über 10 km und Halbmarathon (21,0975 km), Doppel-Europameister in der Kategorie M90 über 10 km und Halbmarathon, Europarekord in der Kategorie M90 im Marathon (42,195 km) sowie Europarekord in der Kategorie M90 im Halbmarathon. Den Weltrekord im Marathon in der Kategorie M90 hat er um zwei Minuten verpasst.

Zum passionierten Sportler wurde der St. Galler erst nach seiner Pensionierung. Zuvor joggte er aus gesundheitlichen Gründen. Der Maschineningenieur hatte in der Firma, in der er arbeitete, viel Verantwortung. «Hinter jeder Stelle stand nicht nur ein Arbeiter, sondern auch eine Frau und Kinder», sagte er einmal gegenüber dem «St. Galler Tagblatt». Der seelische Druck sei deshalb gross gewesen. Der Schwiegervater gab ihm den Rat, Sport zu treiben, und zeigte ihm zwei Möglichkeiten auf: fischen oder joggen. Und so begann Albert Stricker zu laufen, fischen habe ihm nicht zugesagt. Beim Laufen habe er Ruhe und Kraft gefunden, um nicht in ein Burnout zu rutschen, wie er gegenüber dem «St. Galler Tagblatt» ausführte. «Laufen schüttet Glückshormone aus und bringt mich auf andere Gedanken», sagt Stricker.

Eine Stunde Training täglich

Anfang dieses Jahres musste Albert Stricker allerdings erstmals auf sein geliebtes Hobby verzichten. Seine Frau ist vollumfänglich pflegebedürftig, er kümmert sich um sie. «Diese Situation hat mich dermassen beansprucht, dass ich gar nicht laufen mochte», sagt er am Telefon. Seit gut einem Jahr kümmert sich Albert Stricker rund um die Uhr um seine Frau (94).

Erst im April konnte er das Training wieder aufnehmen. «Das ist mir sehr schwer gefallen», sagt er. «Am Anfang musste ich zwischenzeitlich gehen während des Trainings.» Die Situation zu Hause hat sich einigermassen eingependelt. «Jetzt kann ich die Pflege und das Training kombinieren», sagt Stricker. Seine Frau habe ihn auch dazu ermuntert, wieder laufen zu gehen.

Etwa eine Stunde täglich läuft Albert Stricker. «Manchmal mehr, manchmal weniger, je nach Lust», sagt er. Die Teilnahme am 6-Stunden-Lauf in Brugg ist ein Ersatz für den eigentlich geplanten Marathon in Irland. Die Teilnahme haben Albert Stricker und sein Betreuer Beat Knechtle, der Arzt und Ausdauerläufer ist, auf nächstes Jahr verschoben. «Kurz nach seinem 95. Geburtstag im Oktober 2018 werden wir dann einen Marathon laufen mit dem Ziel, den Weltrekord in der Kategorie M95 zu setzen», sagt Beat Knechtle. Albert Stricker betont, dass ihm die Titel und all die Medaillen nicht viel bedeuten. «Ich nehme nur an Wettkämpfen teil, damit ich einen Ansporn fürs Training habe», sagt er.

Beat Knechtle ist Ausdauerathlet, Arzt und Betreuer «Wir haben schon Kritik geerntet von Chefärzten und Professoren, aber das stört uns nicht.»

Beat Knechtle ist Ausdauerathlet, Arzt und Betreuer «Wir haben schon Kritik geerntet von Chefärzten und Professoren, aber das stört uns nicht.»

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Für den 6-Stunden-Lauf hat er sich kein Streckenziel gesetzt. «Das Tolle an diesem Lauf ist, dass ich so laufen kann, wie ich es möchte, egal wie weit ich dabei komme.» Begleitet wird Albert Stricker auch in Brugg von Beat Knechtle, der selber mitläuft. Dessen Frau wird beide Läufer betreuen. Knechtle war es, der Stricker auf den Lauf in Brugg aufmerksam gemacht hat.

Der Arzt und Ausdauerläufer erklärt, wie eine solche Leistung in hohem Alter möglich ist, folgendermassen: «Bei Albert Stricker kommen folgende Punkte zusammen: ein extremer Wille, jahrelanges Training und eine sehr robuste Gesundheit. Deshalb kann er noch immer in hohem Alter solche Leistungen erbringen.»

Ist das noch gesund?

Die Grundvoraussetzungen dafür seien regelmässiges Training. «Die einstündigen Einheiten muss er relativ schnell laufen, also deutlich über dem geplanten Wettkampftempo.»

Erfahrungsgemäss werde Albert Stricker nach rund 3 Stunden einen Halbmarathon hinter sich haben, und in 6 Stunden seien je nach Wetter 36 bis 38 Kilometer möglich. Auf die Frage, ob es gesund ist, in diesem Alter noch 6 Stunden zu laufen, erwidert Knechtle: «Wir haben schon Kritik geerntet von Chefärzten und Professoren, aber das stört uns nicht. Aus kardialer Sicht ist Albert Stricker topfit.» Ein Leistungstest, den Albert Stricker mit 90 absolviert hatte, habe eine Leistungsfähigkeit hervorgebracht, die einem 70-Jährigen entspricht.

«Das Problem, das wir haben, ist die Tatsache, dass die Muskulatur Jahr für Jahr zurückgeht und seine Beine immer dünner werden», führt Knechtle aus. «Deshalb wird es relativ zäh, nach einem Halbmarathon noch die Kilometer bis zum Marathon anzuhängen.» Wer mit 94 Jahren gleich fit sein möchte wie Albert Stricker, braucht gemäss Knechtle nebst einer klaren Zielsetzung, einem regelmässigen Training und Wettkämpfen auch eine genetisch bedingte, extrem robuste Gesundheit.

Brugger Laufwochenende am 23. und 24. September im Schachen in Brugg.